Von Shanghai nach Bad Kreuznach Optische Systeme sind ihre Welt – Lingli Wang will die Beste sein

Redakteur: David Franz

Von der Technischen Universität in Zhengzhou zur Entwicklungschefin eines mittelständischen Unternehmens in Rheinland-Pfalz: Diese Reportage beschreibt den ungewöhnlichen Weg einer ungewöhnlichen Frau.

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Seit Mitte 2007 ist Lingli Wang Entwicklungschefin beim Optikspezialisten Schneider Kreuznach
Seit Mitte 2007 ist Lingli Wang Entwicklungschefin beim Optikspezialisten Schneider Kreuznach
(Bild: Gesamtmetall/Pit Junker)

Bei der ersten Begegnung mit der zierlichen Frau, die mit ruhiger Stimme spricht, zwischendurch immer wieder mal sympathisch lacht und geduldig auf Fragen antwortet, ahnt man kaum etwas von der Kraft und Energie, die in der gebürtigen Chinesin aus der Gegend von Shanghai stecken. Und doch ist ihr Wille spürbar, immer wieder Neues zu entwickeln, Dinge anzupacken, voranzutreiben und sich ja nicht auf Erfolgen auszuruhen.

Mit ihren 50 Lebensjahren hat sie fast noch die Ausstrahlung eines Teenagers. Dabei ist sie jedoch mit einem Selbstbewusstsein ausgerüstet, das von über viele Jahre gesammelten Erfahrungen zeugt. „Neue Aufgaben“, sagt Wang, „machen mir keine Probleme, die schaffe ich immer, und ich will immer die Beste sein.“ Schließlich, so betont sie, „bin ich eine Karrierefrau und ich will Karriere machen“. Und die hat sie längst gemacht. Seit Mitte 2007 ist Lingli Wang Entwicklungschefin beim Optikspezialisten Schneider Kreuznach. Eine Verbindung, von der beide Seiten sagen, dass es nicht besser hätte laufen können.

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Die Führungsaufgabe hat ihr Leben verändert

Als Wang ihre neue Führungsaufgabe übernahm, wusste sie gleich, dass sich ihr Leben verändern würde. „Das Spektrum ist hier so breit, das ich immer wieder etwas Neues machen kann und sich mir immer wieder neue Herausforderungen stellen werden – das liebe ich.“ Die Schneider-Gruppe ist spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion von fotografischen Hochleistungsobjektiven, Kino-Projektionsobjektiven sowie Industrieoptiken und Feinmechanik. Stamm-Unternehmen ist die 1913 im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach gegründete Jos. Schneider Optische Werke GmbH. Weltweit sind heute etwa 640 Mitarbeiter beschäftigt, davon 370 am deutschen Stammsitz. Seit Jahren zählt die Unternehmensgruppe zu den Weltmarktführern im Bereich der Hochleistungsobjektive. Was konnte da noch besser gemacht werden?

Eine ganze Menge, wie Wang den Verantwortlichen bei Schneider Kreuznach schnell klar machte. Sie habe von Anfang Strukturen verändert und gestrafft, neue Produktfelder erschlossen und Umbrüche eingeleitet, ist von anderer Stelle im Unternehmen mit Hochachtung zu vernehmen. Zusammen mit ihrem Team hat die Entwicklungschefin den Umbruch hin zur Digitalisierung vorangetrieben. Das Unternehmen hat sich aus dem nicht mehr profitablen und stark rückläufigen Geschäft mit einfacheren Kompaktkameras zurückgezogen und stattdessen verstärkt neue Optiken für digitale Spiegelreflexkameras und Mittelformatkameras entwickelt. Die werden in Deutschland entworfen und auch gebaut. Beteiligt war Lingli Wang auch an der Entwicklung neuer Video-Vollformatobjektive für digitale Spiegelreflexkameras. Die hochauflösenden Vollformatobjektive wurden speziell für den Einsatz in der Produktion von Filmen entwickelt und „sind mit ihren Eigenschaften derzeit einzigartig und wurden bei ihrer Vorstellung von der Fachwelt sehr positiv aufgenommen“, freut sich Wang.

Zahlreiche Patente gehen auf ihre Arbeit zurück

Ihrem selbstgesteckten Ziel, „Kunden neue und innovative optische Systeme mit ausgezeichneter Qualität zur Verfügung zu stellen“, ist die Optik-Spezialistin bisher stets gerecht geworden. Aus der Arbeit der Entwicklungsabteilung haben sich in den letzten Jahren zahlreiche neue Patente und Auszeichnungen für bestimmte Produkte ergeben. Völlig neue Wege geht Schneider Kreuznach unter der Entwicklungsregie von Lingli Wang im Industriebereich. Es sind jetzt nicht mehr nur Spezialobjektive, die das Unternehmen hier anbietet. Vielmehr werden mittlerweile ganze Systeme, inklusive spezieller LED-Beleuchtung verkauft. Für besondere LED-Beleuchtungen, die als Lichtquellen für industrielle Bilderkennungssysteme dienen, wurde das Unternehmen auch mit einem Innovationspreis Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. „Darauf bin ich sehr stolz!“

Erfahrungen im Beleuchtungsbereich hatte sie zuvor bei Philips in den Niederlanden sammeln können, wo sie von 1997 an beschäftigt war und sich unter anderem mit der Suche nach neuen Lösungen und Anwendungen für LEDs und OLEDs, Mikrooptik, optische Speicherung und Halbleitertechnologie befasste. Aus dieser Arbeit resultieren über 30 Patente.

Sie wollte schon immer die Beste sein

„Optische Systeme“, sagt Wang mit tiefster Überzeugung, „sind meine Welt.“ Dabei lag ihr ursprünglicher Berufswunsch auf einem ganz anderen Gebiet. Sie wollte Medizinerin werden, wie ihre Mutter. Dank ihrer schulischen Leistungen standen ihr praktisch alle Wege offen. Die Familie hatte ihr aber vom Medizinstudium abgeraten, und im damaligen China musste ein solcher „Rat“ befolgt werden. So wählte sie ein mathematisch-naturwissenschaftliches Fach. Aber auch dieser Herausforderung stellte sie sich mit ganzer Kraft. „Ich wollte schon immer die Beste sein“, sagt sie, „das liegt in unserer Familie.“

Von 1979 bis 1986 studierte sie dann Maschinenbau an den Technischen Universitäten in Zhengzhou und Dalian. Ab 1986 forschte sie in den Arbeitsgebieten holographische Interferometrie, Moiré- sowie Specklemesstechnik und schloss mit einer Promotion ab. Zum damaligen Zeitpunkt wollte Wang unbedingt eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen und Professorin werden. Das galt auch noch 1991, als sie mit einem Forschungsstipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an das Institut für Angewandte Physik der Technischen Universität Darmstadt kam. Dort leitete sie fünf Jahre lang die Forschungsgruppe „Micro-Optische Systeme“, bevor sie zu Philips wechselte und ihre wissenschaftliche Karriere nach und nach aufgab.

Sie fühle sich sehr wohl hier in Europa, sagt die Mutter einer 13-jährigen Tochter. Zurück nach China – das sei für sie aktuell kein Thema, auch wenn sich dort die beruflichen Möglichkeiten in den letzten Jahren enorm verbessert hätten. Deutschland sei jetzt das Land, in dem sie leben wolle. Sie habe jedoch eine Schwäche, an der sie noch arbeiten müsse, dass sei ihr Perfektionismus. „Ich bin nie fertig und muss einfach mal lernen zufrieden zu sein“, so Wang.

Diesen Lernprozess wird sie allerdings erst einmal zurückstellen müssen. Vor einem halben Jahr hat sie nämlich ein Executive-MBA-Studium im belgischen Leuven begonnen, „damit ich auch die wirtschaftlichen und Managementzusammenhänge in einem Unternehmen besser verstehe“. Ihrem Mann musste sie versprechen, nicht unbedingt Jahrgangsbeste werden zu wollen. „Daran habe ich mich gehalten“, sagt sie lachend, „ich möchte diesmal nur Zweitbeste sein.“

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