Schalter sind nicht sexy, werden aber immer gebraucht

| Redakteur: Kristin Rinortner

Schalter: In den 1970er Jahren wurden große Mengen Miniaturschalter für die aufkommende Elektronikindustrie benötigt (Ausschnitt aus einer Anzeige).
Schalter: In den 1970er Jahren wurden große Mengen Miniaturschalter für die aufkommende Elektronikindustrie benötigt (Ausschnitt aus einer Anzeige). (Bild: APEM)

Die Erfolgsgeschichte des HMI-Spezialisten APEM begann mit Ersatzteil-Schaltern, die Jean Rogero in einer Garage in Südfrankreich ersann, um den Wiederaufbau im Nachkriegs-Frankreich voranzubringen.

Nach Ende des zweiten Weltkriegs lag Europa am Boden. In Frankreich der Nachkriegszeit waren viele Gebäude und die Infrastruktur zerstört oder beschädigt. Die Produktion in Industrie und Landwirtschaft erzielte 1945 etwa 40% der Vorkriegskapazität. Lebensmittel waren rationiert. Dazu kamen Missernten und kalte Winter. Die Bevölkerung unternahm enorme Anstrengungen, um das Land wieder aufzubauen. Die Regierung de Gaulle setzte auf Industrialisierung, was auch die „Mechanisierung“ der Landwirtschaft umfasste. Investiert wurde in die Schwerindustrie, in die Energietechnik und das Transportwesen sowie im Finanzsektor.

Diese prekäre Situation wurde durch Untersuchungen der OEEC (Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Vorgängerin der OECD) 1947 bestätigt: Europa benötigte eine Wirtschaftshilfe von mindestens 21 Mrd. US-Dollar. Die USA gewährten im Rahmen des Marshall-Plans Frankreich von 1948 bis 1952 Hilfen im Wert von 2806 Mio. US-Dollar, was etwa 20% der Gesamtsumme ausmachte. Zum Vergleich: Großbritannien erhielt mit 3450 Mio. US-Dollar den Löwenanteil von 25%, Deutschland 1412 Mio. US-Dollar. Diese Hilfe trug dazu bei, dass die französische Wirtschaft vier Jahre nach Beendigung des Krieges wieder auf dem Stand von 1929 angelangt war.

Herausforderungen der Nachkriegsjahre in Frankreich

Die Nachkriegszeit ist in Frankreich, England und Spanien auch dadurch geprägt, dass die Alliierten sehr viele Ausrüstungsgegenstände nach ihrem Abzug zurückgelassen haben. Dabei handelt es sich um Maschinen, technische Ausrüstung und Fahrzeuge. Ein Effekt des Marshallplans war, dass (nicht nur) Frankreich von amerikanischen Produkten überschwemmt wurde.

Ersatzteile für defekte Maschinen und Fahrzeuge mussten im US-amerikanischen Amerika, auf der anderen Seite des Atlantiks bestellt werden. Die Lieferzeiten waren lang und die Preise hoch. Um diese Probleme zu umgehen, kam der Franzose Jean Rogero auf die Idee, diese Ersatzteile selbst herzustellen. Die Schalter, die er in einer Garage im Dorf Montpezat-de-Quercy in Südfrankreich in der Nähe von Toulouse fertigte, hatten identische Maße und Funktionen und fanden reißenden Absatz. Weiterentwicklungen kamen hinzu. Im Jahr 1946 stellte Rogero in Frankreich seinen ersten Patentantrag für Hebelschalter, die in Landmaschinen eingesetzt wurden.

Die Idee, Schalter zu fertigen, war zwar aus der Not heraus entstanden, basierte aber auf technischem Knowhow: Der 1910 geborene Rogero hatte in Lorraine im Nordosten Frankreichs Diplome in Mechanik und Elektrotechnik erworben. Der Krieg verschlug ihn nach Südfrankreich, wo er bei Bouyer, einem Landmaschinenhersteller, arbeitete.

Das Geschäft mit den Ersatzteil-Schaltern lief so gut, dass Rogero 1952 schließlich eine Manufaktur für Industrieschalter eröffnete. Der Kleinbetrieb mit dem Namen APR – Appareillage Professionnel Radioélectrique (Professionelle Ausrüstung für Radioelektronik) war in Montpezat-de-Quercy auf dem Grundstück der Familie seiner Frau Jaqueline angesiedelt.

Fehlende Ersatzteil-Schalter bringen den Aufbau voran

So begann die Geschichte der heutigen APEM (Appareils pour électromécanique – Elektromechanische Geräte): Mit dem Anspruch von Jean Rogero den Wiederaufbau im Nachkriegs-Frankreich voranzutreiben. Eine klassische Geschichte, die stellvertretend für viele Gründerszenarien und Visionen der damaligen Zeit steht.

Das Unternehmen gehört heute zu den weltweit führenden Herstellern für Mensch-Maschine-Schnittstellen. Die Gruppe ist in elf Ländern vertreten und hat ein Vertriebsnetzwerk auf fünf Kontinenten. Mit Produktionsstätten in Europa, Nordafrika, Amerika und Asien werden 67% des Umsatzes durch Export generiert.

Für seine Firma APR stellte Rogero 1952 Mechanik-affines Personal aus der Umgebung ein: Dreher, Fräser und Montagekräfte. Die damalige Manufaktur war sehr vertikal strukturiert und fast alle Teile, angefangen von Fertigungsmaschinen bis zu Komponenten und Schaltern, wurden selbst gefertigt.

Durch geschicktes Einbinden in internationale Normen und des Vertriebstalents von Rogeros Partner Rosenheimer verkauften sich die Schalter sehr gut im Ausland. Das bedingte weitere Fertigungskapazitäten, und so wurde eine zusätzliche Fertigungshalle in Montpezat gebaut. Rogero eröffnete eine weitere Fabrik 1971 in Caussade, der nächsten größeren Stadt, unter dem Namen APEM.

Miniaturschalter für die aufkommende Elektronikindustrie

Die neue Fabrik sollte die steigende Nachfrage nach Miniaturschaltern in der aufkommenden und rasant wachsenden Elektronik­industrie abdecken. In diesem Werk wurden auch die ersten Schalter der Serie 11000 und 12000 hergestellt, die das Unternehmen heute immer noch fertigt.

Später verlegte Rogero den Hauptsitz der Firma inklusive der gesamten Verwaltung, Entwicklung und Qualitätssicherung nach Caussade. Dort befindet sich auch heute noch der Verwaltungssitz. APEM gewann immer mehr Bedeutung in der Gruppe. In Montpezat fertigt APR aber heute noch Komponenten.

Das Jahr 1976 stand für das französische Unternehmen im Zeichen der Expansion: In Europa wurden vier Zweigstellen gegründet. Das waren München in Deutschland, Long Grendon (bei Oxford) in England, Stockholm in Schweden und Brüssel in Belgien, jeweils mit eigenen Lägern.

Anfang der 1980er Jahre wurden APR und APEM von der MORS-Gruppe übernommen, einem französischen Technologiekonglomerat, weil es keine klassische Nachfolgeregelung gab. Der über 70-jährige Rogero trat als Geschäftsführer zurück, arbeitete aber bis zu seinem Tod 1987 als Berater weiterhin mit dem Unternehmen zusammen. Später brachte die MORS-Gruppe APEM auch an die französische Börse, zog die Firma 2004 allerdings von der Börse wieder zurück.

Das Produktportfolio wurde 1984 durch eine weitere Fertigung in Montauban, deren Fokus auf der Entwicklung und Herstellung von kompletten Bedienfeldern (Tastaturen, Folientastaturen) lag, weiter vergrößert. Das Werk wurde später nach Caussade verlagert.

Weltweite Expansion und Ausbau des Portfolios durch Joysticks

Die nächsten Jahrzehnte sind durch Expansion gekennzeichnet: 1991 Kauf der American Switch Corp. mit Sitz in Boston (USA), 1998 Kauf von MEC, einem dänischen Hersteller hochqualitativer Leiterplattenschalter, 1999 Gründung von WUJIN bei Shanghai (China) als Standbein in Asien und 2000 Kauf von UNIFAB in den USA zum weiteren Ausbau des Schalterangebots sowie der Eröffnung einer Montage in Mexiko.

Im Jahr 2002 wurde eine italienische Firma in der Nähe von Turin, die auf Edelstahltastaturen spezialisiert ist, erworben und in APEM Italia umbenannt. Es folgte 2005 die Übernahme von OLIVER CONTROL SYSTEMS Ltd. (OCS) in England, um die bestehende Produktpalette um Industriejoysticks (Fingerjoysticks) zur Frontplattenmontage zu erweitern.

Im Jahr 2008 wurde CH Products, ein führender US-amerikanischer Hersteller für „große“ Joysticks, Trackballs und Simulations-Controller, gekauft, der das Joystick-Portfolio komplettierte.

Um die Logistik zu optimieren, wurden die Läger der einzelnen europäischen Länder 2015 in einem HUB in Montauban zusammengefasst, von dem Kunden in Europa in 24 bis 48 Stunden beliefert werden. Da bisher über 50% kundenspezifisch gefertigt wurde, waren die Vorteile eines zentralen Logistikzentrums bis dato nicht so ausgeprägt.

MBO und Rückkehr in „industrielle Hände“

Im Jahr 2016 erfolgte ein Management-Buy-out (MBO) mit einem Finanzinvestor. MORS hatte sich aus der AG sukzessive zurückgezogen. Um eine nachhaltige Zukunft für das Unternehmen zu sichern, wurde die Firma im März 2017 an die japanischen IDEC verkauft und wieder in industrielle Hände zurückgegeben.

IDEC und APEM hatten vorher schon zusammengearbeitet. Die Übernahme stärkt sowohl die Position von IDEC in Europa, deren Umsatz hier bei 4% liegt, als auch den Stand von APEM in Asien. Das Produktportfolio ergänzt sich nahezu ideal, IDEC fertigt HMI für Automation, die Produkte hat APEM bisher nicht, dafür wird das Portfolio von IDEC um Industrieschalter erweitert.

Beide Unternehmen arbeiten hoch rentabel: IDEC verzeichnete im Geschäftsjahr 2016/17 einen Umsatz von 380 Mio. US-$, davon über 60% in Japan; APEM hatte 2017 einen Umsatz über 200 Mio. Euro, davon entfielen 65% auf Europa.

Hohe Fertigungstiefe und Qualität der Produkte

Auch heute ist APEM immer noch in der Lage, alles, was in den Anfangszeiten des Unternehmens gefertigt wurde, herzustellen. Das liegt unter anderem in der hohen Fertigungstiefe begründet, von der das Unternehmen auch in Zukunft nicht weggehen will. Der Hersteller legt großen Wert auf Qualität und mastert alle Prozesse. Das bedeutet, dass man alle Produktionsschritte selber ausführen könnte, aber nicht zwangsläufig muss. So kaufe man auch Dienstleistungen dazu, beispielsweise Drehteile oder Kunststoffspritzguss.

„Wir machen alles selber“, erklärt der Geschäftsführer von APEM und IDEC Deutschland, Michael Schulze, stolz. Man entwickle die Schalter, stanze die Teile, baue eigene Werkzeuge, fertige Kunststoff und mechanische Komponenten und galvanisiere (Vergolden, teilweise Versilbern). Die manuelle Montage findet seit über 34 Jahren in Tunesien statt. Dabei gehe es nicht um das günstige Produzieren, sondern um Kernkompetenzen, Fachkräfte und das Standort-Kommitment zu Europa.

Was die Zukunft für Bedienelemente bringt

„Wir sind vielleicht auch ein wenig altmodisch, weil uns die Kundenbeziehung so wichtig ist. Die Partnerschaft zu Mitarbeitern und Kunden spielt im APEM-Wertesystem eine große Rolle“, erklärt Schulze. So sehe man sich auch vorrangig als Berater des Kunden. Zurückgreifen könne man auf ein breites Produktportfolio, das es so im Markt nicht noch einmal gebe. „Wir sagen, lieber Kunde, was brauchst Du und was willst Du erreichen und nicht, das hier ist ein tolles Produkt.“ Wichtig sei auch eine langjährige Kundenbeziehung, das seien dann schon einmal 20 Jahre oder mehr.

APEM-Produkte sind in unterschiedlichen Anwendungen vertreten. Der Fokus liegt auf Landwirtschaftstechnik, Material Handling (Kran, Funkfernsteuerung, Gabelstapler, …) und Defence Ground Equipment (Fahrzeug-Militärtechnik). IDEC gehört zu den größten Herstellern von Not-Aus-Tastern. Die zunehmende Automatisierung von (Flur)fahrzeugen bedingt zukünftig ein überproportionales Wachstum dieser Bedienelemente.

Die Landwirtschaftstechnik ist ein Markt, der vor 20 Jahren noch nicht existierte. Insbesondere Anbauteile sind hoch automatisiert und benötigen viele Schalter. Aber auch die anderen Märkte bergen Potenzial. Ein Beispiel sei das Mobiltelefon, erklärt Schulze. Früher hätte ein Handy über 15 Taster gehabt, das seien heute vier bis fünf. Allerdings gehe der Trend zum Dritttelefon und somit sei die Anzahl der Taster konstant geblieben.

Schulzes Fazit: Auch wenn das Umfeld nicht gerade hip ist und der Schalter-Markt nicht mehr zweistellig wachse, so entwickle er sich doch stetig durch die starke Automatisierung. Schalter sind nicht sexy, aber sie werden immer gebraucht.

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