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Ohne Open Source würde die moderne Welt nicht existieren

| Autor / Redakteur: Helmut Martin-Jung* / Martina Hafner

Open-Source-Software ist zur Grundlage der modernen Welt geworden. Ohne sie würden viele Unternehmen gar nicht funktionieren, findet Mike Milinkovich, Geschäftsführer der Eclipse-Stiftung.

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In der Welt der IT hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Die Unternehmen erkannten, dass Open-Source-Software die Möglichkeit bietet, eine Art Grundversorgung aufzubauen, auf der die eigenen Produkte aufsetzen.
In der Welt der IT hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Die Unternehmen erkannten, dass Open-Source-Software die Möglichkeit bietet, eine Art Grundversorgung aufzubauen, auf der die eigenen Produkte aufsetzen.
(Bild: Open Source / Nick Youngson / CC BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0)

Es waren einmal: Konzerne, die um ihr Geschäft fürchteten, die sich bedroht sahen von Produkten, die jeder kostenlos bekommen kann. Die jeder sogar verändern kann, gerade so wie es für den jeweiligen Zweck am besten ist. Was ihnen derart Angst machte: Open Source Software. Und so wehrten sie sich dagegen. Doch - auch wenn das in der breiten Öffentlichkeit noch immer nicht sehr bekannt ist - sie haben diesen Kampf verloren.

„Ohne Open Source würde die moderne Welt nicht existieren“, sagt Mike Milinkovich. Der Kanadier ist Geschäftsführer der Eclipse-Stiftung, einer der wichtigsten Plattformen zur Entwicklung von Open-Source-Software. Was er damit zum Beispiel meint: „Die Geschäftsmodelle großer Cloud-Anbieter wie Amazon, oder auch die von Facebook, Google und Twitter würden ohne Open-Source-Software nicht funktionieren. Spätestens seit 2009 sei Open-Source-Software von strategischer Bedeutung für die gesamte Branche“, so Milinkovich.

Die Konzerne hatten nicht etwa Gewissensbisse, sie folgten einer schlichten Notwendigkeit

Der IBM-Konzern hatte das schon länger eingesehen, hat vor kurzem sogar die größte Open-Source-Firma der Welt gekauft, Red Hat. Microsoft, der immer noch größte Software-Konzern der Welt, brauchte zwar etwas länger, aber spätestens seit Satya Nadella dort Chef ist, gab es einen radikalen Schwenk. Microsoft arbeitet inzwischen kräftig mit an Open-Source-Projekten, öffnet seine eigenen Produkte für Zusammenarbeit mit ihnen.

Microsoft, dessen Mitgründer Bill Gates das Lizenzmodell für Software mit durchsetzte, dessen langjähriger Chef Steve Ballmer Linux gar als „Krebs“ bezeichnete, dieses Microsoft hat vor kurzem sogar die Open-Source-Plattform Github gekauft, wo Entwickler ihre Software-Projekte hinterlegen und der weltweiten Community zur Verfügung stellen können.

Die Konzerne hatten aber nicht etwa plötzlich Gewissensbisse bekommen, sie folgten vielmehr einer schlichten Notwendigkeit. Denn in der Welt der IT hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Die Unternehmen erkannten mehr und mehr, dass Open-Source-Software die Möglichkeit bietet, eine Art Grundversorgung, eine gemeinschaftliche Basis aufzubauen, auf der die eigenen Produkte aufsetzen. Bei Open Source geht es also schon lange nicht mehr darum, Software, die etwas Ähnliches kann wie kommerzielle, kostenlos zu bekommen.

Die Logik dahinter ist eigentlich ganz einfach. Es wäre viel zu teuer, müsste jede Firma diese Basis für sich neu erfinden oder mieten. "Das Geschäftsmodell hat sich dramatisch geändert", sagt Thomas Dohmke, der bei Github für Spezialprojekte zuständig ist, von der sogenannten Wintel-Allianz aus Microsofts Windows und den Prozessoren von Intel hin zu einer serviceorientierten Firma. Eigentümer Microsoft sehe Github als Zentrum des Lebenszyklus' von Software. Jede Änderung am Quellcode einer Software werde dokumentiert, es gibt Hilfen zur Fehlersuche, ein Wiki und viele andere Werkzeuge, die Entwickler bei der Zusammenarbeit mit ihren Kollegen auf der ganzen Welt unterstützen. Die Grundlage für Github, die Versionsverwaltung Git, wurde übrigens von Linus Torvalds erfunden, dem die Welt auch das Linux-Betriebssystem verdankt.

Manche Konzerne neigen aber noch immer dazu, Rundum-sorglos-Pakete anzubieten, versuchen also, die Kunden an ihr eigenes Universum zu binden. In der Unabhängigkeit von Herstellern kommerzieller Software sieht denn auch das größte unabhängige Open-Source-Unternehmen der Welt, Suse mit Hauptsitz in Nürnberg, die Chance, einen Teil vom Kuchen abzubekommen: „Wir sind unabhängig von einer bestimmten Agenda“, sagt Marketing-Chef Ivo Totev, „wir müssen nichts pushen.“ Die früher oft spürbaren Ressentiments gegenüber Open-Source-Software nimmt Totev nicht mehr wahr. „Die Kunden gehen da gar nicht mehr drauf ein“, sagt er, „die sehen es eher positiv, zum Beispiel die erhöhte Transparenz.“ Open Source sei inzwischen auch Teil des Systems, so etwa bei künstlicher Intelligenz.

Andreas Engel, der das Suse-Geschäft in Zentraleuropa, Nahost und Afrika leitet, kennt noch die Zeiten, als viele dachten, Open Source, da könne ja jeder mitmachen, jeder kann es einfach runterladen. „Jetzt wird erkannt: Open-Source-Unternehmen treiben die Innovation voran.“ Das betrifft beispielsweise das Arbeiten mit sogenannten Containern. Das sind in sich geschlossene Arbeitsumgebungen, quasi ein Computer im Computer. Nur dass die Container auf ein gemeinsames Betriebssystem zugreifen. Diese Technologie ist seit einigen Jahren stark im Kommen.

Es geht aber auch um das Linux-Betriebssystem, das sich als embedded Linux aufgrund seiner Flexibilität hervorragend dafür eignet, als System für Maschinen zu dienen. Googles Mobilbetriebssystem Android basiert ebenfalls auf Linux. Auch wenn es darum geht, die Daten etwa von Produktionsanlagen nahe an den Maschinen einzusammeln und aufzubereiten - der Fachbegriff hier lautet Edge Computing - ist das Open-Source-System Linux gut geeignet. Diese Bereiche sind die wichtigsten für Suse, das bereits seit 28 Jahren existiert.

Bei 90 Prozent aller heutigen Software-Projekte ist Open Source beteiligt

Bei Suse sieht man die eigene Unabhängigkeit als großen Vorteil, denn die IT-Welt ist sehr vielfältig, und viele Kunden wollten diese Vielfalt auch für sich nutzen und sich nicht an einen oder nur wenige Anbieter binden. „Die Kunden wollen die workloads hin- und herschieben“, sagt Ivo Totev von Suse, „aber es soll sich immer gleich anfühlen.“ Weniger IT-technisch ausgedrückt: Die Unternehmen wollen Aufgaben in der Cloud speichern oder verarbeiten, die für den jeweiligen Zweck am besten geeignet ist. Doch das ist oft schwierig, weil die jeweiligen Anbieter es ihren Kunden nicht immer leicht machen, mal eben schnell zu einem Konkurrenten zu wechseln. Suse bietet dafür eine Art Vermittlungsplattform an. Für den Kunden spielt es dann keine Rolle mehr, welcher Anbieter am anderen Ende hängt.

Die Parteien im Münchner Stadtrat haben es sich sogar in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, Open Source den Vorzug vor Produkten zu geben, deren Quellcode nur der Hersteller kennt. Auch bei der Digitalisierung des Bildungssektors wird immer wieder die Forderung laut, das Feld nicht den großen Digitalkonzernen zu überlassen, sondern auf Open Source zu setzen.

Manche Unternehmen haben das Potenzial von Open Source früh erkannt und sind wichtige Player in der Open-Source-Gemeinde. SAP etwa ist Partner der Eclipse-Stiftung, von Anfang an. Bosch dagegen war vor eineinhalb Jahrzehnten noch überhaupt nicht begeistert von der Idee, eigene Entwicklungen anderen zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile gehört der Konzern zu den bedeutendsten Code-Lieferanten auf der Eclipse-Plattform.

Doch bei vielen anderen Unternehmen müssen zum Beispiel Mike Milinkovich von der Eclipse-Stiftung und andere noch immer viel Überzeugungsarbeit leisten. Milinkovichs Hauptargumente: Open Source ist sicher, weil viele Augen über den Quellcode schauen können, sie ermöglicht Kooperation, spart Geld und ermöglicht es Produkte schneller auf den Markt zu bringen.

Bei den meisten heutigen Software-Projekten ist Open-Source-Software zumindest beteiligt, Thomas Dohmke spricht von 90 Prozent. Schon jetzt kommen etwa zwei Drittel der Mitglieder der Eclipse-Stiftung aus Europa, die meisten davon aus Deutschland. 170 Unternehmen sind Mitglieder der Stiftung, 900 Firmen gelten als Committer, schreiben also Code und stellen ihn auf der Eclipse-Plattform zur Verfügung. Durch die verstärkte Präsenz in Europa hofft die Stiftung weitere Mitglieder zu gewinnen und interessante Projekte zu betreuen.

Doch wie bereit ist die EU dafür? „Es wird besser“, sagt Mike Milinkovich, „aber es könnte auch besser sein.“ Er ist fest davon überzeugt, dass Open Source dabei helfen kann. „Die Macht von Open Source zeigt sich, wenn man etwas zusammen schafft.“

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 31.05.20

* Helmut Martin-Jung ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung.

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