Schönes neues Geld – kommt die totalitäre Weltwährung?

| Autor / Redakteur: Jörg Gastmann* / Julia Schmidt

Norbert Häring ist Buchautor, Blogger, Volkswirt und Wirtschaftsjournalist beim Handelsblatt.
Norbert Häring ist Buchautor, Blogger, Volkswirt und Wirtschaftsjournalist beim Handelsblatt. (Bild: @norberthaering)

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Norbert Häring, Autor des Buches „Schönes neues Geld“, erläutert Pläne, Akteure, Umsetzungsstrategien und Konsequenzen einer Bargeldabschaffung. Von der finanziellen Totalüberwachung bis zu Möglichkeiten des Widerstands.

Herr Häring, vor 2 Jahren veröffentlichten Sie Ihr Buch „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen“. Im August ist Ihr neues Buch erschienen: „Schönes neues Geld“. Warum legen Sie so schnell zum gleichen Thema nach? Ist das allgemeine Problembewusstsein noch nicht groß genug, oder kommen die Einschläge näher?

Norbert Häring: Als ich das Manuskript für „Die Abschaffung des Bargelds“ Ende 2015 abschloss, hatte die Kampagne Deutschland noch gar nicht erkennbar erreicht. Ich schrieb über die starken Indizien aus dem Ausland, dass es eine solche Kampagne gab, und darüber, warum diese gefährlich für uns wäre. Noch vor Erscheinen des Buches sagte dann der Deutsche-Bank-Chef das baldige Ende des Bargelds voraus, forderte das Finanzministerium eine Barzahlungsobergrenze für Europa und die SPD-Fraktion zusätzlich das Ende für den 500-Euro-Schein.

Ich habe weiter recherchiert, und das, was ich herausfand, war zu tiefgreifend und umfassend, als dass ich dem auf meinem Blog hätte gerecht werden können. Das ging nur in Buchform. Darin steht nun unter anderem, wer diese Kampagne von den USA aus koordiniert, welche Erscheinungsformen diese Kampagne hat und in welcher Weise die Bundesregierung, die Bundesbank und die Europäische Zentralbank darin eingebunden sind – wenn auch zum Teil etwas widerwillig.

Aus Sicht der Bürger: Welche Vorteile des Bargelds könnten durch dessen Abschaffung verloren gehen?

Der bargeldlose Zahlungsverkehr wird praktisch lückenlos aufgezeichnet, gespeichert und analysiert. Wenn wir nur noch digital bezahlen können gibt es ein praktisch lückenloses zentrales Bewegungs- und Tätigkeitsprofil von uns. Buchgeld kann jederzeit blockiert und eingefroren werden, wie zum Beispiel die Iraner derzeit merken. Sie wollen ihr rechtmäßig erworbenes Buchgeld bei der Bundesbank als Bargeld ausgezahlt haben und bekamen es nicht.

Wenn es kein Bargeld mehr gibt, können die Banken Negativzinsen auch von zwei, drei oder fünf Prozent an ihre Einlagenkunden weitergeben. So können sie leicht auf Kosten der Einleger saniert werden, wenn sie sich mal wieder verzockt haben. Wer am Rande der Gesellschaft lebt, keine Plastikkarten und keine Lesegeräte hat, kann mit Bargeld trotzdem als Käufer oder Verkäufer am Wirtschaftsleben teilnehmen. Und Bargeld kostet ihn oder sie nichts.

Umgekehrt ausgedrückt: Die Finanzbranche verdient nichts daran. Das sind nur die wichtigsten Vorteile von Bargeld, es gibt einige mehr. Aber ich will damit nicht generell digitale Bezahlverfahren schlechtreden. Auch sie haben Vorteile. Mir geht es darum, uns die Option des Barzahlens zu erhalten.

Biometrie

Wer erhält welche Daten der Bürger, wenn Bargeld abgeschafft wird?

Die Daten bekommen die IT-Konzerne, Kreditkartenunternehmen, Banken und Regierungen auch heute schon vom digitalen Zahlungsverkehr. Wenn Bargeld weg ist, werden diese Daten jedoch viel vollständiger, verlässlicher und damit wertvoller. Wir können uns nicht mehr entscheiden, bestimmte sensible Dinge bar zu bezahlen, die etwa Hinweise auf unsere politische Einstellung geben können, oder auf sexuelle Orientierung, außereheliche Aktivitäten und vieles mehr.

Von den Zahlungsabwicklern gehen die Daten an jede Menge Unternehmen weltweit, die zum Teil wiederum das Recht haben, sie weiterzugeben. Letztlich wird alles bei sogenannten Datenaggregatoren wie Axciom zusammengeführt, die äußerst umfangreiche Dossiers über Milliarden Menschen pflegen. Wer das Geld dafür ausgibt, kann diese Dossiers nutzen.

Mit welcher Begründung wollen Regierungen Biometrie-Daten mit finanziellen Transaktionsdaten verknüpfen?

Ich zitiere in dem Buch Kampagnenführer, die schreiben, dass digitales Bezahlen genutzt werden kann und sollte, um die biometrische Erfassung aller voranzubringen, und dass umgekehrt die biometrische Erfassung zur weiteren Verbreitung des digitalen Zahlungsverkehrs beitragen soll. Die Haupttreiber für beide Agenden sind dieselben.

Das Hauptziel ist auch dasselbe: Wenn Zahlungen nur noch digital möglich sind, wenn alle Weltbürger mit ihren biometrischen Daten in vernetzten Datenbanken gespeichert sind, und wenn die Geräte mit denen wir digitale Zahlungen auslösen, nur über biometrische Daten in Gang gesetzt werden können, dann kann fast alles, was weltweit geschieht, zentral erfasst, gespeichert, analysiert und kontrolliert werden. Man weiß dann, dass es tatsächlich Jakob Mustermann ist, der vom Computer oder Handy von Jakob Mustermann aus eine Zahlung tätigt.

Ist das jetzt nicht eine etwas überdrehte Horrorvision?

Ich fürchte nein: Schauen Sie nur nach China. Dort ist es schon Pflicht, dass Unternehmen, die dort Telekommunikation und soziale Medien betreiben, biometrische Daten zur Nutzeranmeldung einsetzen. Und aus den Nutzerbewertungen dieser Unternehmen nach Art der auch bei uns bekannten Kreditwürdigkeitsprüfungen hat sich ein umfassendes Bürgerbewertungssystem entwickelt, das die Regierung gerade landesweit ausrollt.

Durch Privilegien und Sanktionen für gute und schlechte Bewertungen kann die Regierung dann das Verhalten „ihrer“ Bürgerinnen und Bürger steuern. Für die allermeisten Menschen hat die Datensammelei keine direkten Nachteile. Sie hat allerdings den indirekten Nachteil, dass sie in einer Duckmäuser-Gesellschaft leben müssen, in der jeder weiß, dass er vollständig überwacht ist und beliebig erpresst oder bestraft werden kann – und sich entsprechend verhält.

Video: Vortrag über die Folgen eines Bargeldverbots von Prof. Dr. Gerald Mann, FOM Hochschule München

Abgesehen von Großkonzernen, die legal Steuern umgehen: Wie können illegale Steuerhinterzieher, kriminelle Vereinigungen und Terroristen ihre Finanztransaktionen bargeldlos abwickeln, ohne dass es den Geheimdiensten und Behörden auffällt?

Terroristen brauchen oft sehr wenig Geld für einen Anschlag. Es fällt nicht auf, wenn sie ein Hotelzimmer und ein Auto bargeldlos bezahlen. Die Überwachung des digitalen Zahlungsverkehrs hilft allenfalls nach einem Anschlag ein bisschen herauszufinden, wer da mit wem geplant hat. Aber meistens waren die Täter und ihr Umfeld in den letzten Jahren ohnehin bekannte Gefährder, die beobachtet wurden oder hätten werden sollen.

Für Geldwäsche sind gefälschte Rechnungen ein beliebtes Mittel. Mit einer gefälschten Rechnung über die Lieferung eines Frachtschiffs kann man leicht und billig einige Millionen Schwarzgeld sauber bekommen. Außerdem benutzen natürlich auch Kriminelle die Möglichkeiten, anonym Unternehmen zu führen, wie sie Steueroasen wie Delaware in den USA oder die Karibikinseln bieten.

Wer hinter der Anti-Bargeld-Kampagne steckt

Kommen wir zu der Anti-Bargeld-Kampagne. Wer steckt dahinter?

Es gibt seit 2012 eine Better Than Cash Alliance, also Besser-als-Bargeld-Allianz, mit Sitz in New York. Kernmitglieder sind unter anderem die US-Regierung, die Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard und die US-Großbank Citi. Aus der IT-Branche sind die Bill & Melinda Gates Stiftung des Microsoft-Gründers dabei sowie das Omidyar Network, das mit Ebay und PayPal in Zusammenhang steht. Ihr Ziel ist erklärter Maßen die weltweite Beseitigung des Bargelds.

Im Wesentlichen die gleichen Organisationen agitieren schon einige Jahre länger mit der Consultative Group to Assist the Poor (CGAP) dafür, alle Menschen weltweit in das formale, US-kontrollierte Finanzsystem zu integrieren. Diese CGAP, also Silicon Valley und Wall Street, durfte das Strategiepapier für eine weltweite Regierungskampagne gegen das Bargeld schreiben. Diese G20-Initiative heißt Global Partnership for Financial Inclusion.

Was hat finanzielle Inklusion mit Bargeldbeseitigung zu tun? Ist das Orwellsches „Newspeak“ oder etwas anderes?

Finanzielle Inklusion ist das Tarnwort für Bargeldbeseitigung. Bis 2010 haben Visa und Mastercard einen offen erklärten „Krieg gegen das Bargeld“ geführt, um ihre Gewinne zu steigern. Seither kämpfen sie mit den gleichen Mitteln stattdessen für „finanzielle Inklusion“ und zwar angeblich, um den Armen zu helfen.

Man tut zwar so, als wolle man den Menschen nur die Option auf ein Konto und Teilnahme am bankbetriebenen Geldverkehr geben. Aber wenn man genau hinsieht ,wird sehr schnell deutlich, dass es vor allem darum geht, sie vom Bargeld wegzubringen oder ihnen die Option sogar ganz zu nehmen. Neusprech passt dafür sehr gut, es beruht ja darauf, ein Wort mit dem Gegenteil seiner tatsächlichen Bedeutung zu belegen. Bargeld ist das inklusivste Zahlungsmittel, weil es alle leicht nutzen können und es sie nichts kostet. Nimmt man den Menschen Bargeld weg, bedeutet das in Wirklichkeit finanziellen Ausschluss.

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Indem Sie zum Beispiel mit ihm zum Baumarkt seines Vertrauens fahren, oder Supermarkt, und seinen...  lesen
posted am 01.10.2018 um 14:56 von Unregistriert

Wie, bitte, kann ich dann einen ehrlichen Schwarzarbeiter bezahlen?  lesen
posted am 28.09.2018 um 13:10 von Unregistriert

das Tier heißt nicht Geld sondern kapitalistischer Loyalismus. Unser Bargeld besitzt ohnehin...  lesen
posted am 27.09.2018 um 12:36 von ktelektronik@gmx.de

die Vorstellung dass irgendwann kein Bargeld mehr geben sollte, beunruhigt mich auch. Es sind...  lesen
posted am 26.09.2018 um 22:44 von Unregistriert

Der Bogen muss weiter gespannt werden , es ist nicht nur ein Krieg gegen Bargeld , es ist ein...  lesen
posted am 26.09.2018 um 15:27 von Unregistriert


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