Rekord: 41 Mrd. US-$ für europäische Tech-Start-Ups

Autor: Michael Eckstein

Junge europäische Technologiefirmen konnten 2020 die Rekordsumme von 41 Mrd. US-$ an Risikokapital einwerben – trotz Corona. Dabei hatten Marktbeobachter im Frühjahr befürchtet, dass die Pandemie die Tech-Start-Up-Szene schwer treffen würde.

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Geldregen: Trotz Corona investierten Risikokapitalgeber 2020 mehr Geld als 2019 in junge europäische Technologieunternehmen.
Geldregen: Trotz Corona investierten Risikokapitalgeber 2020 mehr Geld als 2019 in junge europäische Technologieunternehmen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Rund 41 Mrd. US-$ Risikokapital-Investitionen – und damit über 50% mehr als 2018 – wird Europas Technologiesektor im Jahr 2020 einwerben. Das prognostiziert Atomico, selbst Venture-Capital-Geber, in seinem gerade veröffentlichen Jahresbericht. Damit überholt das Corona-Krisenjahr sogar das Rekordjahr 2019 um eine halbe Mrd. US-$. Der Anstieg sei auf eine größere Anzahl von Finanzierungsrunden von 100 bis 250 Mio. US-$ zurückzuführen, sagen die Marktanalysten.

Ausgerechnet deutsche Start-Ups mussten allerdings trotz des insgesamt erfreulichen Ergebnisses Abstriche hinnehmen: Laut Atomico flossen dieses Jahr knapp 5,4 Mrd. US-$ der VC-Finanzmittel in deutsche Neugründungen – das sind gut 20 Prozent weniger als im vergangenen Jahr.

Corona-Pandemie hat Investoren ausgebremst – aber nur kurz

Ab März war laut Atomico zunächst ein Einbruch der Gesamtinvestitionen zu verzeichnen. Gründe dafür waren zunehmende Unwägbarkeiten und ein Europa, dass durch weitreichende Lockdowns in vielen Ländern quasi zum Stillstand gekommen war. „Im zweiten Quartal des Jahres und während des Sommers kam es zu einer spürbaren Verlangsamung, als die Coronavirus-Sperren zu greifen begannen“, sagt Tom Wehmeier, Partner bei Atomico und Mitverfasser des Berichts.

Doch nach dem ersten Schock wollten die gut gefüllten VC-Schatullen offenbar geleert werden – und viele Investoren holten Beteiligungen in der zweiten Jahreshälfte nach. Gegen Ende des Sommers habe die Wirtschaft sich aus der Starre befreien können, was sich auch auf die Investitionen in Tech-Gründungen auswirkte.

Schwungvolle Erholung seit September

Diese Erholung hat sich bis jetzt fortgesetzt, beschreibt Atomico. Allein im September floss die Rekordsumme von 5 Mrd. US-$ in europäische Tech-Start-Ups. Die Verteilung war dabei höchst unterschiedlich: Über satte 3,2 Mrd. US-$ konnten sich Digital-Health-Care-Firmen freuen. Auf der anderen Seite hatten Online-Travel-Start-Ups einen schweren Stand.

Unternehmensgründer hätten es allerdings in diesem Jahr schwerer als sonst gehabt, Investoren für ihre Idee zu begeistern und Wachstumspotenziale aufzuzeigen, sagt Wehmeier. Das sei besonders bei Finanzierungsrunden von 20 bis 50 Mio. US-$ auffällig gewesen. Vor allem ab der zweiten Finanzierungsrunde, wenn es darum geht, von der Entwicklung eines Produkts auf den Vertrieb umzuschalten.

USA und China liegen bei Investitionen in Hochtechnologien weit vor Europa …

Trotzdem: Im Vergleich zur stärksten Volkswirtschaft der Welt, den USA, investieren Geldgeber in Europa eher verhalten. US-Start-Ups werden 2020 etwa rund fünfmal mehr Risikokapital anziehen, hat Atomico errechnet. Immerhin interessieren sich immer mehr ausländische Investoren für europäische Neugründungen: An rund einem Fünftel der Finanzierungsrunden in Europa im Jahr 2020 sei mindestens ein US-Investor beteiligt. Im Jahr 2019 waren es laut Wehmeier 16%.

Auch asiatische Geldgeber investieren demnach zunehmend in Europa. „Institutionelle Investoren aus Europa und der ganzen Welt haben mittlerweile dreimal mehr Geld in die europäische Technologiebranche gesteckt als noch vor fünf Jahren“, sagt Wehmeier.

… doch Europa holt schnell auf

Insgesamt habe Europa in den letzten Jahren in Punkto Risikokapitalfinanzierungen von Start-Ups und Scale-Ups stark aufgeholt. So brachte Europa auch zwei so genannte „Decacorns“ hervor, also Technologieunternehmen mit einem Wert von 10 Mrd. US-$ oder mehr: UiPath, Entwickler von Automatisierungssoftware, und die Fintech-Firma Klarna.

Einen Rekord stellte die virtuelle Event-Plattform Hopin auf: Kein anderes europäisches Unternehmen erreichte schneller den begehrten „Einhorn“-Status – eine Bewertung von mindestens 1 Mrd. US-$. Dafür benötigte Hopin nur 17 Monate nach der Gründung, mittlerweile ist es 2,1 Mrd. US-$ wert. Derzeit gibt es laut Atomico 115 VC-gestützte europäische Unternehmen mit einem Wert von mehr als 1 Mrd. US-$. Zwei – Spotify und Adyen – sind sogar bereits über 50 Mrd. US-$ schwer.

Nach Aussagen einiger Investoren hätte die zunehmende Akzeptanz von Remote und Home Working den Stand für europäische Start-Ups verbessert. Denn mittlerweile sei der Standort weniger relevant wenn es darum geht, interessante neue Unternehmen zu finden und finanziell zu unterstützen.

Europas Hightech-Potenzial zu heben erfordert unterstützende Maßnahmen

„Um ihr volles Potenzial als Motor des Wirtschaftswachstums auszuschöpfen, braucht die europäische Technologie unterstützende Regulierungsmaßnahmen und Gesetze“, ist Wehmeier überzeugt. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie hätten die Regierungen rasch reagiert und Unternehmensgründungen unterstützt. Insgesamt seien in Europa Hilfsfonds in Höhe von 11 Mrd. US-$ bereitgestellt worden.

Darüber hinaus würden sich „positive politische Initiativen“ abzeichnen, etwa in Bezug auf Visa und Mitarbeiteraktienoptionen. Ein Beispiel ist der „EU Startup Nation Standard“ (EU SNS): Die im März 2020 mit der neuen Green-Deal-Strategie der Europäischen Union eingeführte politische Initiative zielt darauf ab, Europa zum attraktivsten Kontinent für Start-up- und Scale-up-Unternehmen zu machen.

Darüber hinaus seien jedoch noch mehr Aufklärung und Bewusstseinsbildung erforderlich: „Bislang sind nur 20% der Gründer und Investoren der Meinung, dass die Anliegen von Start-ups und Scale-ups von den europäischen Politikern gehört werden“, sagt Wehmeier.

Link zur Originalveröffentlichung des Atomico-Berichts.

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