Ausgebremst auf der Zielgeraden Siltronic: Übernahme des deutschen Wafer-Spezialisten vor dem Aus

Von Michael Eckstein

Beim taiwanischen Chip-Zulieferer Globalwafers schwindet die Hoffnung, dass die 2020 angekündigte Übernahme des Münchner Wettbewerbers Siltronic noch gelingt. Bis 31. Januar müssen alle Genehmigungen vorliegen – doch das Bundeswirtschaftsministerium mauert.

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Silizium-Wafer sind unverzichtbares Vorprodukt für die Halbleiterfertiger dieser Welt.
Silizium-Wafer sind unverzichtbares Vorprodukt für die Halbleiterfertiger dieser Welt.
(Bild: Siltronic)

Ende 2020 hatte Globalwafers angekündigt, den deutschen Wettbewerber Siltronic übernehmen zu wollen. Das fusionierte Unternehmen wäre in Punkto Marktanteil auf Augenhöhe mit dem japanischen Chemiekonzern Shin-Etsu Chemical, dem heute mit Abstand größten Hersteller von Polyvinylchlorid und Silizium-Wafern – beides essenzielle Vorprodukte für die Halbleiterindustrie. Seitdem verhandelt Globalwafers mit Außenwirtschaftsbehörden mehrerer Staaten. Zuletzt hatte China einer Freigabe der rund 4,35 Milliarden Euro schweren Transaktion unter Auflagen zugestimmt.

Doch die Verhandlungen mit der Bundesregierung stocken. Nun hat Globalwafers-Chefin Doris Hsu am Donnerstag bestätigt, „dass es uns in letzter Zeit nicht möglich war, mit der deutschen Regierung über die Transaktion zu sprechen“. Noch sei es aber nicht zu spät, um grünes Licht zu geben. Einzig: Dieser Schritt müsste jetzt schnell erfolgen. Denn bis zum 31. Januar müssen alle Genehmigungen für die Übernahme vorliegen, sonst platzt der Deal.

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Auswirkungen auf die nationale Sicherheit und Versorgungssicherheit werden geprüft

Laut Medienberichten will das Bundeswirtschaftsministerium die Frist verstreichen lassen. Eine Sprecherin des Ministeriums wollte sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Bei einem Scheitern der Übernahme würde Globalwafers anderswo investieren, sagte Hsu – vorwiegend außerhalb Europas.

Das Bundeswirtschaftsministerium prüft nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa mögliche negative Auswirkungen auf die nationale Sicherheit und die Versorgungssicherheit für die Chipindustrie. Insgesamt nimmt es das Vorhaben bereits seit über einem Jahr unter die Lupe.

Schlüsseltechnologien für Chipindustrie unter besonderer Beobachtung

Gut möglich ist, dass angesichts des seit Monaten grassierenden Chipmangels das Thema Halbleiter verstärkt in den Fokus der Behörde gerückt ist – und man dessen strategische Bedeutung für die ambitionierten Pläne der EU-Kommission für die europäische Halbleiterindustrie neu bewertet hat. Das Ministerium von Robert Habeck (Grüne) fürchtet offenbar, dass mit der ehemaligen Tochter des deutschen Chemiekonzerns Wacker Chemie wichtige zukunftsorientierte Technologien ins Ausland abwandern würden, die für die Chip-Industrie essenziell sind.

Bei der Bewertung dürften auch die außenpolitischen Spannungen in Fernost eine Rolle spielen: China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und stellt mit seiner knallharten Ein-China-Politik klar, dass es die Insel eher früher als später heim ins „Reich der Mitte“ holen wird – auch mit militärischen Mitteln. Das würde möglicherweise schwerwiegende Auswirkungen auf die globale Halbleiter-Lieferkette haben. Und damit würden auch wichtige Schlüsseltechnologien – eben etwa Siltronics Wafer-Knowhow – in chinesische Hände fallen.

Hsu: „Extrem weitreichende Zugeständnisse gemacht“

Globalwafers habe der Regierung „extrem weitreichende Absicherungen angeboten“, sagte Hsu. Laut Verhandlungskreisen geht es dabei unter anderem um eine „goldene Aktie“, die der Bundesregierung ein Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen gäbe, außerdem ein Rückabwicklungsrecht für den Fall, dass Siltronic oder Globalwafers weiterverkauft würden.

Siltronic stellt wie Globalwafers Siliziumscheiben (Wafer) her, aus denen Halbleiter produziert werden, und ist der einzige europäische unter den weltweit fünf größten Anbietern. Zusammen könnten sie zum japanischen Weltmarktführer Shin-Etsu Chemical aufschließen. Hsu versuchte die Sorgen in der Politik zu zerstreuen. Globalwafers sei „kein ausländischer Käufer von Schlüsseltechnologien, sondern – ebenso wie Taiwan – ein starker Partner für die europäische Halbleiterindustrie.“ Für diese sei Globalwafers schon jetzt ein wichtigerer Lieferant als Siltronic. Tatsächlich hatte Globalwafers 2020 rund 17 Prozent Marktanteil – und damit etwa vier Prozent mehr als der deutsche Wettbewerber.

Ungewissheit lässt Siltronic-Aktie abstürzen

Neben Hsu warb laut der Nachrichtenagentur Reuters auch Wacker-Chef Christian Hartel für die Genehmigung aus Berlin: „Der Zusammenschluss (...) bietet Siltronic langfristige Investitions- und Wachstumschancen, er sichert die Zukunft der deutschen Standorte in einem wettbewerbsintensiven globalen Umfeld und er bindet die führende Halbleiternation an Europa, statt sie zu entfremden.“ Wenn die Regierung keine Entscheidung träfe, „wäre das ein falsches Signal an unsere internationalen Partner und Investoren“. Wacker Chemie winken bei einem Verkauf seines 31-Prozent-Anteils 1,2 Milliarden Euro.

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Börsianer haben die Hoffnung auf ein Zustandekommen der Transaktion offenbar längst aufgegeben: Die Siltronic-Aktie lag am Donnerstag mit 113 Euro mehr als 20 Prozent unter den 145 Euro, die die Taiwaner bieten.

Mit Material von Reuters, dpa

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