Ruanda baut das unwahrscheinlichste Smartphone

| Autor / Redakteur: Bernd Dörries* / Martina Annuscheit

„Made in Africa“ – Ruandas Maraphone bietet alles, was ein modernes Smartphone ausmacht: zwei Kameras, Gesichtserkennung und das neueste Google-Betriebssystem.
„Made in Africa“ – Ruandas Maraphone bietet alles, was ein modernes Smartphone ausmacht: zwei Kameras, Gesichtserkennung und das neueste Google-Betriebssystem. (Bild: Maraphone)

Das ehemalige Bürgerkriegs-Land baut das erste Smartphone "Made in Africa" - das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen.

Auf der Rückseite des Telefons ist ein Löwe abgebildet, die Oberfläche des Gerätes aus „Gorilla-Glas“ soll so stark sein wie die Primaten. „Tierisch gut“ hätte also auch nahegelegen als Slogan für das neue Mara Phone, das aber mit „Made in Africa“ für sich wirbt. Es ist das erste Mobiltelefon, das auf dem Kontinent hergestellt wird, in einer neuen Fabrik in Ruanda.

In weißen Hallen bauen Mitarbeiter in weißen Overalls die Geräte zusammen, bis zu 10 000 am Tag, die alles haben, womit Handys heutzutage so ausgestattet sind: zwei Kameras, Gesichtserkennung und das neueste Google-Betriebssystem. Erstaunlicher als der günstige Preis von unter 200 Dollar ist aber die Herkunft – „Made in Africa“ steht für viele eher als Ursprungsort von Krankheiten, Krisen und Korruption. Und nicht für Erfolgsgeschichten.

„Die neue Fabrik reiht sich in eine steigende Zahl von Hightech-Produkten ein, die in unserem Land produziert werden“, sagte Paul Kagame bei der Eröffnung der Handy-Fabrik in dieser Woche. Ruandas Präsident hat mittlerweile einige Übung darin, Grußworte zu verfassen und rote Bänder durchzuschneiden, sein Land gehört seit vielen Jahren zu den am schnellsten wachsenden der Welt, im zweiten Quartal 2019 betrug das Wachstum 12,2 Prozent. In den Industriegebieten der Hauptstadt Kigali lässt mittlerweile auch Volkswagen Autos zusammenbauen, Textilfabriken fertigen Kleidung für die internationalen Ketten, kürzlich wurde ein neues Elektromotorrad vorgestellt.

Ruanda bietet kaum politische Freiheit, dafür ökonomischen Fortschritt

Es ist eine Entwicklung, die vor 25 Jahren noch undenkbar gewesen wäre, damals endete einer der schlimmsten Völkermorde der Geschichte mit etwa 800 000 Toten. Bis heute leidet die ganze Region unter dem Gräuel, weil viele der Täter in die Nachbarstaaten flüchteten. Der Osten des Kongo ist bis heute eine Bürgerkriegszone, der Nachbar Burundi eine Diktatur, nur Ruanda hat einen anderen Weg eingeschlagen, zumindest was die wirtschaftliche Entwicklung angeht.

Präsident Kagame lässt kaum Opposition zu, immer wieder werden seine Gegner verschleppt. Ökonomisch verfolgt seine Regierung einen Plan, der dem chinesischen Modell ähnelt, in dem die Bürger mehr oder weniger freiwillig ihre Freiheit aufgeben, gegen das Versprechen ihrer Führung, sie aus der Armut zu holen.

In Ruanda hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Kindersterblichkeit halbiert, das Bruttosozialprodukt ist seit dem Ende des Völkermordes um etwa 700 Prozent auf 800 Dollar pro Person und Jahr gestiegen. Selbst wenn es Indizien gibt, dass die Regierung manche Zahlen aufhübscht, sind die Erfolge erstaunlich. In der Hauptstadt Kigali wurde kürzlich eine riesige Sporthalle für 10 000 Zuschauer eingeweiht. Die nationale Fluglinie eröffnet immer neue Routen. Ausländische Investoren können innerhalb von 48 Stunden eine Firma eröffnen – die Genehmigungen werden online beantragt, das Land hat so viele Dienstleistungen digitalisiert wie nur wenige andere. Durch die neuen Handys sollen nun mehr Ruander Zugang zum Internet bekommen. Die Geräte werden innerhalb einer Woche aber auch weltweit geliefert, verspricht der Hersteller.

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 12.10.2019

* Bernd Dörries ist seit 2017 Afrika-Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung in Kapstadt.

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