Passive Bauelemente – Schlüsselkomponenten im Schatten

| Autor: Thomas Kuther

Bauelementewissen geht zunehmend verloren

Aber es gibt noch andere Probleme, mit denen sich Hersteller und Distributoren von passiven Bauelementen herumschlagen müssen, wie Sperlich verdeutlicht: „Betrachten wir nochmal den Keramikkondensator. Bei ihm handelt es sich um ein Gleichspannungs-Bauelement, das jedoch auch oft an Wechselspannung betrieben wird. Ein Pro­blem ist auch die oft falsche Behandlung in der Fertigung. Wenn Keramik-Vielschichtkondensatoren zum Beispiel in der Fertigung gebogen werden, kann es sein, dass sie nach sechs Wochen beim Kunden ausfallen, weil der Kondensator schon bei der Auslieferung einen Riss hatte, was aber niemand festgestellt hat. Und dann gibt er später im täglichen Betrieb eben seinen Geist auf.“

„Die gleiche Problematik sehe ich auch bei Aluminium-Elektrolytkondendsatoren“, ergänzt Olaf Lüthje. „Da gibt es ebenfalls häufig Ausfälle beim Kunden, da die Kondensatoren oft bei falschen Temperaturen betrieben werden. Da wurde einfach falsch eingeschätzt, welche Temperaturen im Betrieb auftreten. Damit altern die Kondensatoren schneller und fallen auch schneller aus.“

Das gilt für andere Komponenten wie Widerstände ebenso, darin ist sich die Runde einig. So wird beim Einsatz eines Widerstands nicht beachtet, unter welchen Bedingungen er betrieben wird, welche Signale darüber laufen, wie hoch die Impulsbelastung ist, etc. „Der Widerstand wird einfach gekauft und eingebaut – und damit ist alles gut – bis er ausfällt“, verdeutlicht Olaf Lüthje. „Viele Entwickler schauen beim Eindesignen nur auf die Nennbelastbarkeit, aber nicht auf die Impulsbelastbarkeit oder darauf, welche Frequenzen er aushalten muss. Da fehlt es einfach am Knowhow! Dabei ist das Basiswissen aus dem Elektrotechnik-Grundstudium.“

Auch darin, dass dieses Wissen heute mehr und mehr verloren geht stimmen die Teilnehmer überein. Der Grund: Viele Entwickler haben heute einfach keine Lust mehr, sich mit so einem billigen Null-Acht-Fünfzehn-Bauelement wie einem Widerstand oder Keramikkondensator näher zu beschäftigen. Bei der Auswahl von Mikrocontrollern und anderen Halbleiterbauelementen in der Schaltung gehen viele Entwickler zwar sehr sorgsam vor, aber die passiven Bauelemente, die eben nur einen Bruchteil davon kosten, werden einfach eingebaut, ohne darüber nachzudenken, ob sie auch passen. „Hauptsache, die Eckdaten stimmen“, so Lüthje weiter. „Dabei kommt es auf viel mehr Eigenschaften an. Je billiger ein Bauteil ist, umso weniger wird leider darüber nachgedacht, ob es das richtige ist.“

„Kunden nennen uns immer wieder Anforderungen, aber wenn wir nachfragen, wofür sie das Bauelement einsetzen wollen, kommt oft keine Antwort“, berichtet Wilhelm Hasenpflug. „Daran sehen wir, dass der Kunde oft nicht weiß, was er eigentlich braucht. Und bei jungen Mitarbeitern ist das meist stärker ausgeprägt als bei älteren.“ „Passive Bauelemente werden allerdings meist nach dem Preis ausgesucht, das billigste muss reichen“, ergänzt Olaf Lüthje. „Dabei wäre oft ein besseres nötig, das allerdings eben auch mehr kostet.“

Training und Schulungen wären nötig

Dass sich der Kunde nicht mehr intensiv mit den Eigenschaften von Billigbauelementen beschäftigen will, führt Sperlich auch auf den enormen Zeitdruck zurück. Und dazu kommt noch, dass sich auch keiner mehr mit diesen langweiligen Bauelementen auseinandersetzen möchte. Halbleiter sind eben wesentlich spannender. „Passive Bauelemente sind einfach nicht sexy,“ bringt es Sperlich auf den Punkt.

Hintergrund ist nach Meinung der Runde auch die zunehmende Digitalisierung. „Alles wird digital, digital ist interessant und spannend, während vielen Entwicklern heute Analog-Knowhow fehlt. Früher war alles analog, aber heute ist sogar das Denken digital,“ so Lüthje.

Die Frage von Thomas Kuther, was man denn gegen diesen Rückgang analogen Wissens unternehmen könnte, beantwortet Olaf Lüthje: „Training und Schulungen wären wichtig. Und sie werden ja auch angeboten, aber leider nur selten genutzt.“ Auch in diesem Fall ist laut Wilhelm Hasenpflug Zeitdruck die Ursache: „Das Problem ist doch, dass unsere Kunden fast keine Zeit mehr für Schulungen haben. Und Schulungen zu passiven Bauelementen fallen als erstes raus!“ „Schulungen sind nun einmal teuer und zeitaufwendig, Beratung wird dagegen sehr gerne angenommen“, meint Reinhard Sperlich.

Aber viele Kunden nehmen auch keine Beratung an, wie Thorsten Broda weiß: „Der Entwickler schaut bei den Katalog-Distributoren nach und wählt dort einfach eine veraltete Technologie. Das ist eben die Gefahr, wenn er beim Katalog-Distributor kauft und sich nicht beraten lässt. Der Hersteller würde von einer solchen Wahl abraten.Deshalb weisen viele Hersteller schon darauf hin, wenn ein Typ nicht für neue Designs vorgesehen ist.“

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