Kolumne

Realitätsnähe statt Hellseherei – Gedanken zur agilen Projektarbeit

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Das Projektteam profitiert dadurch, dass diese Vorgehensweise den natürlichen Veranlagungen und Bedürfnissen der Menschen entgegen kommt:

  • Wir lernen am schnellsten, wenn der Zusammenhang von Ursache (Irrtum) und Wirkung (Fehlfunktion) unmittelbar erlebt wird.
  • Wir lernen am effektivsten, wenn wir Abläufe regelmäßig üben und dazu unmittelbare Rückmeldung erhalten. Die agile Methoden sorgen für regelmäßige Feedback-Zyklen.
  • Wir sind eher zu Offenheit und Konsens bereit, wenn die Opfer, die dabei gemacht werden, klein sind. Ein unbefriedigendes Release oder ein schief gelaufener Sprint schmerzt nun mal nicht so sehr wie ein gescheitertes Projekt.
  • Regelmäßige Kommunikation fördert das Vertrauen und vermindert das Risiko von Missverständnissen.
  • Der regelmäßige Blick auf Ergebnisse aus verschiedenen Perspektiven (Projektleitung, Teammitglieder, Kunde) wirkt Betriebsblindheit und Rosaroten-Brillen-Effekten entgegen.
  • Menschen lieben Erfolgserlebnisse und unmittelbare, konkrete Anerkennung ihres Einsatzes und ihrer Leistung.

Vertrauen schaffen, anstatt Versteck- und Muskelspiele

Einer der wichtigsten Vorteile ist die Reduzierung unnötiger Stressauslöser: Je stärker Unsicherheit erlebt wird, desto mehr treten typische Stressreaktionen auf. In Projekten äußert sich das im arroganten, autoritären oder sogar aggressiven Auftreten des Auftraggebers. Der Auftragnehmer kontert durch geschickte Ablenkungs- und Ausweichmanöver. Hier bieten sich gerade an den Schnittstellen zu anderen Lieferanten oder dem Kunden immer wieder Ansatzpunkte.

Wäre es nicht herrlich, wenn wir uns dieses Versteck- und Muskelspiel sparen können? Der Kunde muss nicht mehr so tun, als wüsste er genau, was er will. Das Projektteam muss nicht vorgeben, es könne verstehen, was der Kunde tatsächlich will. Das Projektteam wird vor dem meist illusorischen Ansinnen geschützt, am Ende des Projekts all das auszugleichen, was im Verlauf des Projekts versäumt wurde. Ist es nicht angenehmer, die Hosen ab und zu ein bisschen herunter zu lassen, anstatt am Ende mit hochrotem Kopf völlig nackt da zu stehen.

Und wenn das Vertrauen da ist, wird der Projektpartner nach diesem Akt der Selbst-offenbarung gerne ein Auge zudrücken. Schließlich haben alle etwas gelernt und können somit künftig erfolgreicher sein.

Der einzige Haken an der Agilität ist: Es erfordert, dass wir uns das Vertrauen verdienen. Zum einen geht es um das Vertrauen, dass Projekte so (besser) funktionieren, und zum anderen, um das Vertrauen in die beteiligten Menschen. Am besten sie wenden dabei die agile Vorgehensweise an: 1. handeln, 2. beobachten, 3. dazulernen, 4. nochmal ein Augen zudrücken, wenn es nicht gleich klappt, 5. weiter üben.

* Dipl. Ing. (Univ.) Peter Siwon, in seine Arbeit fließt die Erfahrung aus über 25 Jahren Berufspraxis in Forschung, Entwicklung, Vertrieb, Coaching und Geschäftsführung

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Dipl. Ing. Peter Siwon

Dipl. Ing. Peter Siwon

Trainer, Coach, Sprecher, Autor