Siemens holt sich Milliarden von der Börse - und setzt Arbeiter auf die Straße

| Autor / Redakteur: Ulrich Schäfer, SZ.de* / Sebastian Gerstl

Die Konzernzentrale von Siemens am Wittelsbacherplatz in München, mit der Skulptur "The Wings" des Star-Architekten Daniel Libeskind im Vordergrund. Trotz erwarteten Millionengewinnen an der Börse durch die Medizintechniksparte droht der Konzern mit dem Kahlschlag an anderen Stellen des Unternehmens.
Die Konzernzentrale von Siemens am Wittelsbacherplatz in München, mit der Skulptur "The Wings" des Star-Architekten Daniel Libeskind im Vordergrund. Trotz erwarteten Millionengewinnen an der Börse durch die Medizintechniksparte droht der Konzern mit dem Kahlschlag an anderen Stellen des Unternehmens. (Bild: dpa - Bildfunk)

Der Siemens-Konzern geht mit Medizinsparte an die Börse - zwei Wochen nach dem Kahlschlag bei den Turbinenwerken. Woher kommt diese aberwitzige Idee?

Es ist eine gute Nachricht, dass Siemens in ein paar Monaten seine Medizintechnik-Sparte an die Börse bringen will - jedoch nur dann, wenn man allein auf die Aktienkultur schaut, die durchaus der Förderung bedarf. Und nicht nach Görlitz, Leipzig, Erfurt, Mülheim oder Berlin, wo die Mitarbeiter der Turbinenwerke um ihre Jobs fürchten, weil Tausende Stellen verschwinden sollen.

Bis zu zehn Milliarden Euro könnte Siemens dadurch verdienen, dass der Konzern sich von einem Viertel seiner Anteile an der Medizintechnik trennt. In Deutschland nahm nur die Telekom bei einem Börsengang mehr Geld ein, 10,2 Milliarden Euro brachte der erstmalige Verkauf der T-Aktien im Jahr 1996. Je nachdem, was die Anleger für die Siemens-Medizintechnik zu zahlen bereit sind, könnte dies am Ende also entweder der zweitgrößte oder sogar der größte Börsengang werden, den man hierzulande je erlebt hat.

Die Kapriolen der T-Aktie waren vor zwei Jahrzehnten prägend für das Verhältnis der Bundesbürger zu Aktien: erst im Positiven, dann im Negativen. Wenn nun die Siemens-Medizintechnik an die Börse geht, könnt dies helfen, den deutschen Kleinanlegern die Aktie als langfristig erfolgreichste Anlageform wieder schmackhaft zu machen.

Andererseits: Bei Siemens geht es gerade um sehr viel mehr als bloß um die Medizintechnik. Die IG Metall droht dem Unternehmen mit Streiks, weil es Werke schließen und insgesamt 6900 Stellen streichen will. Konzernchef Joe Kaeser und Personalvorstand Janina Kugel begründen dies damit, dass das Geschäft mit großen Gasturbinen weltweit eingebrochen ist, nicht nur bei Siemens. Deshalb müsse man Überkapazitäten abbauen.

Der Konzern geht an die Börse - und plant doch den Kahlschlag

Aber muss Siemens das wirklich? Oder hätte der Konzern nicht die Kraft, einen notleidenden Bereich eine Weile durchzuschleppen? Die Turbinen galten schließlich noch vor Kurzem als Vorzeigegeschäft schlechthin, erst im März ließ Joe Kaeser sich im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel und Ägyptens Präsident Abdelfattah al-Sisi dafür feiern, dass sein Unternehmen dem Land die Turbinen für die größte Gas- und Dampfkraftwerksanlage der Welt liefert. "Siemens liefert beim Megaprojekt in Ägypten mehr als versprochen", lautete damals die Überschrift einer Pressemitteilung.

Und nur acht Monate später soll dann ein Kahlschlag in diesem Bereich unausweichlich sein? Und es sollen Werke ausgerechnet in Gegenden wie Görlitz geschlossen werden, in denen es schon jetzt wenige Industriejobs, aber überdurchschnittlich viele AfD-Wähler gibt? Von Fingerspitzengefühl zeugt dies ganz gewiss nicht.

Und dieses Fingerspitzengefühl fehlt den Siemens-Lenkern, dem Vorstand ebenso wie dem Aufsichtsrat, nun auch beim Börsengang. Wie kann man nur auf die aberwitzige Idee kommen, innerhalb von nur zwei Wochen erst den Kahlschlag in den Turbinenwerken und dann den Mega-Börsengang zu beschließen? Immerhin hat Siemens den allergrößten Fehler vermieden und geht mit der Medizintechnik nicht, wie zeitweise erwogen, in New York an die Börse, sondern in Frankfurt. Die Wall Street, das Herz des Kapitalismus, wäre noch weiter weg gewesen von Görlitz: räumlich wie gedanklich.

Aber am Ende bleiben eben Einnahmen von bis zu zehn Milliarden Euro, die der Börsengang bringen soll. Diese zehn Milliarden Euro übersteigen bei Weitem das, was Siemens im Turbinengeschäft einsparen kann. Die IG Metall und die Turbinenarbeiter dürften diesen Widerspruch bei ihren Protesten zu Recht zum Thema machen. Und die Politiker, die gegen den massenhaften Jobabbau Sturm laufen, vom SPD-Vorsitzenden Martin Schulz bis zu den Regierungschefs von Berlin und Sachsen, werden dies vermutlich auch tun.

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 30.11.2017.

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* Ulrich Schäfer ist Wirtschaftsjournalist bei der Süddeutschen Zeitung und leitet gemeinsam mit Marc Beise die SZ-Wirtschaftsredaktion.

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Ich hole die Arbeiter von der Straße und setze Milliarden an die Börse.  lesen
posted am 02.12.2017 um 10:00 von Unregistriert

Auch so ein Widerspruch. Oder was hat die Medizintechnik mit dem Turbinengeschäft zu tun? Das...  lesen
posted am 01.12.2017 um 16:39 von Olaf Barheine

Weiß gar nicht was immer auf der rabiat gewollten Energiewende herumgeritten wird. Produzieren...  lesen
posted am 01.12.2017 um 14:04 von Unregistriert

Da hat man vor zwei Jahren Dresser-Rand gekauft um weltweit im Ölgeschäft mitspielen zu können....  lesen
posted am 01.12.2017 um 13:25 von Unregistriert

Grundgesetz Art.14 (2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der...  lesen
posted am 01.12.2017 um 13:12 von mclaine


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