Sensorsystem „Ghostbuster“ erkennt Geisterfahrer frühzeitig

| Redakteur: Lilli Bähr

Das Sensorsystem „Ghostbuster“ erkennt Falschfahrer und kann Fahrer, Polizei und Verkehrsfunk sofort warnen.
Das Sensorsystem „Ghostbuster“ erkennt Falschfahrer und kann Fahrer, Polizei und Verkehrsfunk sofort warnen. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Drei Nachwuchswissenschaftler der Saar-Uni wollen mit ihrem solarbetriebenen Sensorsystem „Ghostbuster“ Geisterfahrer stoppen und Unfälle verhindern. Eingebaut ist es in Leitpfosten, die am Straßenrand stehen. Derzeit sammeln sie an saarländischen Autobahnen massenhaft Daten, um die Software auszufeilen und zu verfeinern.

Falschfahrer sind international ein Problem. Immer wieder kommt es zu Unfällen, die wegen der Wucht des Frontalaufpralls oft tödlich enden. Systeme, die abhelfen, sind meist teuer, aufwändig oder brachial – wie Krallen, die Reifen auch von Krankenwagen und Polizei platzen lassen. Und so bleiben heute Autobahnen vielerorts ungeschützt.

Mit ihrem solarbetriebenen System „Ghostbuster“ wollen die drei Nachwuchsforscher der Universität des Saarlandes eine kostengünstige Lösung realisieren, mit der sich auf Autobahnen die Gefahr durch Falschfahrer reduzieren lässt, die entgegen der eigentlichen Fahrtrichtung unterwegs sind. Für ihre Erfindung, die in Leitpfosten am Straßenrand eingebaut wird, erhielten sie schon im Studium mehrere Preise. Mit einem EXIST-Stipendium gründen sie derzeit eine Firma. Das Saarland unterstützt ihr Vorhaben: Das Saar-Verkehrsministerium öffnet den Jung-Ingenieuren die Türen, damit das System tatsächlich auf die Straße kommt.

„Unser Sensorsystem erkennt Falschfahrer und kann Fahrer, Polizei und Verkehrsfunk sofort warnen. Auch weitere Reaktionen können wir programmieren. So könnte etwa über ein verbundenes Leitsystem die Straße gesperrt werden“, erklärt Julian Neu (25), der das „Ghostbuster“ genannte System mit seinen Studienkollegen Daniel Gillo (27) und Benjamin Kirsch (26) während des Studiums entwickelt hat. Ihre Firma T-Pro-Tex hat ihre Keimzelle auf dem Campus am Lehrstuhl für Mikromechanik, Mikrofluidik und Mikroaktorik von Professor Helmut Seidel.

Senorsystem warnt Fahrer, Polizei und Verkehrsfunk

„Unfälle mit Geisterfahrern haben wegen hoher Geschwindigkeiten oft ein besonders fatales Schadensausmaß, weshalb wir insbesondere an Autobahnauffahrten versuchen, Falschfahrer mit Schildern und Pfeilen vom falschen Weg abzubringen“, sagt die saarländische Verkehrsministerin Anke Rehlinger. „Ist der Autofahrer aber einmal falsch aufgefahren, bleibt dies meist unbemerkt, bis es zum Crash kommt. Ein Frühwarnsystem wie der Ghostbuster könnte hier eine echte Wende bringen – und im Ernstfall Leben retten.“ Sie findet die Idee so gut, dass ihr Ministerium die Weiterentwicklung der Leitpfosten unterstützt – mit dem Ziel, sie auf saarländischen Straßen zu testen. Damit wäre das Saarland Vorreiter der neuen Technik.

Nach Testläufen auf dem Campus sammeln die Gründer mit ihren Leitpfosten jetzt Daten an saarländischen Autobahnen, um die Software ihres Systems für den Praxiseinsatz auszufeilen. Das Verkehrsministerium hat hierfür alle Zuständigen im Land – vom Straßenbauamt über die Verkehrsleitstelle bis hin zur Polizei – an einen Tisch gebracht. „Es hat uns überrascht, wie viele Türen uns geöffnet werden. Wir hatten eine E-Mail an die Verkehrsministerin geschrieben und ihr unser System vorgestellt. Darauf hat sie uns eingeladen, es zu präsentieren. Als wir zu dem Termin kamen, war der Saal voller Entscheider aus den unterschiedlichsten Bereichen, die alle interessiert waren“, erzählt Julian Neu.

System erfasst, in welcher Richtung das Fahrzeug fährt

Mit Sensoren kommen die Jungingenieure den Geisterfahrern auf die Spur: „Ein Infrarot-Bewegungssensor erfasst pausenlos jede Bewegung im Umfeld von rund zehn bis zwölf Metern des Leitpfostens“, erklärt Benjamin Kirsch. Nähert sich ein Wagen, aktiviert dieser Sensor zwei weitere, die an den Seiten des Leitpfostens einander gegenüberliegen. Dadurch, dass das Auto erst an einem Sensor und Sekundenbruchteile später am anderen vorbeifährt, erfasst das System, in welcher Richtung das Fahrzeug fährt. „Weil nur einer der Sensoren ständig aktiv ist, der das System nur bei Bedarf aufweckt, arbeitet es sehr energiesparend“, ergänzt Daniel Gillo.

Auch unterscheidet es den Nachwuchsforschern zufolge zweifelsfrei Autos von anderen Störungen. „Ein Mikrofon erfasst hierzu Geräusche – allein das Abrollen der Reifen auf dem Asphalt genügt schon“, erläutert er. Das Zusammenspiel der Sensoren ist bereits ausgereift, in vielen Tests haben die Gründer die Anordnung und die Signalverarbeitung optimiert. Mit den neuen Massendaten vorbeifahrender Autos von der Autobahn, verfeinern sie jetzt die Algorithmen, also die Befehle, die dem System exakt sagen, was es wann tun soll.

Wie das Warnsystem funktioniert, zeigt folgendes Video:

Die Idee zu ihrer Erfindung kam den Studenten nach einer Vorlesung von Professor Helmut Seidel. An seinem Lehrstuhl forschten Daniel Gillo, Julian Neu und Benjamin Kirsch als studentische Mitarbeiter schon während ihres Studiums. Jetzt hat ihre neue Firma T-Pro-Tex in einem Raum des Lehrstuhls ihr Büro. „Das ist für unseren Start der ideale Rahmen. Der ständige Austausch mit Professoren, Wissenschaftlern und Experten etwa von der Kontaktstelle für Wissens- und Technologietransfer ist für uns Gold wert, von ihrem Know-how und ihrer Erfahrung profitieren wir sehr“, sagt Gründer Julian Neu.

Mit ihrem Prototyp gewannen die Studenten 2016 den ersten Preis des Cosima-Studentenwettbewerbs in München. Ein Jahr später belegten sie beim internationalen Wettbewerb I-Can in Peking den zweiten Platz. Im Juni 2017 erhielten sie den Deutschen Mobilitätspreis der Initiative "Deutschland – Land der Ideen" und des Bundesverkehrsministeriums. Ebenfalls 2017 bewarben sie sich erfolgreich um ein EXIST-Gründerstipendium beim Bundeswirtschaftsministerium.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal Elektrotechnik.deerschienen.

Connected Cars: Erstmals DSRC und C-V2X auf einem Chipsatz vereint

Connected Cars: Erstmals DSRC und C-V2X auf einem Chipsatz vereint

06.09.18 - Der israelische Chip-Entwickler Autotalks bringt einen Chipsatz, der per Software zwischen den beiden wichtigen V2X-Kommunikationstechniken wechseln kann. Das erleichtert Fahrzeugherstellern den weltweiten Einsatz. lesen

OLED in Textilien: In drei Jahren soll OLED-Mode in Geschäften erhältlich sein

OLED in Textilien: In drei Jahren soll OLED-Mode in Geschäften erhältlich sein

10.09.18 - Spätestens in drei Jahren soll es möglich sein, die OLED in Kleidung tragen zu können. Dazu arbeiten Fraunhofer-Forscher aktuell in einem Projekt und haben mit dem O-Button einen funktionalen Knopf entwickelt. lesen

Automatisiertes Fahren: Messtechniker untersuchen die Mobilfunkinfrastruktur an der A9

Automatisiertes Fahren: Messtechniker untersuchen die Mobilfunkinfrastruktur an der A9

22.08.18 - Im Rahmen eines Forschungsprojektes werden auf einer Teststrecke der A9 bestehende Mobilfunksysteme wie GSM, UMTS oder LTE messtechnisch untersucht. Gleichzeitig wird 5G unterstützt, um automatisiertes Fahren und komplexe Fahrerassistenzsysteme zu entwickeln. lesen

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
Kommentar abschicken
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45493276 / Sensorik)