Siemens sortiert sich neu: Vorentscheidung für Kaeser-Nachfolge

| Autor / Redakteur: Thomas Fromm* / Sebastian Gerstl

Er galt schon als Favorit für den Posten. Nach der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch steht fest: Michael Sen führt künftig bei Siemens die Sparte Power and Gas, die in einem Jahr abgespalten und separat an die Börse gebracht werden soll.
Er galt schon als Favorit für den Posten. Nach der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch steht fest: Michael Sen führt künftig bei Siemens die Sparte Power and Gas, die in einem Jahr abgespalten und separat an die Börse gebracht werden soll. (Bild: Siemens)

Siemens trifft wichtige Personalentscheidungen: Mit Michael Sen steht nun die Leitung der Energiesparte fest, die 2020 an die Börse gehen soll. Sen gilt auch als möglicher Nachfolger von Siemens-Chef Kaeser. Zugleich rückt Roland Busch zum stellvertretenden Konzernchef auf.

Michael Sen ist einigermaßen selbstbewusst, ziemlich schlagfertig kann er auch sein. In einem Interview mit der SZ antwortete er mal auf die Frage, ob er sich auch - wie einige andere - als „Allzweckwaffe“ von Siemens sehe: Er würde sich „eher als Generalisten bezeichnen, der in seinem Berufsleben viel Erfahrung unter anderem in der Energiebranche und Medizintechnik gesammelt hat“. Das klang erstens durchaus nach einer ernst gemeinten Bewerbung für Höheres. Und zweitens machte Sen auch gleich klar, dass er nicht für jeden Job zu haben ist: „Sicherlich wäre ich nicht der richtige Mann, um Farben und Lacke zu verkaufen.“

Am Mittwoch nun beschloss der Aufsichtsrat des Konzerns: Sen soll neuer Chef der Energiesparte Power and Gas werden - schon vom 1. Oktober an soll er zusammen mit der amtierenden Chefin Lisa Davis das Kraftwerks- und Energiegeschäft führen. Anfang 2020 dann übernimmt er die alleinige Führung.

Interessant ist aber nun, was er nach dieser Entscheidung möglicherweise nicht mehr wird: Nachfolger des amtierenden Siemens-Chefs Joe Kaeser, dessen Vertrag Anfang 2021 ausläuft.

Der neue Chef der Energiesparte von Siemens könnte irgendwann sogar ein Dax-Chef werden

Neben Sen war auch noch Technologievorstand Roland Busch möglicher Kandidat für das Energiegeschäft. Stattdessen wird er nun Nachfolger der scheidenden Personalchefin Janina Kugel - und: Stellvertreter von Konzernchef Joe Kaeser und als solcher zuständig für die Umsetzung des neuen Strategieprogramms. Das kann man durchaus so interpretieren: Sollte Kaeser nach Ablauf seines Vertrages gehen, könnte es auf einen Nachfolger Busch hinauslaufen. Allerdings will der Aufsichtsrat eine Nachfolgedebatte im Moment vermeiden und erst im Sommer 2020 darüber entscheiden. Kaeser selbst lässt die Sache derzeit eh noch offen.

Die Personalplanung in diesem Riesenkonzern ist äußerst komplex, deshalb der Reihe nach. Das Besondere an Sens künftigem Job ist: Er wird nicht irgendein Spartenchef im Hause Siemens. Da das Energie-Geschäft mit seinen 30 Milliarden Euro Umsatz und 80 000 Mitarbeitern ausgelagert und 2020 an die Börse gebracht werden soll, geht es also um die Frage, wer hier demnächst Chef eines großen, womöglich dann im Dax börsennotierten Konzerns wird. Das wird Sen sein. Sen, 50, hatte bereits im Frühjahr 2018 die Siemens-Gesundheitssparte Siemens Healthineers an die Börse gebracht und im Konzernvorstand dann die beiden börsennotierten Gesellschaften Siemens Gamesa mit ihrer Windenergieerzeugung und das Medizintechnikgeschäft Healthineers vertreten.

Geboren in Korschenbroich am Niederrhein, aufgewachsen in Franken, nach dem Abi eine Stammhauslehre bei Siemens. Ein klassisches Konzerngewächs also. 2015 ging er mal als Finanzchef zum Energieversorger Eon, aber schon im April 2017 kam er zurück zu Siemens. Zwei Jahre Eon, in denen es unter anderem um die Trennung vom klassischen Kraftwerksgeschäft unter dem Namen Uniper ging - bei Siemens sind solche Erfahrungen und Ausflüge heute äußerst gefragt. Was die Sache besonders interessant macht: Mit Siemens-Chef Joe Kaeser und dann vielleicht Sen würden irgendwann zwei Vorstandschefs aus der Siemens-Welt einen Dax-Konzern führen - eine sehr außergewöhnliche Situation, zumal Sen eben lange auch als möglicher Nachfolgekandidat für Kaeser galt.

Kaeser, der Mann, der Siemens seit vielen Jahren prägt, würde, so heißt es, gerne später an die Aufsichtsratsspitze wechseln, von wo aus der 53-jährige Däne Jim Hagemann Snabe seit Anfang 2018 den Konzern beaufsichtigt. Der frühere C0-Vorstandschef von SAP hat nicht zufällig einen Sitz im Kontrollgremium bekommen, der Mann mit dem IT-Curriculum soll die Digitalisierung bei Siemens vorantreiben. Egal, ob Kaeser bei der Hauptversammlung Anfang 2021 geht oder sein Vertrag doch noch einmal verlängert würde: Er müsste auf jeden Fall zwei Jahre pausieren, bevor er auf die andere Seite in den Aufsichtsrat wechselt. Ob Snabe bis dahin Platz machen wird, ob er den Job gerne noch länger machen möchte als zwei bis drei Jahre - das alles ist derzeit offen.

Das große Siemens-Personalkarussell, so viel ist seit diesem Mittwoch klar, hat gerade erst begonnen, sich kräftig zu drehen.

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 18. 9. 2019.

* Thomas Fromm ist Reporter im SZ-Wirtschaftsressort.

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