Smart Grid Rückblick auf die European Utility Week

Autor / Redakteur: Dipl.-Ing. Richard Oed / Franz Graser

Die European Utility Week hat sich in den letzten Jahren als Leitmesse der Smart-Energy-Community etabliert. Während der drei Messetage in Wien wurden die aktuellen Entwicklungen aus- und vorgestellt. Daneben gab es lebhafte Diskussionen über Trends, Lösungen und Regularien im Smart-Grid-Umfeld.

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Das wohl am meisten fotografierte Ausstellungsstück war Smartville, das liebevoll aus Lego-Bausteinen gebaute Modell einer smarten Stadt auf dem Stand von Kamstrup
Das wohl am meisten fotografierte Ausstellungsstück war Smartville, das liebevoll aus Lego-Bausteinen gebaute Modell einer smarten Stadt auf dem Stand von Kamstrup
(Bild: Richard Oed)

Fand diese Messe früher unter dem Namen Metering Europe abwechselnd an den Standorten Amsterdam, Barcelona und Wien statt, so wurde sie in den letzten vier Jahren im Kongresszentrum in Amsterdam abgehalten. Für 2015 hatte man sich entschlossen, sie wieder in Wien abzuhalten. Diese Entscheidung wurde mit einer Rekord-Teilnehmerzahl von 9300 Besuchern aus 77 Nationen während der drei Veranstaltungstage belohnt.

Die Entscheidung für Wien hat auch zu einer gegenüber dem Vorjahr um 22 Prozent gestiegenen Teilnahme von Besuchern aus den Regionen Deutschland – Österreich – Schweiz sowie aus den osteuropäischen Staaten, Russland und der Ukraine geführt, die als Schlüsselregionen angesehen werden. Beide zusammen machten fast 45 Prozent der Teilnehmer aus.

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In den Hallen A und B der Messe Wien versammelten sich 510 Aussteller und 55 Startups, die ihre Produkte und Projekte, von Halbleitern und intelligenten Zählern über Kommunikationstechnik, Energieeffizienz und -Speicherung bis hin zur Datenanalyse und dem Internet der Dinge vorstellten. Begleitet wurde die Ausstellung von zwei Programmen: Einer von etwa 2000 Teilnehmern besuchten kostenpflichtigen strategischen Konferenz mit 172 Vorträgen und Podiumsgesprächen in 29 Vortragsreihen, die sich in erster Linie mit den politischen Rahmenbedingungen, regulatorischen Richtlinien, Smart Meters, den Strategien der Versorgungsbetriebe und neuen Geschäftsmodellen beschäftigten sowie 31 frei zugänglichen Hub Sessions in acht über die Hallen verteilten Vortragsbereichen, mit über 170 Beiträgen, die sich auf technologische Innovationsprojekte der Versorger fokussierten.

Abgerundet wurde das Programm noch durch die erstmalige Verleihung der European Utility Industry Awards in fünf Kategorien.

Eines der größten Themen der Messe, dem auch durch einen eigenen Schwerpunkt Rechnung getragen wurde, war die Erkenntnis, dass sich die großen Spieler den geänderten Rahmenbedingungen anpassen müssen, wenn sie ihre Tätigkeit nicht irgendwann auf das reine Kerngeschäft reduziert sehen wollen.

Paddy Young, der Leiter der European Utility Week, formulierte es so: „Was bei der diesjährigen Messe wirklich neu war, war der Fokus auf Innovation, speziell mit der Vorstellung von zusätzlichen Initiativen, die Start-Ups und junge Talente einschließen. Wir finden wirklich, es wurde in der Industrie darüber nachgedacht, dass für bereits etablierte Unternehmen in der Energiebranche einen echten Bedarf gibt, mit neuen und aufregenden Ideen in Verbindung zu treten, die die Zukunft dieses Bereiches gestalten könnten.“

Bisherige Key-Player müssen sich anpassen

Damit diese inhaltliche Auseinandersetzung auch bereits auf der Messe stattfinden konnte, wurden 55 Startups und einige Hochschulen eingeladen, ihre Ideen und Forschungsprojekte einem breiten Publikum zu präsentieren. Dieser Innovation Hub genannte Bereich, in dem zusätzlich auch Vorträge stattfanden, war durchweg gut besucht.

Dies zeigt, dass das Thema Innovation in dieser doch als etwas behäbig geltenden Branche inzwischen angekommen ist und in der Zukunft viele interessante Lösungen erwartet werden können. Den ebenfalls stattfindenden Wettbewerb der Startups um die Initiate Awards und den Titel „Startup Of The Year“ gewann in diesem Jahr Open Utility für ihren Peer-to-Peer Energie-Marktplatz.

Was macht man, wenn man keinen Rasensprenger aufbauen kann? Seluxit hat ihn auf seinem Stand durch eine Bierzapfanlage (im Hintergrund) ersetzt und so nebenbei noch das Internet of Beer erfunden.
Was macht man, wenn man keinen Rasensprenger aufbauen kann? Seluxit hat ihn auf seinem Stand durch eine Bierzapfanlage (im Hintergrund) ersetzt und so nebenbei noch das Internet of Beer erfunden.
(Bild: Richard Oed)

Selbstverständlich war auch das Internet der Dinge (IoT, Internet of Things) ein unübersehbares Thema auf der Messe. Was anfangs mit einigen wenigen vernetzten Geräten begann, hat sich nun deutlich weiterentwickelt und schließt mittlerweile auch exotischere Applikationen mit ein. So demonstrierte etwa die Firma seluxit zusammen mit Gardena ein Projekt für einen smarten Garten, in dem der Mähroboter, ein Feuchtigkeitssensor, ein Rasensprenger mit Bewässerungscomputer und ein Gateway nicht nur untereinander, sondern auch mit den Smart Metern kommunizieren.

Damit soll es ermöglicht werden, das Mähen und Bewässern zu einem möglichst optimalen Zeitpunkt durchzuführen. Eine clevere Lösung hatte man auf dem Stand für das Problem bereit, dass man den Rasensprenger eigentlich nicht demonstrieren konnte, ohne den Stand zu fluten. Man ersetzte ihn einfach durch eine Bierzapfanlage und erfand so nebenbei auch noch das „Internet of Beer“.

Auch das Problem der Energiespeicherung wurde intensiv behandelt. Die Nördlinger Firma VARTA Storage stellte erstmals ihre neuen Powercaps der HVC Serie vor, die die Speicherkapazität von Batterien mit der Ladegeschwindigkeit und Langlebigkeit von Superkondensatoren kombinieren sollen. Die Stadtwerke München gaben wiederum bekannt, dass sie in ihrem virtuellen Kraftwerk erstmals einen kinetischen Energiespeicher, den auf Schwungradbasis betriebenen Speicher „DuraStor“ der Jülicher Firma STORNETIC in Betrieb genommen hat.

Dort wird er unter anderem zur Regelenergie und zum Ausgleich von Prognoseabweichungen aus erneuerbarer Energieerzeugung verwendet. Generell wird dem Thema Energiespeicherung mit der weiteren Verbreitung der erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren eine große Bedeutung zukommen.

Erste Erfahrungen von großen Zähler-Rollouts liegen vor

In den Fachvorträgen wurde sehr oft über die Erfahrungen beim Rollout von Smart Metern berichtet, seien es nun vernetzte Wasser-, Gas- oder Stromzähler. Aufgrund des in Italien gesetzlich vorgeschriebenen Einbaues von intelligenten Gaszählern für alle Verbrauchsstellen bis 2018, konnten vor allem die dortigen Versorger interessante Details dazu liefern.

So bereite oftmals die Kommunikation mit den Zählern nicht das größte Problem, sondern vielmehr vorzeitige Ausfälle der Zähler, ein ungewolltes Trennen der Versorgung oder auch Verbrauchsmessungen trotz Leerlaufs. Als hochproblematisch stellte sich in einigen Regionen zudem der Parallelbetrieb von Zählern mit unterschiedlichen Firmware-Revisionen heraus; ein Problem, das durch die in Italien geforderte Tauschbarkeit von Zählern unterschiedlicher Hersteller noch verschärft wird.

Interessanterweise wurde von vielen Versorgern die bidirektionale Kommunikation über den wireless M-Bus (wM-Bus) mit 169 MHz als sehr robust angesehen und dabei wurden auch Reichweiten erzielt, die einer Kommunikation über die Stromleitung (PLC – Powerline Communication) ebenbürtig waren.

Lebt GPRS lange genug?

PLC selbst wurde von einigen Versorgern nicht unkritisch gesehen. Auch wenn es bei Stromzählern weiterhin der Kommunikationsweg erster Wahl ist, kann nicht immer eine hundertprozentige Erreichbarkeit der Zähler sichergestellt werden. Aus diesem Grund gehen einige Versorger dazu über, neben einem PLC-Modem zusätzlich eine Funkverbindung, sei es über wM-Bus oder GPRS, vorzusehen und damit ein RF-Mesh-Netzwerk aufzubauen, auf welches zurückgegriffen wird, falls die Verbindung über PLC für längere Zeit nicht aufgebaut werden kann.

Entsprechende Zähler mit Zwei-Wege-Kommunikation haben inzwischen etliche Hersteller im Angebot. Recht kontrovers diskutiert wurde dabei die Frage, ob das GPRS-Funknetz überhaupt noch über die gesamte Lebenszeit der Zähler zur Verfügung steht und daher entsprechende Modems verbaut werden sollten. Sah Steven Van den Berghe von Eandis in seiner Präsentation kein Ende von GPRS nicht vor Mitte oder Ende der 2020er-Jahre, so beklagte sich Vito Bisceglia von A.M.GAS in Bari, dass es sehr schwierig sei, von den Telekommunikationsunternehmen zuverlässige Auskünfte zum Ende von GPRS zu bekommen und bemängelte die damit fehlende Planungssicherheit. AT&T hat für Amerika bereits den Phase-Out beschlossen.

Aber selbst wenn GPRS lange genug leben sollte, könnte sich, bei durch das Internet der Dinge weiter anwachsendem Datenvolumen, die zur Verfügung stehende Bandbreite als problematisch herausstellen, da es dann zum Stau auf der (GPRS-) Datenautobahn kommen könnte.

Einig waren sich aber alle in einem Punkt: Die auf früheren Messen noch als große Neuerung herausgestellten intelligenten Stromzähler sind inzwischen zu Commodity-Produkten geworden, bei denen es mehr auf Evolution durch verbesserte Kommunikationsinterfaces oder Austauschbarkeit ankommt, als auf Revolution.

Neue Schwerpunkte für 2016

Die wohl größte Neuerung der Messe 2015 war, zumindest aus der Sicht der Veranstalter, die erstmalige Verleihung der European Utility Awards in den fünf Kategorien Sustainable Development (Gewinner: Schneider Electric), Smart Community (Vandebron), Young Innovator (Tobias Linnenberg, OEEX GmbH), Industry Innovation (UK Power Networks) und Utility Partnership (OVO Energy).

15 Firmen kamen vor der Messe in die engere Wahl aus denen ein unabhängiges Komitee von internationalen Industrieexperten die Gewinner auswählte. Die Preisverleihung fand dann am 4. November im Rahmen einer großen Party mit Live-Jazz-Musik und gutem Essen in Anwesenheit von rund 500 Fachleuten statt.

Von den meisten Teilnehmern, seien es Versorgungsbetriebe, Hersteller, Big-Data Analysten oder Startups wurde die Messe 2015 als voller Erfolg eingestuft. Und so freuen sie sich auch schon auf das nächste Jahr, wenn die European Utility Week in der Zeit vom 15. – 17. November 2016 in Barcelona stattfinden wird. Dort kommen dann weitere Themenschwerpunkte hinzu: Smart Generation und Intelligent Buildings.

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