Silicon Labs kauft Z-Wave: Kein Gewinn für Geräte- und Systemhersteller

| Autor / Redakteur: Lyn Matten / Sebastian Gerstl

Lyn Matten ist Geschäftsführer der mm1 Technology GmbH und diplomierter Wirtschafts-Informatiker.
Lyn Matten ist Geschäftsführer der mm1 Technology GmbH und diplomierter Wirtschafts-Informatiker. (Bild: mm1 Consulting)

In den letzten Jahren hat sich der Heimvernetzungsmarkt enorm konsolidiert. Nun hat Silicon Labs mit dem Zukauf von Z-Wave sein Portfolio erneut erweitert. Diese massive Bündelung unterschiedlicher Technologien unter einem Dach bringt für Gerätehersteller aber nicht nur Vor- sondern auch enorme Nachteile. Ein Kommentar zur derzeitigen Lage.

Silicon Labs hat sich in den vergangenen Jahren ein beachtliches Portfolio an drahtlosen Technologien eingekauft. Mit Bluetooth, Wifi, Thread und ZigBee liefert Silicon Labs auf einer gemeinsamen Hardware Plattform die bekanntesten Funktechnologien zur Integration in Produkte und Lösungen. Anfang Dezember 2017 hat Silicon Labs angekündigt, Sigma Designs - den einzigen Inhaber sämtlicher Intellectual Property rund um die Funktechnologie Z-Wave – für 282 Mio. Dollar zu übernehmen. Tyson Tuttle, CEO von Silicon Labs, sieht die Akquisition als konsequenten Schritt hin zum „one-stop shop“ für drahtlose Connectivity im Heimbereich.

Aus der Sicht eines Chiplieferanten mag das ein logischer Schritt sein. Unter-nehmen, die drahtlose Technologien in Ihre Produkte und Lösungen integrieren wollen, haben jedoch keinen Vorteil davon - insbesondere bei der diffizilen Auswahl der richtigen Funktechnologie.

Die Qual der Wahl: Funktechnologien haben keine klaren Anwendungsszenarien

Während die bisher von Silicon Labs angebotenen Funktechnologien jeweils ein spezifisches und unterscheidbares Anwendungsszenario unterstützen, ist Z-Wave lediglich komplementär zu ZigBee.

So umfasst das Portfolio von Silicon Labs bisher folgende Technologien:

  • Bluetooth fokussiert auf batteriebetriebene Geräte, die im Nahbereich direkt mit Smartphones und Computern ohne zusätzliches Gateway etc. kommunizieren können. Hauptfokus sind Wearables und drahtlose Audio-Anwendungen sowie Beacons.
  • Wifi fokussiert auf allgemeine Internet-Nutzung und Anwendungen mit hohen Datenraten wie Video on Demand.
  • ZigBee liefert ein System für Heim- und Industrie-Vernetzung. Bekannte Systeme wie Qivicon, das Smart Home System der Telekom, aber auch der Energy Bereich oder große Zutrittskontroll-Hersteller nutzen den Funkstandard.
  • Thread ist eine relativ neue Technologie, die aus der Nest-Übernahme durch Google entstanden ist. Thread möchte vor allem nahtlose IP Kommunikation im Heimbereich bereitstellen.

Bereits mit der Veröffentlichung von Bluetooth 5 wird diese klare Unterscheidung verschwimmen. Durch höhere Reichweite, Meshing und einen deutlich größeren Adressraum kann Bluetooth zu einer relevanten Alternative zu ZigBee und Thread im Heimautomations-Bereich werden. Mit Z-Wave kommt noch eine weitere Funktechnologie mit Fokus auf den Heimbereich hinzu.

Bisher war für den Anwender eine Auswahl im Silicon Labs Portfolio aufgrund der eindeutigen Spezifizierung relativ leicht, wenn er sich über die Anforderungen an Funk aus seinen Produkten klar war. Nun wird die Auswahl der richtigen Funktechnologie deutlich schwieriger.

Z-Wave kämpft mit zunehmender Konkurrenz und nachlassender Attraktivität

Die Bedeutung von Z-Wave ist in den vergangenen Jahren erheblich zurückgegangen. Der drahtlose Kommunikationsstandard hatte zwar jahrelang den Vorteil einer großen Produktpalette - so waren mehr als 1400 zertifizierte Z-Wave Produkte verfügbar – mittlerweile bietet ZigBee ähnlich viel.

Hält Bluetooth 5 was es verspricht, wird es auch 2019 eine beachtliche Anzahl von unterschiedlichsten Produkten mit Bluetooth basierten Smart Home Funktionen geben.

Für die nachlassende Attraktivität von Z-Wave spricht auch der – für die Chip-Branche – geringe Kaufpreis von 282 Mio. Dollar. Zum Vergleich: Qualcomm hat Ende 2016 NXP für 47 Mrd. Dollar übernommen.

Auswahl der richtigen Funktechnologie ist die größte Herausforderung

Bei der Auswahl der richtigen Funktechnologie gehört das Mapping der produktspezifischen Anforderungen auf die verfügbaren Technologien zu den größten Herausforderungen.

Ein Lieferant von Funktechnologie, der für klar umrissene Anwendungsgebiete jeweils eine Funktechnologie anbietet und aktiv bei der Integration unterstützt, bietet Unternehmen einen echten und messbaren Mehrwert. Sowohl Auswahlprozess, Prototypisierung als auch Entwicklung des Serienprodukts würden deutlich schneller und reibungsloser funktionieren.

Mit der Akquisition von Z-Wave scheint Silicon Labs allerdings einen anderen Weg einzuschlagen. Frei nach dem Motto „viel hilft viel“ wird dem Kunden nun eine möglichst große Anzahl von Funktechnologien angeboten.

Wenn Silicon Labs die Integration von Z-Wave auf ihre Mighty-Gecko-Hardware-Plattform gelingt, kann der Gerätehersteller zwar auf einer Hardware Basis zwischen den angebotenen Funktechnologien per Firmware Änderung wechseln und damit unter Umständen Produktions- und Wartungskosten im Hardwarebereich sparen. Ob das den zusätzlichen Aufwand bei der Auswahl und vor allem beim Support der unterschiedlichen Protokolle aufwiegt, darf aber bezweifelt werden. Aus Sicht von Geräteherstellern wäre daher ein Lieferant von anwendungsspezifisch klar unterscheidbaren Funktechnologien deutlich hilfreicher als ein Kataloganbieter mit zunehmend komplexem Portfolio.

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* Der Autor: Lyn Matten ist Geschäftsführer der mm1 Technology GmbH und diplomierter Wirtschafts-Informatiker mit einem Abschluss in Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften. Er verfügt über einen starken Hintergrund in IoT - und Funktechnologien, mit Schwerpunkt auf Smart Home und Gebäudeautomation. mm1 Technology GmbH ist spezialisiert auf Funk- und Embedded-Entwicklung für Connected Business-Angebote. Gemeinsam mit der Muttergesellschaft mm1 Consulting & Management PartG bietet Sie Konzeption und Umsetzung von IoT-Lösungen aus einer Hand an.

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