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PC-Messkarten: Vom CERN bis zur extremen Kälte der Antarktis

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Spectrum Instrumentation feiert seinen 30. Geburtstag. Zu Beginn kämpften die Gründer mit vielen Problemen. Heute sind die AWG- und Digitizer-Karten weltweit gefragt.

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140 Spectrum Digitizerkarten kontrollieren die Shutdown-Sequenz des Large Hadron Collider am CERN.
140 Spectrum Digitizerkarten kontrollieren die Shutdown-Sequenz des Large Hadron Collider am CERN.
(Bild: Spectrum Instrumentation )

Anbieter von Messtechnik gibt es in unterschiedlichen Größen: vom multinationalen Anbieter, der von HF-Messtechnik über Oszilloskope und Messkarten alles im Portfolio hat, bis zum kleinen Spezialisten, der seine Kunden bestens kennt und gemeinsam mit ihnen die Projekte entwickelt.

So ein Spezialist ist Spectrum Instrumentation aus Grosshansdorf bei Hamburg. Am 6. Dezember feierte das Unternehmen seinen 30. Geburtstag. Ein Anlass, mit Geschäftsführerin Gisela Hassler einen Blick zurückzuwerfen, aber auch zu hören, was ein mittelständisches Messtechnik-Unternehmen erfolgreich macht.

Frau Hassler, wie fing vor 30 Jahren bei Spectrum Instrumentation alles an?

Nicht in der Garage jedenfalls! Im Zeitalter vor dem World Wide Web ist eine Gründungsvorbereitung natürlich mühsamer, und das in jeder Hinsicht. Damals hat man noch in der Zeitung geblättert und Makler kontaktiert, um passende Räumlichkeiten zu finden. Zu der Zeit hatte ein Branchentelefonbuch noch eine ganz andere Bedeutung.

Wir waren anfangs rein auf Kundenentwicklung spezialisiert: So waren die ersten Produkte auf VME-Bus-Basis für Akustikanwendung oder Druckersteuerungen. Die Startbedingungen waren an sich ziemlich gut, wir bekamen, neben kleineren Aufträgen, relativ schnell nach Gründung einen großen Entwicklungsauftrag. Leider endeten wir vor Gericht, weil der Kunde nicht zahlte.

Dann folgten ziemlich schwierige Jahre bis wir 1994 Venture-Capital bekamen, das wir innerhalb der darauffolgenden sechs Jahre vollständig zurückzahlten. In und durch diese Krise haben wir natürlich viel gelernt, nicht nur in Bezug auf Vertragsrecht. Die Kundenentwicklung ist für einen kleinen Betrieb eine besondere Herausforderung, weil meist keine gleichbleibende Auslastung besteht. Außerdem bereitet eine Abhängigkeit von wenigen Kunden doch ziemlich Unbehagen und somit gab es diverse Gründe, zügig eigene Produkte zu entwickeln.

140 Digitizer-Karten am CERN

Was waren Ihre ersten eigenen Produkte und für welchen Markt haben Sie diese entwickelt?

140 Spectrum Digitizerkarten kontrollieren die Shutdown-Sequenz des Large Hadron Collider am CERN.
140 Spectrum Digitizerkarten kontrollieren die Shutdown-Sequenz des Large Hadron Collider am CERN.
(Bild: Spectrum Instrumentation )

Beim größten Teilchenbeschleuniger der Welt, am CERN nahe Genf in der Schweiz, sind 140 Spectrum-Digitizerkarten im Einsatz, um die komplizierte Shut-Down-Sequenz des fast auf Lichtgeschwindigkeit umlaufenden Teilchenstrahls zu steuern. An der Universität Tokio ist eine digitizerNETBOX mit zwölf Kanälen beteiligt, um das stärkste Indoor-Magnetfeld der Welt zu erzeugen. In der Luftfahrtindustrie werden unsere Messkarten benutzt, um die riesigen Schaufeln von Düsentriebwerken zu vermessen und auf winzige Verformungen zu untersuchen.

Unsere Produkte sind in Japan auch Teil des derzeit schnellsten Zellsortierers, der 100 Zellen pro Sekunde auf Abweichungen analysieren kann und deswegen große Fortschritte in der Krebsforschung verspricht.

Die Firma Neoscan Solutions entwickelt einen kompakten MR-Tomographen für Kleinkinder, der leichter auf einer Pädiatrie-Station installierbar ist, um die Transportwege für die schwerkranken Kinder zu verkürzen und Untersuchungen in die Schlafphasen legen zu können.

Auch in der extremen Kälte der Antarktis kommen unsere AWGs und Digitizer zum Einsatz, wo sie als Herzstück eines mobilen Atmosphären-Lidar-Systems die Reflexionen eines Laserstrahls an einzelnen Atomen in einer Höhe von 100 Kilometer messen können. In Großbritannien wird mit einem neuen Konzept versucht, in nur vier Jahren einen Fusionsreaktor zu realisieren. Um den Fusionsprozess zu starten, wird ein Projektil mit höchster Energie und Präzision in einem Vakuum abgefeuert, überwacht von einem unserer 256-Kanal-Digitizersysteme.

Sie sehen, die Anwendungen sind sehr unterschiedlich, weswegen die Frage nach „welchem Markt“ schon von jeher schwer zu beantworten ist. Die ersten eigenen Produkte waren ISA-Karten, wie die PAD82, mit 100 MS/s und 8 Bit oder die PAD52, ein 50-MS/s-8-Bit-A/D-Wandler, die 1991 entwickelt und die bis 2007 verkauft wurde, ganze 17 Jahre lang!

Modulares Design der PC-Karten

War jemals geplant, das Angebot neben PC-Instrumenten und Boards zu erweitern?

Nein, war und ist es nicht. Wir bleiben bei unserem Kerngeschäft. Der Erfolg gibt uns Recht. Wir haben seit sieben Jahren Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich. Produktseitig haben wir das dem modularen Design der Digitizer- und AWG-Karten zu verdanken. Als Oliver Rovini, bis dahin Software-Entwickler bei uns, im August 2000 die technische Leitung übernahm, setzten er und sein Team direkt diese Idee um und entwickeln es seitdem kontinuierlich weiter. Das Ergebnis ist eine große Produktvielfalt und die damit für die Kunden einhergehende Möglichkeit, ein wirklich zu ihren Anwendungen passendes Produkt zu bekommen.

Was zeichnet Spectrum Instrumentation heute aus?

Spectrum Instrumentation nutzt ein cleveres modulares Konzept, um eine große Anzahl an Digitizern und Arbiträrgeneratoren anzubieten, erhältlich als PC-Karten (PCIe und PXIe) und Standalone-Geräte (Ethernet/LXI).
Spectrum Instrumentation nutzt ein cleveres modulares Konzept, um eine große Anzahl an Digitizern und Arbiträrgeneratoren anzubieten, erhältlich als PC-Karten (PCIe und PXIe) und Standalone-Geräte (Ethernet/LXI).
(Bild: Spectrum Instrumentation )

Es sind natürlich viele Faktoren, die zum Geschäftserfolg beitragen. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist Kontinuität gepaart mit hoher Kundenorientierung. Nicht nur OEM-Kunden schätzen unsere lange Produktverfügbarkeit sehr. Wir haben heute noch Kunden für Karten der Mi-Serie, die im Jahre 2000 entwickelt und 2005 durch die M2i-Serie abgelöst wurden. Wir ersparen unseren Kunden plötzliche Abkündigungen von Produkten.

Ein weiteres Beispiel für unsere Servicementalität ist, dass Support direkt von den Entwicklungsingenieuren geleistet wird. Im Grunde ist es einfach, man muss sich doch nur selbst fragen, in welchen Genuss man als Kunde gerne kommen möchte. Oder würden Sie ein Voice-Entrance dem persönlichen Kontakt vorziehen? Direkt mit dem zu sprechen, der tiefe Technikkenntnisse hat, ist nicht nur der effizienteste Weg für den Kunden, sondern wir haben damit automatisch „das Ohr am Kunden“.

Die Wünsche und Anforderungen des Kunden sind also direkt da, wo sie hingehören, in der Entwicklungsabteilung, und beeinflussen neue Entwicklungen ganz wesentlich.

Niederlassungen in Asien und den USA

Welche Vor- bzw. Nachteile hat man als KMU gegenüber großen Messtechnik-Firmen?

Ein KMU kann meist, aufgrund flacherer Hierarchien, schneller Kundenwünsche erfüllen oder Anpassung an veränderte Marktbedingungen vornehmen. Spezielle technische Anforderungen der Kunden erfordern gelegentlich eine Hardware- oder Softwareanpassung. Je nach Vereinbarung bleibt sie diesem Kunden vorbehalten und kann von niemand sonst bestellt werden. Wir können rasch Optionen realisieren, über die manch große Firmen noch nicht mal zu diskutieren beginnen.

Andererseits ist es für eine große Firma aufgrund des höheren Bekanntheitsgrades einfacher, ein Vertriebsnetz aufzubauen. Das war für uns sicher mühsamer. Nachdem sich seit vielen Jahren unser Business Manager Greg Tate um den Vertrieb in Asien kümmert, haben wir 2015 Spectrum Instrumentation Corp. in USA gegründet. Ziel war es, unsere US-Kunden besser bedienen zu können, denn von Deutschland aus geht aufgrund der Zeitverschiebung wertvolle Zeit verloren.

Außerdem wollten wir diesen wichtigen Markt in unserem eigenen Einflussbereich haben. Inzwischen sind wir in 39 Ländern vertreten. Mit dem „ältesten“ Distributor besteht die Zusammenarbeit seit 1991.

Wie sehen Sie den Markt der PC-Messtechnik in den nächsten Jahren?

Die modernisierten Produktionsräume bei Spectrum in Großhansdorf nahe Hamburg.
Die modernisierten Produktionsräume bei Spectrum in Großhansdorf nahe Hamburg.
(Bild: Spectrum Instrumentation )

Ich mag keine Marktprognosen abgeben und ich möchte nicht später Prognose mit Realität abgleichen, sondern auf das schnell reagieren, was kommt. Sicher ist, dass wir weiterhin mit dem Team, das dem Wort kollegial im allerbesten Sinne gerecht wird, in der bewährten Qualität für unsere Partner da sein werden. Gerade in den letzten Wochen haben wir unsere Produktion modernisiert mit dem Augenmerk auf Ergonomie, Effizienz und der Schaffung weiterer Arbeitsplätze für neue Mitarbeiter. Always be prepared!

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