Replik auf 5G-Vorwürfe: „Intel agiert fair – im Gegensatz zu Qualcomm“

| Redakteur: Michael Eckstein

Vorbereiter: Ende 2017 stellte Intel seinen ersten 5G-Modemchip vor. Nachfolger XMM 8060 soll ab Mitte 2019 kommerziell zum Einsatz kommen – nach Möglichkeit auch in Apples iPhones.
Vorbereiter: Ende 2017 stellte Intel seinen ersten 5G-Modemchip vor. Nachfolger XMM 8060 soll ab Mitte 2019 kommerziell zum Einsatz kommen – nach Möglichkeit auch in Apples iPhones. (Bild: Intel Corporation)

Zunehmend genervt von Vorwürfen, Intel nutze Qualcomm-Geheimnisse in seinen 5G-Chips, geht der Prozessor-Pionier in die Offensive: Man sei innovativer als der Wettbewerber. Gleichzeitig muss Intel offenbar um Apple als Großabnehmer für seine Funkchips bangen.

Offensichtlich gehen den Intel-Verantwortlichen die zunehmenden, zum Teil massiven Anfeindungen seitens Qualcomms mittlerweile gewaltig auf die Nerven. Davon zeugt eine auf dem Intel-Blog veröffentlichte Stellungnahme von Steven R. Rodgers, seines Zeichens Executive Vice President und General Counsel der Intel Corporation.

Dieser prangert einmal mehr die „unfaire ‚no license, no chip‘-Praxis“ an, die Qualcomm seit Jahren verfolge, um „Wettbewerber zu eliminieren“. Tatsächlich werfen mehrere Länder und Staatengemeinschaften weltweit Qualcomm wettbewerbswidriges Verhalten vor. Qualcomm wurde deswegen mehrfach zu hohen Strafzahlungen verdonnert: 975 Mio. Dollar in China, 850 Mio. Dollar in Korea und satte 1,2 Mrd. Dollar in der EU.

„Intel verletzt keine Qualcomm-Patente“

Was bei Rodgers offenbar das Fass zum Überlaufen gebracht hat, ist der neuste Vorwurf von Qualcomm: Demnach soll iPhone-Hersteller – und Ex-Großkunde – Apple technologische Geheimnisse an seinen neuen Lieferanten Intel weitergereicht haben. Nur so sei Intel in der Lage gewesen, schnell Fortschritte auf dem Bereich der Mobilfunkmodems zu machen.

Rodgers kontert: „Intel ist seit über 50 Jahren einer der weltweit bedeutendsten technologischen Innovatoren.“ Im letzten Jahr habe sein Unternehmen zudem mehr Patente vom US-Patentamt erhalten als Qualcomm – was ein deutlicher Beleg für die Innovationsfähigkeit seines Unternehmens sei. Unlängst habe der unliebsame Wettbewerber zudem 88 Patentklagen, von denen einige auf Intels Modems abzielen, verloren.

Laut US-Bundesrichter erpresst Qualcomm seine Kunden

In einem Fall habe ein US-Bundesrichter sogar einen Beweis vorgelegt, dass Qualcomm von anderen Unternehmen verlangt hat, „eine separate Lizenz für die Mobilfunk-Patente von Qualcomm zu akzeptieren, um Zugang zu den Modem-Chips von Qualcomm zu erhalten“. Hier zeige sich wieder das „no license, no chips“-Vorgehen, „das sich als Teil des wettbewerbswidrigen Verhaltens von Qualcomm offenbart und das in so vielen Ländern angefochten wurde“, schließt Rodgers. „Als einer der weltweit größten Patentinhaber respektiert Intel geistiges Eigentum. Aber wir respektieren auch Wahrheit, Offenheit und fairen Wettbewerb. Und wir freuen uns darauf, weiterhin mit Qualcomm zu konkurrieren.“

Was Rodgers nicht sagt: Intel ist zwar stark, wenn es um Prozessor- und Storage-Technologie für Rechenzentren, PC und Notebooks geht. Im Bereich Mobilfunk agierte das Unternehmen bislang jedoch eher unglücklich. So hat Intel 2007 den Einstieg in den Smartphone-Markt verschlafen, hat mit seinen Atom-Prozessoren und Mobil-Chipsets danach nie richtig Fuß fassen können. Hier geben seit Jahren andere Firmen den Ton an: Neben SoC-Spezialisten wie ARM eben auch Basisband-Modem- und Mobile-Chip-Entwickler wie Qualcomm.

Apple setzt erst spät auf die neuen Intel-Modems

2010 hatte Intel das Geschäft mit Funkchips von Infineon übernommen: Für 1,4 Mrd. Dollar wechselte das „Wireless Solution Business“ den Besitzer. Intel wollte die eigenen Wi-Fi- und 4G-WiMAX-Lösungen mit Infineons 3G-Know-how kombinieren und eine schlagkräftige LTE-Lösung daraus destillieren. Es kam anders: Das erste, 2013 vorgestellte LTE-Modem XMM 7160 fand keinen reißenden Absatz.

Erst mit dem Nach-Nachfolger XMM 7360 konnte Intel Apple – das bereits im Clinch mit Qualcomm lag – überzeugen, zumindest bei einem Teil der iPhone-7-Produktion eigene Modems zu verwenden. In den iPhone-8- und iPhone-X-Modellen stecken die Nachfolger-Chips XMM 7480. Seit dem zweiten Quartal 2018 liefert Intel seine vierte LTE-Modem-Generation XMM7560 aus. Wie Qualcomm einräumte, setzt Apple für seine nächsten iPhone-Modelle offenbar exklusiv auf die Intel-Chips.

Intel sitzt bei Apple nicht sicher im Sattel

Doch möglicherweise wackelt dieser lukrative Pfeiler bereits wieder: Laut einem Bericht der israelischen Finanzzeitung CTech plant Apple ab 2020 erneut ohne Intel – zumindest zum Teil. Betroffen ist wohl der Wireless-Chip „Sunny Peak“, der Bluetooth- und Multi-Gigabit-WLAN-Funktechnik nach dem 802.11ad-Standard vereint. Erste Berichte, wonach Apple nicht einmal Intels 5G-Mobilfunkmodems einsetzen werde, hat Intel rasch dementiert.

„Intels 5G-Kundenengagements und die Roadmap haben sich für 2018 bis 2020 nicht geändert", sagte Intel in einer Erklärung. Man bleibe seinen 5G-Plänen und -Projekten verpflichtet. Das deutet darauf hin, dass Apple in Zukunft möglicherweise zwar Intels 5G-Mobilfunkmodems verwenden könnte, auf den Einsatz des „Sunny Peak“-Chips aber tatsächlich verzichtet.

Ein 5G-Engagement in den prestigeträchtigen Apple-Produkten wäre extrem wichtig für Intel. Denn für die nächste Dekade rechnen viele Auguren mit einer explosionsartig steigenden Nachfrage nach 5G-Chips. Als Apples Hauptlieferant von Basisband-Modems für den kommenden Mobilfunkstandard könnten Intel endlich seine Position im wichtigen Mobile-Markt festigen.

Der 5G-Markt ist größer als Apples iPhones

Um nicht von einem Kunden abhängig zu sein, hat Intel längst begonnen, sich mehrere Standbeine für sein Modem-Geschäft aufzubauen. So hat das Unternehmen im Februar 2018 bekannt gegeben, eine strategische, langfristige Zusammenarbeit mit Unigroup Spreadtrum & RDA vereinbart zu haben. Das Fabless-Halbleiterunternehmen entwickelt Core-Chipsätze für den Mobilfunk und das IoT. Dazu zählen Chips für 2G/3G/4G-Kommunikationsstandards, für Hochfrequenzfunk und Wireless-Technologien.

„Die Unternehmen planen, eine 5G-Smartphone-Plattform für den chinesischen Markt zu entwickeln, die über ein Intel 5G-Modem verfügt und so ausgerichtet ist, dass sie mit den ab 2019 ausgerollten 5G-Netzwerkausrüstungen zusammenarbeitet“, heißt es in der Pressemitteilung. Demnach planen die Partner „eine Reihe von Produktkooperationen, bei denen Modems der XMM-8000-Serie von Intel in mehreren Produktfamilien eingesetzt werden, die auf diversifizierte Märkte ausgerichtet sind“.

Auch mit Dell, HP, Lenovo und Microsoft will Intel zusammenarbeiten, um „die 5G-Konnektivität auf Windows-PCs mit kommerziellen 5G-Modems der Intel XMM-8000-Serie zu bringen“. Intel erwartet, dass „die ersten und per 5G verbundenen PCs in der zweiten Jahreshälfte 2019 auf den Markt kommen“. Darüber hinaus hat das Unternehmen mit seinen Mobilfunkchips auch den aufstrebenden IoT-Markt im Visier.

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