Chrome vs. Firefox: Wenn Google den Browser-Krieg gewinnt, wird das Netz zur Monokultur

| Autor / Redakteur: Simon Hurtz* / Sebastian Gerstl

Der Chrome-Browser ist der mit Abstand erfolgreichste Browser der Welt.
Der Chrome-Browser ist der mit Abstand erfolgreichste Browser der Welt. (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Chrome ist der mit Abstand erfolgreichste Browser der Welt, sein Marktanteil steigt immer weiter. Konkurrenten werfen Google vor, andere Browser bewusst zu sabotieren. Chrome wird die Funktionalität von Adblockern bald einschränken. Mozilla positioniert den Firefox als datenschutzfreundliche Alternative, die Werbung und Tracker blockiert.

Vor zehn Jahren, im Juli 2009, wurde in der Youtube-Kantine ein digitaler Dinosaurier getötet. Eine Handvoll Youtube-Entwickler schmiedete beim Mittagessen ein Komplott. Es ging um einen gemeinsamen Feind: den Internet Explorer 6 von Microsoft. Der langsame, instabile Browser machte ihre Arbeit zur Qual. Und sie hatten eine Idee: Ohne ihre Vorgesetzten zu fragen, fügten sie der Youtube-Seite ein paar Zeilen Programmiercode hinzu.

„Unser Plan war simpel“, sagt Chris Zacharias, der damals dabei war. „Wer Youtube mit dem IE 6 aufrief, sah eine Warnung, dass der Support für den Browser bald eingestellt werde.“ Das stimmte nicht, aber es wirkte: Binnen weniger Wochen brach der Marktanteil des Browsers um die Hälfte ein. „Unser Chef hat uns im Biergarten schwören lassen, dass wir so etwas nie mehr machen“, sagt Zacharias. „Dann haben wir auf den Tod des IE 6 angestoßen.“

Man wolle ein „guter Hüter des Netzes“ sein, heißt es beim US-Konzern

Die Anekdote zeigt: Manchmal reichen wenige Rebellen, um Geschichte zu schreiben. Und sie macht deutlich: Bereits 2009 war die Youtube-Muttergesellschaft Google (die heute Alphabet heißt) unheimlich einflussreich. Diese Dominanz hat das Unternehmen seitdem konsequent vergrößert. Heute, ein Jahrzehnt später, hat Google große Teile des Netzes in der Hand. Eine schützende Hand, sagt Google - ein Klammergriff, der dem freien Netz langsam die Luft abdrückt, sagen andere.

Ein Gedankenspiel veranschaulicht Googles Macht: Alle Menschen brauchen Brillen, um sehen zu können. Ein Großteil vertraut auf kostenlose Produkte eines einzelnen Unternehmens. Es verdient Geld, indem es Brillenträgern am Rande ihres Sichtfelds Werbung anzeigt. Gleichzeitig kontrolliert der Brillenhersteller das gesamte Verkehrssystem. Er bestimmt, wie die Menschen die Welt sehen und welche Orte sie besuchen.

Diese Rolle hat Google im Netz: Sein Chrome-Browser hat die Konkurrenten weit abgehängt. Googeln ist zum Synonym für Suchen geworden. Alle Dienste sind kostenlos, Google verdient sein Geld fast ausschließlich mit digitalen Anzeigen. „Sie können bestimmen, wie das Netz funktionieren soll, und es gibt niemanden, der ihre Entscheidungen hinterfragen kann“, sagte Mozilla-Geschäftsführer Mark Surman kürzlich der SZ. Er sagte aber auch: „Google ist nicht böse“ - eine Anspielung auf Googles früheren internen Mitarbeiter-Leitsatz: „Don't be evil“, sei nicht böse.

"Chrome ist Spyware geworden"

Es gibt Menschen, die das anders sehen. Im April erhob Jonathan Nightingale, früher Vize-Chef von Firefox, schwere Vorwürfe. Google habe den konkurrierenden Browser bewusst sabotiert, um Chromes Marktmacht zu stärken. Andreas Gal, ehemaliger Technikchef von Mozilla, macht ähnliche Anschuldigungen. „Chrome ist Spyware geworden“, sagt Mozilla-Mitgründer Brendan Eich, heute Chef des alternativen Browsers Brave. Dessen Technikchef Brian Bondy klagt: „Browser mit kleinem Marktanteil sind auf den guten Willen von Google angewiesen, aber Google würgt uns ab.“ Solche Aussagen hört man immer wieder, wenn man Mitarbeiter von Konkurrenten wie Vivaldi, Edge, Brave und Firefox fragt oder in Entwicklerforen nachforscht.

Google weist die Vorwürfe zurück. „Wir haben großes Interesse daran, das Web als offene Plattform weiterzuentwickeln“, sagt ein Sprecher des Entwicklungsteams in München. Dafür kooperiere man mit anderen Browserherstellern. Und Darin Fisher, ein leitender Chrome-Entwickler, sagte der Agentur Bloomberg: „Wir nehmen die Verantwortung ernst, gute Hüter des Netzes zu sein.“

Google mag seine Macht nicht missbrauchen, aber es gebraucht sie. Wer Dienste wie Gmail, Docs oder Youtube mit einem anderen Browser als Chrome aufruft, sieht manchmal Banner wie: „Youtube-Videos mit Chrome ansehen - Google empfiehlt Chrome als schnellen und sicheren Browser. Jetzt testen?“ Anders als vor zehn Jahren stecken dahinter keine rebellischen Entwickler, die den Internet Explorer loswerden wollen. Hier arbeitet ein mächtiges Unternehmen systematisch daran, eines seiner erfolgreichsten Produkte in ein weiteres Monopol zu verwandeln.

Chrome wird die Funktionalität von Adblockern einschränken

Chrome ist stabil, schnell und sicher. Der Browser hat sinnvolle neue Web-Standards gesetzt. Die meisten Menschen nutzen Chrome, weil Google technisch vieles richtig macht. Das hat Schattenseiten: Fast alle Konkurrenten nutzen die Chromium-Engine als Grundlage, nur Apples Safari und Mozillas Firefox sind noch eigenständig. Viele Entwickler optimieren ihre Seiten ausschließlich für Chrome. Das Netz droht, zur Monokultur zu werden. Außerdem sind in den vergangenen Monaten Dinge geschehen, die eine Frage aufwerfen: Ist es eine gute Idee, dass der größte Anzeigenverkäufer der Welt den größten Browser der Welt herstellt?

Google verzahnt Chrome immer enger mit seinen Diensten und macht es Nutzern schwer, dauerhaft anonym zu bleiben. Wer sich heute etwa bei Gmail einloggt, meldet sich automatisch auch bei Chrome an. Dann schlägt Google vor, alle Daten zu synchronisieren: Bestätigt man den scheinbar harmlosen Dialog, landen Informationen wie besuchte Webseiten, Kreditkarten und Adressen auf Googles Servern.

Ein anderes Beispiel: Kommende Chrome-Versionen werden die Funktionalität von sogenannten Adblockern, also Filtern, die Werbung auf Webseiten unterdrücken, stark beschränken. Entwickler, Verbraucherschützer und NGOs sind seit Monaten in Aufruhr. Es gehe um Sicherheit, sagt Google und verweist darauf, dass auch andere Erweiterungen betroffen sein. Dennoch bleibt es dabei, dass Chrome künftig wohl weniger Anzeigen filtern wird.

Google ist in einer schwierigen Lage: Ein Großteil der Nutzer hasst Online-Werbung und Tracker, die sie durchs Netz verfolgen. Sie empfinden Adblocker als Notwehr gegen Werbenetzwerke und Webseiten, die Dutzende Überwachungs-Werkzeuge einbinden. Gleichzeitig basiert Googles Geschäftsmodell darauf. Auch Medien wie die SZ sind auf Online-Werbung angewiesen und versuchen, mit Analyse-Werkzeugen mehr über ihre Leser zu erfahren.

Google balanciert auf einem schmalen Grat: Anfang des Jahres warnte die Muttergesellschaft Alphabet ihre Aktionäre, dass Adblocker und eingeschränkte Tracking-Möglichkeiten Googles Kerngeschäft bedrohten. Deshalb soll Chrome aufdringliche Werbung filtern - aber nicht zu viel, um die Einnahmen nicht zu gefährden.

Mozilla muss kein Geld mit Werbung verdienen - das merkt man am Firefox

Vor einigen Jahren war Chrome schlicht der beste Browser. Doch die Konkurrenz hat aufgeholt. Opera, Brave, Vivaldi und Microsoft Edge basieren auf Chromium, haben aber angekündigt, Adblocker im Gegensatz zu Google nicht beschneiden zu wollen. Auch der Firefox von Mozilla ist eine gleichwertige Alternative. Seit Kurzem gibt es auch eine neue Version für Smartphones. Die gemeinnützige Mozilla-Stiftung muss kein Geld mit Werbung verdienen: Firefox blockiert von Haus aus besonders invasive Tracker und schützt die Privatsphäre seiner Nutzer.

Googles Siegeszug scheint unaufhaltsam zu sein. Doch nirgends können sich Machtverhältnisse so schnell ändern wie im Netz. Der Internet Explorer hatte einst einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent. Dann machte Microsoft Fehler, Konkurrenten holten auf, und eine Gruppe Youtube-Entwickler gab dem Browser den Rest. Vielleicht treffen sich gerade ein paar rebellische Mozilla-Mitarbeiter zu einem Essen, das Geschichte schreiben wird.

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Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 08.07.2019

* Simon Hurtz arbeitet bei der Süddeutschen Zeitung als Redakteur im Online-Team.

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