Seitenblicke: Denn sie wissen nicht, dass sie nichts wissen

| Autor / Redakteur: Annett Stein, dpa / Martina Hafner

Doof sind immer nur die anderen - das glauben laut Psychologen vor allem diejenigen, die im fraglichen Bereich selbst herzlich wenig wissen. Dieses Phänomen hat einen Namen: Dunning-Kruger-Effekt
Doof sind immer nur die anderen - das glauben laut Psychologen vor allem diejenigen, die im fraglichen Bereich selbst herzlich wenig wissen. Dieses Phänomen hat einen Namen: Dunning-Kruger-Effekt (Bild: Clipdealer)

Gerade inkompetente Menschen überschätzen sich oft. Das kann niedlich sein, wenn Fans vom Sofa aus den besseren Bundestrainer abgeben - oder tödlich, wenn der großartigste Autofahrer genau das eben doch nicht ist. Dabei sind immer weniger Menschen zu guter Selbstreflexion in der Lage.

Ein-bisschen-Wisser leben gefährlich. Gerade sie überschätzen sich am leichtesten - an der Börse ebenso wie im Straßenverkehr oder an der Spitze eines Unternehmens. Bis sie es wirklich besser wissen. «Durch die im Internet verfügbaren Informationen hat das Phänomen noch zugenommen, dass Menschen sich fälschlicherweise als kompetent wahrnehmen», sagt der Soester Psychologe Ralph Schliewenz. «Jeder kann dort veröffentlichen, was er will - aber nicht jeder kann das verstehen und einordnen.»

Eine kürzlich im Fachjournal «Psychological Science» veröffentlichte Studie zeigte, dass Do-it-yourself-Videos im Netz zu Selbstüberschätzung führen können. Michael Kardas und Ed O'Brien von der University of Chicago (Illinois) ließen Teilnehmer in sechs Experimenten wiederholt Anleitungen etwa zum Dartspielen und Jonglieren anschauen. Paradoxerweise glaubten viele der Probanden anschließend fälschlicherweise, sie könnten diese Herausforderung meistern, ohne je selbst geübt zu haben.

Viele Studien haben ergeben, dass sich Menschen positiver und leistungsfähiger einschätzen als sie sind. «Bei anderen bin ich sehr kritikfähig, bei mir selbst eher nicht», sagt der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried. Betroffen von massiver Selbstüberschätzung sind vor allem Männer. Eine Studie der Arizona State University ergab kürzlich, dass sie sich mit gut dreimal höherer Wahrscheinlichkeit für intelligenter als enge Mitstudenten halten als Frauen dies tun. Die Forscher um Katelyn Cooper hatten gut 200 Studienanfänger befragt, die noch nicht wussten, wie der Leistungsstand ihres Kurses war. Einen objektiven Grund wie bessere Noten habe es für die wohlwollende Selbsteinschätzung nicht gegeben, erläutert das Team im Fachmagazin «Advances in Physiology Education».

Nur der Weise weiß, dass er nichts weiß

Das Phänomen, dass inkompetente Menschen ihr eigenes Können überschätzen und zudem nicht in der Lage sind, das Maß ihrer Inkompetenz zu erkennen, hat einen populärwissenschaftlichen Namen: Dunning-Kruger-Effekt. Geprägt wurde er 1999 von den US-Psychologen David Dunning und Justin Kruger. Sie hatten Studenten Grammatik- und Logik-Tests bearbeiten lassen. Am Ende mussten die Teilnehmer einschätzen, wie gut sie im Vergleich zu den anderen abschnitten.

Das erstaunliche Ergebnis: Ausgerechnet das schlechteste Viertel der Studenten glaubte von sich, weit über dem Durchschnitt zu liegen. Die Selbstüberschätzung hielt sich hartnäckig: Selbst wenn sie die Testbögen der besten Teilnehmer ansehen durften, hielten die Unfähigsten am wohlwollenden Urteil über ihre Fertigkeiten fest. Sie waren nicht in der Lage, die eigene Inkompetenz zu erkennen. Besonders intelligente Probanden hingegen unterschätzten ihre Leistung.

Doof sind immer nur die anderen - das glauben also vor allem diejenigen, die im fraglichen Bereich selbst herzlich wenig wissen. «Nur der Weise weiß, dass er nichts weiß», sagt der Soester Psychologe Schliewenz. So kommt es, dass der Postbote sichere Anlagetricks zu kennen glaubt, am Stammtisch weltpolitische Lösungen gefunden werden und der 18-jährige Fahranfänger felsenfest überzeugt ist, sein 200-PS-Gefährt bestens unter Kontrolle zu haben.

Egal ob Hobby oder Sportart, Finanzmarkt, Flüchtlingskrise oder Klimaforschung: Menschen tendieren dazu, ihr Wissen hoffnungslos zu überschätzen, sobald sie sich ein bisschen informiert haben. Sie glauben, dass sie sich nun bestens auskennen und mitreden können, wenn nicht gar die perfekte Lösung kennen. «Je geringer die Intelligenz und die Kommunikationsfähigkeit eines Menschen, desto weniger ist er in der Lage, etwas einzuschätzen und sachlich zu beurteilen», erklärt der Hamburger Psychologe Laszlo Pota. «Und umso eher wird er versuchen, das zu überspielen, indem er auf coolen Macker macht, der alles weiß, alles kann und keine Probleme hat.»

Menschen halten sich viel zu schnell für Experten

Oberflächenwissen kann gefährlicher sein als überhaupt keine Ahnung zu haben, bestätigte kürzlich eine weitere Untersuchung Dunnings an der University of Michigan in Ann Arbor zusammen mit Carmen Sanchez von der Cornell University (New York). Menschen, die eine bestimmte Methode gerade erst kennengelernt haben, halten sich demnach viel zu schnell für Experten.

Das äußere sich zum Beispiel darin, dass sie wilde und fehlerhafte Theorien aufstellen, wie sich Probleme lösen lassen, berichten die Forscher im «Journal of Personality and Social Psychology». Erst mit weiteren Erfahrungen auf dem Gebiet verharrten Einsteiger nicht länger in ihrer Anfängerblase der Selbstüberschätzung. Gefahr bedeutet das unter anderem bei jungen Medizinern, Politikern oder Börsenhändlern, aber auch in vielen anderen Bereichen.

In der Fachliteratur hat der Dunning-Kruger-Effekt kaum Eingang gefunden - wohl, weil er gar zu trivial scheint. Schon der englische Dichter William Shakespeare fügte vor mehr als 400 Jahren in sein Theaterstück «As You Like It» («Wie es euch gefällt») den Satz ein: «The fool doth think he is wise, but the wise man knows himself to be a fool (Der Narr meint, er sei weise, doch der weise Mann weiß, dass er ein Narr ist).» Man müsse nicht Psychologie studiert haben, um das nachvollziehen zu können, sagt Schliewenz.

Der Effekt sei dem Menschen ein Stück weit in die Wiege gelegt, sagt der Berliner Psychologe Seifried. «Das beginnt bei Kindern, die Gefahren nicht richtig einschätzen.» Hinter der Selbstüberschätzung stecke vielfach ein psychologischer Mechanismus: «Wenn ich mich selbst auf- und andere abwerte, macht mich das stark.» Sich und der Welt beweisen zu wollen, was für ein toller Kerl man ist - das sei gerade bei Männern mit geringem Selbstwertgefühl ausgeprägt. «Menschen, die in sich ruhen, haben das nicht nötig.»

Der Trend geht zu Verflachung

Die moderne Gesellschaft mit ihren als Prinzessinnen und Prinzen hofierten Kindern und den auf die eigene Darstellung konzentrierten sozialen Medien fördere den Hang zur Selbstinszenierung noch. Selbstreflexion, die eigenen Schwachpunkte sehen - dazu seien immer weniger Menschen gut in der Lage, sagt Seifried. «Muss man aushalten können, etwas nicht zu können. Je schwächer ich mich fühle, desto mehr neige ich zur Selbstüberschätzung.»

Nach Einschätzung des Hamburger Psychologen Pota besteht der Trend zu Verflachung - bei der Informationsbeschaffung ebenso wie in Beziehungen - schon seit zwei Generationen. Statt sich Wissen mühsam zu erarbeiten, gebe man sich mit Halbwissen aus dem Internet zufrieden. «Das geht mit einer zunehmend egomanen Einstellung einher. Was draußen in der Welt passiert, ist völlig egal, solange es mich nicht betrifft.» Statt Dinge zu hinterfragen, werde konsumiert. Blender mit wenig Fachwissen, aber pompöser Selbstinszenierung lägen im Trend - nicht zuletzt als Staatsoberhaupt.

Schliewenz sieht auch evolutionäre Gründe für den Dunning-Kruger-Effekt: «Dem Mutigen gehört die Welt.» Zu jeder Entdeckung, zu jedem Aufbruch zu neuen Horizonten gehöre ein Stück weit die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. «Wir gehen gern den leichteren Weg. Die Ausnahmen unter uns sind es, die die Menschheit weiterbringen.» Hinzu komme, wie der kompetent tuende Dumme von seiner Umgebung wahrgenommen werde. «Kompetenz ist nicht unbedingt das, was ich weiß, sondern was mir zugeschrieben wird.» Sich selbst überschätzende Angeber kämen im Beruf oder beim anderen Geschlecht oft weiter als der klügere Tiefstapler.

So kann der, der im Brustton der Überzeugung Unsinn verbreitet, über den triumphieren, der leise und unsicher wirkt, weil er klüger und sich daher der Komplexität des Themas bewusster ist. US-Präsident Donald Trump sehen viele Experten als Inbegriff überzogenen und illusorischen Selbstvertrauens an: Immer wieder vermittelt er, die Wahrheit zu kennen - und kaum je die Einsicht, dass es profundes Wissen braucht, um eine Materie zu durchdringen. «"Amerika first" ist nicht kompetent», betont Schliewenz. «Der Dunning-Kruger-Effekt ist die beste Werbung dafür, wie wichtig Bildung ist.»

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posted am 19.05.2018 um 14:31 von FERGEHOF

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posted am 18.05.2018 um 18:24 von Unregistriert

Man sollte mal vor diesem Hintergrund darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn immer diejenigen...  lesen
posted am 18.05.2018 um 16:03 von Unregistriert

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posted am 18.05.2018 um 15:11 von ktelektronik@gmx.de

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posted am 18.05.2018 um 11:17 von Unregistriert


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