Siemens kauft UGS PLM-Systeme sollen mittelstandstauglich werden

Autor / Redakteur: Dietmar Kuhn / Reinhard Kluger

UGS Corp. ist einer der führenden PLM- (Product Lifecycle Management) Anbieter weltweit. Jetzt hat die Siemens AG mit ihrem Unternehmensbereich A&D (Automation and Drives) die Hände

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„Mit dem Erwerb des amerikanischen Softwarehauses UGS können wir mehr Marktanteile generieren – in Europa, und besonders in den USA und Japan“, sagt Helmut Gierse, Vorsitzender des Siemens-Bereichsvorstandes Automation and Drives (A&D).
„Mit dem Erwerb des amerikanischen Softwarehauses UGS können wir mehr Marktanteile generieren – in Europa, und besonders in den USA und Japan“, sagt Helmut Gierse, Vorsitzender des Siemens-Bereichsvorstandes Automation and Drives (A&D).
( Foto: Kuhn )

UGS Corp. ist einer der führenden PLM- (Product Lifecycle Management) Anbieter weltweit. Jetzt hat die Siemens AG mit ihrem Unternehmensbereich A&D (Automation and Drives) die Hände nach dem amerikanischen Softwarehaus ausgestreckt und investiert 3,5 Mrd. US-Dollar in die Übernahme - vorausgesetzt, die Kartellbehörden stimmen dem Kauf zu. Helmut Gierse als Vorsitzender des Bereichsvorstandes der Siemens A&D hat einige Fragen beantwortet, was der Elektro-Riese mit diesem Erwerb im Schilde führt.

Was hat Siemens dazu bewogen den PLM-Anbieter UGS zu übernehmen?

Nun, wir sind bestrebt, nachhaltig Werte zu schaffen. Momentan haben wir in der Produktion noch eine Trennung zwischen dem mechanischen Design, dem elektrischen Design und der Automatisierung. Prinzipiell sind das bislang noch getrennte Prozesse. Noch bestehen unterschiedliche Schnittstellen - und Schnittstellen bedeuten immer Zeitverzug und Anfälligkeit für Fehler.

Duch die Akquisition von UGS und die Integration des PLM-Portfolios reduzieren wir die Schnittstellen - und die Produktivität steigt. Das hat uns fasziniert, das war unsere Überlegung und Motivation, UGS zu kaufen. Unser Ziel ist, über den gesamten Entwicklungs- und Produktionsprozess von neuen Produkten und das gesamte produzierende Gewerbe Lösungen anzubieten, die die Produktivität steigern.

Können Sie das Zusammenspiel der Schnittstellen näher erläutern?

Ja, vom Prozess her gibt es ein mechanisches Design, das heißt alles was mit CAx zusammenhängt, also CAE, CAD, CAM. Das macht im Prinzip der Hersteller eines Produktes. Dann gibt es das Thema Datenhaltung: PDM. Alle Daten die sie generieren, müssen weltweit verfügbar sein, da Hersteller normalerweise über weltweit verteilte Fertigungsstätten verfügen. Und das über den ganzen Lebenslauf eines Produktes. Zusätzlich stellt sich die Frage: Wie lege ich eine neue Fabrik aus? Der Trend geht dahin, vorher zu simulieren anstatt mit ‚trial and error’ Ressourcen zu verschwenden. Diese genannten Bereiche zusammengenommen bildet das PLM-Software-Sprektrum ab – also Produkt Lifecycle Management im wahrsten Sinne.

In weniger als zehn Jahren werden alle diese Entwicklungsschritte ineinandergreifen, dadurch entsteht ein integrierter Software-Markt. Wir werden dem Anwender eine integrierte Tool-Landschaft mit offenen Schnittstellen anbieten.

Dennoch stellt sich die Frage: Wie passt das UGS-Angebot in den Siemens A&D-Bereich?

Das passt sehr gut! Da ist zum einen ein technologischer Zugewinn – PLM ist ja für A&D ein neues Gebiet, mit dem wir unsere Aktivitäten erweitern. Auch von der regionalen Betrachtung passt es hervorragend, weil UGS etwa 40% seines Geschäftes auf dem amerikanischen Kontinent macht, 38% in Europa und auch in Asien stark ist. Wir stärken durch den Zukauf unsere Präsenz in USA und in Japan.

In Bezug auf die Abnehmerbranchen sehen wir Aerospace, Automobil und den allgemeinen Maschinenbau als unsere Fokus-Märkte. Sowohl UGS als auch A&D verfügen in diesen Branchen mit hohem Wettbewerbsdruck über immenses Know-how. Wir erwarten allerdings, dass PLM-Software mittelfristig auch für die Hybrid- und Prozessautomatisierung einen Produktivitätsschub leisten wird.

Wie lange reifte denn die Entscheidung für den Kauf von UGS?

Wir haben da immer einige Ideen auf Lager. Die Frage ist natürlich, wann man dann zu solch einer Entscheidung kommt. In diesem Falle war es ein relativ schneller Prozess, der im Bereich weniger Monate lag.

Warum haben Sie die Entscheidung nicht schon vor zwei Jahren getroffen?

Darüber, ob ich die Entscheidung nicht schon früher hätte treffen können, mache ich mir prinzipiell keine Gedanken. Entscheidungen fallen bei uns immer auf Basis der verfügbaren Fakten – und die sprechen heute für einen Kauf.

Wie weit wird UGS organisatorisch in den Siemens-Konzern eingegliedert?

UGS soll ein Geschäftsgebiet des Bereichs A&D werden. Es ist geplant, dass der Sitz dieses Geschäftsbereiches in den USA bleiben wird. An der Organisation wird sich also nicht viel ändern: Zum einen ist im Software-Geschäft Fertigung und Logistik kein relevanter Faktor, zum anderen ist UGS mit Vertrieb und Service ohnehin weltweit vertreten, in Deutschland zum Beispiel mit einer Zentrale in Köln sowie Niederlassungen in Berlin, Hamburg, Hannover, Langen, Stutgart und Ismanning bei München.

Wird das UGS-Portfolio weiter gepflegt?

UGS ist ein hervorragend geführtes Unternehmen. Wir haben so gut wie keine Überlappungen in unseren Produktbereichen und deshalb passt das UGS auch absolut sauber zu uns. Natürlich planen wir, die Nahtstellen schlanker machen und was für mich ganz wichtig ist: Wir werden die Dinge offen gestalten. Das heißt, wir beabsichtigen, wie in der Vergangenheit, offene Schnittstellen, auch für andere Systeme, beizubehalten. Das bedeutet, dass beispielsweise das UGS-Portfolio auch mit anderen PLC-Systemen funktioniert als nur mit der Simatic und umgekehrt. Simatic soll auch weiterhin mit einem anderen PLM-System funktionieren als denjenigen von UGS. Der Grund liegt auf der Hand: Offene Schnittstellen bieten mehr Markt und wir sind zuversichtlich, unsere Anteile auszubauen.

Mit welchen Erfolgschancen kalkulieren Sie – ist noch genügend Marktpotenzial für Neukunden vorhanden?

Wenn sie heute durchgängige CAD-Systeme, PDM-Systeme suchen, finden sie diese eigentlich nur in sehr ausgereiften Fertigungsindustrien, beispielsweise der Automobilindustrie. Wir wollen aber damit künftig auch dem Mittelstand, beispielsweise im Maschinenbau, ein Angebot machen. Natürlich nicht mit der großen Mächtigkeit eines heutigen Systems, es müssen vielmehr angepasste Systeme sein, deren Preis in einer gesunden Relation zum Kundennutzen steht. Wir setzen da in Zukunft auf skalierbare Systeme ähnlich wie wir das heute schon bei einer Simatic oder einer Sinumerik haben – denn nicht jedes Unternehmen braucht alles.

3,5 Mrd. US-Dollar sind ein stolzer Preis – wodurch ist dieser gerechtfertigt?

Durch die Vorteile, die wir unseren Kunden – und damit auch uns selbst – in der Zukunft verschaffen können. Wenn wir den Preis nicht als gerechtfertigt ansähen, hätten wir ihn nicht bezahlt. Angesichts der neuen Dimension des digitalen Engineering, die wir unseren Kunden eröffnen können, bin ich überzeugt, dass es ein sehr fairer Preis ist.

Zur Person

Helmut Gierse, Jg. 1950, ist seit 1. Oktober 2000 Vorstandsvorsitzender des Siemens-Bereichs Automation and Drives (A&D) und zuständig für Personal, Vertrieb und Dienstleistung sowie das Geschäft in Europa, der Nafta-Region und Lateinamerika. Nach seinem Studium der Elektrotechnik mit Schwerpunkt Regelungs- und Antriebstechnik begann Helmut Gierse sein Berufsleben 1976 bei Siemens in Erlangen. Von 1994 bis zu seinem Wechsel zu A&D war Helmut Gierse im Bereich Power Generation tätig, zuletzt verantwortlich für das Geschäftsgebiet Industrieturbinen und Industriekraftwerke.

Über Siemens A&D

Der Siemens-Bereich Automation and Drives (A&D), Nürnberg, ist weltweit auf dem Gebiet der Automatisierungs- und Antriebstechnik tätig. Das Angebot reicht von Standardprodukten für die Fertigungs- und Prozessindustrie sowie die elektrische Installationstechnik über Systemlösungen zum Beispiel für Werkzeugmaschinen bis hin zu Branchenlösungen mit der Automatisierung ganzer Automobilproduktionen oder Chemieanlagen. Ergänzend dazu bietet A&D Software für die Verbindung von Produktion und Betriebswirtschaft (horizontale und vertikale IT-Integration) sowie zur Optimierung von Produktionsprozessen. A&D erzielte im Geschäftsjahr 2006 (30. September) mit weltweit rund 70.600 Mitarbeitern ein Bereichsergebnis von 1,572 Mrd. Euro bei einem Umsatz von 12,848 Mrd. Euro und einem Auftragseingang von 14,108 Mrd. Euro.

Über UGS

UGS ist ein weltweit agierender Anbieter von Software und Services für die Optimierung der Geschäftsprozesse in der Fertigungsindustrie mit 4,4 Mio. verkauften Lizenzen und rund 46.000 Kunden weltweit. Stammsitz ist Plano, Texas. UGS hat Kunden in 62 Ländern und beschäftigt weltweit 6800 Mitarbeiter. Mit den Lösungen von UGS werden über 40% der weltweiten 3D-Produktdaten erzeugt oder verwaltet. 27 der 30 größten Automobilhersteller haben jeweils mehr als 100 Arbeitsplätze mit Software von UGS im Einsatz.

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