Office- und Fertigungs-IT: Zeit für einen Kulturwandel

| Autor / Redakteur: Volker Altwasser * / Michael Eckstein

Aber sicher: Damit Industrie 4.0 erfolgreich sein kann, müssen Fertigungs- und Office-IT eng verknüpft sein. Effiziente IT-Security ist daher wichtig denn je.
Aber sicher: Damit Industrie 4.0 erfolgreich sein kann, müssen Fertigungs- und Office-IT eng verknüpft sein. Effiziente IT-Security ist daher wichtig denn je. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Damit Industrie-4.0-Projekte erfolgreich sein können, müssen bislang getrennte IT-Systeme gemeinsam agieren. Dann ist es möglich, Daten aus der Fertigung für übergeordnete Systeme nutzbar zu machen.

Obwohl die Digitalisierung kein reines Technologie-Thema ist, landen Projekte und zugehörige Teilaufgaben immer wieder zuerst in der IT-Abteilung. Die Kollegen dort sind allerdings nicht immer die richtigen Ansprechpartner. Erst recht, wenn zunächst strategische Entscheidungen im Fokus stehen müssen. Besonders deutlich wird dieses Dilemma bei dem – oft fehlenden und gleichzeitig zwingend notwendigen – Zusammenspiel aus Fertigungs- und Office IT.

Dass diese den aktuellen IT-Herausforderungen nur gemeinsam gewachsen sind, ist hinlänglich bekannt. Dennoch hakt es immer wieder an der Umsetzung. Ein Kulturwandel muss her. Unternehmen im Bereich der industriellen Fertigung und deren IT sind von dieser Problematik besonders betroffen, da sich die „Informationstechnologie“ über lange Zeit ausschließlich auf die Office-IT beschränkt hat.

Oft kommt es auch vor, dass Steuerungsprogramme und Datenbanken der Fertigung in vielen Häusern noch von der Anlagentechnik selbst administriert werden. Grund hierfür sind in der Regel hersteller- oder branchenspezifische Übertragungsprotokolle oder Bus-Systeme. Dabei wird vielleicht grundsätzlich „IP“ gesprochen und Rohdaten werden auf Datenbanksystemen abgelegt, der Mehrwert liegt jedoch in der Auswertung und Nutzbarmachung der Daten für übergreifende Systeme wie Enterprise-Resource-Planning (ERP) oder Planungswerkzeuge. Strebt ein Unternehmen eine Integration in das Internet-of-Things (IoT) an, müssen beide Bereiche jedoch deutlich stärker als bisher zusammenwachsen. Folglich bedarf es einer strategischen Entscheidung, beide IT-Lager prozessual und technologisch miteinander zu verbinden und künftig ganzheitlich zu betrachten. In der Wahrnehmung vieler Unternehmenslenker handelt es sich dabei allerdings um Software oder „auch nur um Services“, die doch durch die IT betrieben werden können. Hier liegt der Denkfehler.

Zustandsdaten müssen in Echtzeit übertragen werden

Die Fertigungs-IT in einem idealen Unternehmen vereint technisch gesehen das spezifische Fachwissen von der Entwicklung bis zur Fertigung in Nullen und Einsen. So werden auf der einen Seite technische Entwürfe zu Steuerungsprogrammen und/oder Rezepturen abgebildet, die über ein Bus-System an die für den Fertigungsauftrag geplante Maschinen übertragen werden. Schließlich will sich heute niemand mehr mit einer Disk auf den Weg durch das Werk machen. Auf der anderen Seite erfolgt das Übertragen von Zustandsdaten, zum Beispiel zu Produktionsmengen und zum Maschinenstatus (inkl. aktueller Wartungsparameter) an diverse IT-Systeme in Echtzeit. Dabei ist das Übertragen des Auftragsstatus (etwa Menge, Lieferdatum) wenig komplex und oft nicht zeitkritisch.

Wichtiger und damit in der Datenübertragung zu priorisieren sind allerdings die Daten für das Predictive-Maintenance-System: Es liefert der Anlagentechnik und dem Hersteller Daten, um vorbeugend eingreifen zu können und so Stillstände zu vermeiden. Die Office-IT wäre hier klassischerweise geneigt, dem ERP und dem Auftrag (als Daten für die Finanzbuchhaltung) den Vortritt einzuräumen. Dabei sind es aus unternehmerischer Sicht die Echtzeitdaten der Maschinen, die Vorrang haben sollten und deren Übertragung mit 7x24h Service-Leveln abzusichern ist. Diese Tatsache widerum ist der Fertigungs-IT bekannt. Folglich muss in den Köpfen der Entscheider die Erkenntnis wachsen, dass Digitalisierung mehr ist, als nur bloße IT. Gemeint ist damit vielmehr eine strategische Grundausrichtung, die insbesondere in Fertigungsunternehmen die Verknüpfung von Office- und Produktions-IT umfassen muss. Dieser Prozess ist im Grunde mit einem Kulturwandel gleichzusetzen: Vom einstigen Credo „die IT macht das schon“ über „IT geht uns alle an“ hin zu „ohne Daten (IT) keine sichere Fertigung“.

Klare Anforderungen für Systemaufbau und Abläufe

Aus dieser Erkenntnis heraus ergeben sich in der Konsequenz klare Anforderungen an die Aufbau- und Ablauforganisation. Dabei müssen unter anderem Antworten auf folgende Fragestellungen gefunden werden:

  • Was bedeutet die Digitalisierung der Fertigung für die Produktionsbereiche und die IT-Organisation?
  • Welche Systeme laufen in der Fertigung, was ist in den kommenden Jahren geplant? Wie sieht die Roadmap der Hersteller aus?
  • Welche Aufgaben erfordern „Fertigungswissen“ und welche Aufgaben beschränken sich auf die „reine IT“?
  • Wo liegen die Herausforderungen bei der Zusammenführung von Office- und Fertigungs-IT in technischer Hinsicht?
  • Wo ergeben sich Synergien? Können z. B JAVA-Entwickler beide Bereiche bedienen?
  • Welche Systeme erfordern besondere Schutzmaßnahmen?
  • Welche Systeme sind unternehmenskritisch, auch aus Sicht der Office-IT?
  • Wo gibt es Sourcing-Möglichkeiten?
  • Ist der Lieferantenstamm für den Unternehmenserfolg noch hinreichend?

Die Lösung dieser komplexen Gemengelage ist auch ein Human Resources (HR)-Thema. Schließlich müssen Mitarbeiter die technischen Ressourcen zukunftssicher betreiben und entwickeln. Sie werden zu Beginn aus der Office oder der Fertigungs-IT kommen – hier wird es Engpässe geben. Die Personalabteilung muss daher helfen, die Lücken zu identifizieren und zu füllen. Sowohl Unternehmensleitung als auch beide IT-Bereiche müssen vor diesem Hintergrund eine Digitalisierungsstrategie und einen daraus abgeleiteten Betriebsplan für Zukunft und Gegenwart liefern, der durch die HR-Abteilung umgesetzt werden kann. Schaffen Fertigungsunternehmen das notwendige Umdenken – von der technischen Perspektive über die Prozessverantwortung inkl. Systemverantwortung bis hin zur Personalverantwortung – profitieren sie in der Regel auf vielen Ebenen.

Das bedeutet: Der Fertigungsleiter hat die Prozessverantwortung für alle Teile der Produktion und damit auch für alle Maschinenparks. Er muss Technik- und IT-Wissen in seiner Abteilung vereinen, um einen reibungslosen Betrieb zu ermöglichen. Die klassische Stellenbeschreibung ist in diesem Kontext überholt. Zukünftig werden wenige Generalisten Prozessverantwortung übernehmen und die vielen Spezialisten steuern und führen – das Qualifikationsmanagement zum Aufbau des erforderlichen Fachknowhows wird durch HR gesteuert und durch moderne SW-Tools unterstützt. Nur so verschwimmen die Grenzen und es wird Kreativität freigesetzt: Lösungen aus der Office-IT passen dann in die Fertigung und umgekehrt. Damit diese Vorteile greifen, gilt es, jetzt die benötigten Rahmenbedingungen zu schaffen. Klar ist, das Modell der Zukunft ist aus diesem Grund eine Matrixorganisation, bei der Leitungsfunktionen auf voneinander unabhängige, gleichberechtigte Dimensionen verteilt wird

Die Einsicht, dass die Digitalisierung nicht mit der Einführung bestimmter Software getan ist, reift in den Köpfen vieler Unternehmenslenker. Woran es fehlt, sind jedoch die logischen strukturellen und vor allem auch organisatorischen Konsequenzen – etwa wenn es um Verantwortlichkeiten die Fertigungs-IT betreffend geht. Die gehört nämlich nicht zur Office-IT – eine Abteilung, die in der Vergangenheit sämtliche Themen der Informationstechnologie verantwortete. Trennbar sind diese beiden Bereiche zukünftig aber auch nicht. Ganz im Gegenteil: Im Hinblick auf Industrie 4.0 und das Internet-der-Dinge müssen diese immer enger aneinander rücken, um die Daten aus der Fertigung für übergeordnete Systeme nutzbar zu machen. Wer hierfür heute die erforderlichen Rahmenbedingungen schafft, ist bestens gerüstet, um aus seinen Daten eine wertvolle „Währung“ zu machen.

Somit darf und wird es in Zukunft DIE „klassische“ IT-Abteilung nicht mehr geben. Jeder Unternehmensbereich wird Experten beschäftigen, die sich mit der Digitalisierung und dem Betrieb komplexer Systeme beschäftigen, um den maximalen Nutzen für die Fachabteilung und damit für das Gesamtunternehmen zu erzielen.

* Volker Altwasser ist Senior Management Consultant der expertplace networks group AG in Köln.

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