Supply Chain Management

Obsoleszenz – Schicksalsschlag oder Managementfehler?

| Autor: Margit Kuther

ELEKTRONIKPRAXIS-Round-Table Obsoleszenz-Management (v.l.): Michael Velmeden, cms; Stefanie Kölbl, TQ-Systems; Franz Graser, Margit Kuther, Redakteure ELEKTRONIKPRAXIS; Johann Weber, Zollner; Erich Baumgartner, CCS; Marco Balling, productware; Georg Höller, ZVEI und Johann Wiesböck, Chefredakteur ELEKTRONIKPRAXIS
ELEKTRONIKPRAXIS-Round-Table Obsoleszenz-Management (v.l.): Michael Velmeden, cms; Stefanie Kölbl, TQ-Systems; Franz Graser, Margit Kuther, Redakteure ELEKTRONIKPRAXIS; Johann Weber, Zollner; Erich Baumgartner, CCS; Marco Balling, productware; Georg Höller, ZVEI und Johann Wiesböck, Chefredakteur ELEKTRONIKPRAXIS (Bild: ELEKTRONIKPRAXIS)

Der Schreck ist groß, wenn die Fertigung stoppt, weil ein Schlüsselbauelement abgekündigt wurde. Muss das sein? Die ELEKTRONIKPRAXIS lud Experten zu einem Round-Table-Gespräch über Obsoleszenz ein.

Wenn die Fertigung eines zukunftsträchtigen Produkts eingestellt werden muss, weil ein wichtiges Bauelement nicht mehr verfügbar ist, stehen viele Unternehmen vor einem großen Problem. Die ELEKTRONIKPRAXIS wollte wissen, was hinter einer solchen Obsoleszenz steckt, ob sie vermeidbar wäre und welche Möglichkeiten es gibt, sich davor zu schützen.

Aber erst mal von vorn: Obsoleszenz – was ist das eigentlich. Die Antwort darauf weiß Georg Höller vom ZVEI: „Obsoleszenz ist der Zustand, in dem ein Gut oder Prozess nicht mehr verfügbar ist. Weil das Thema Obsoleszenz so wichtig und brisant ist, hat sich der Fachverband PCB and Electronic Systems des ZVEI intensiv damit beschäftigt und die Broschüre ‚Obsoleszenz-Management. Der Schlüssel zur Langzeitverfügbarkeit elektronischer Systeme‘ vorgestellt.“

Wenn ein Bauelement plötzlich nicht mehr verfügbar ist ...

Wenn ein Bauelement plötzlich nicht mehr verfügbar ist, kann das eine ganze Reihe von Ursachen haben, wie Johann Weber, Vorstandsvorsitzender der Zollner AG, erklärt: „Ein Grund für die Abkündigung von Komponenten ist Wirtschaftlichkeit. Wenn ein Produkt für den Hersteller nicht mehr wirtschaftlich ist, kündigt er es natürlich ab. Weitere Gründe können mangelnde Verfügbarkeiten oder auch gesetzliche Vorgaben sein, etwa die Umwelt betreffend oder verbotene Stoffe, die den Hersteller zu Abkündigungen zwingen.“

Obsoleszenz kann alle betreffen, wie Georg Höller betont: „Obsoleszenz kann jeden täglich treffen – egal ob Elektronikhersteller oder EMSler, mal frühzeitig angekündigt, mal kurzfristig per Zuruf mitgeteilt.“

Dem stimmt auch Michael Velmeden zu, Geschäftsführer cms electronics: „Obsoleszenz begleitet uns seit Jahren. Eine Schwierigkeit ist, dass die Elektronik in vielen Bereichen sehr kurzlebig geworden ist, während viele Einsatzgebiete unserer Produkte längere Lebenszyklen haben, etwa die Flugzeugindustrie, die Bahntechnik oder auch die Automobilindustrie. Bei Konsumprodukten sind die Lebenszyklen dagegen sehr kurz.“

Die Qual mit den Product Change Notifications

Michael Velmeden ergänzt: „Wird ein Bauelement abgekündigt, informiert uns der Hersteller. Wir erhalten monatlich weit über hundert Product Change Notifications (PCN) und bei großen Herstellern sind es sicher noch viel mehr. Diese PCNs kommen in jeder möglichen Form, etwa per Post, E-Mail als PDF-Datei oder auch in der Form `könnt ihr auf unserer Homepage ablesen´. Wir müssen diese Informationen an die gesamte Lieferkette weitergeben.“

Dabei sind verschiedene Branchen involviert, wie Johann Weber erklärt: „Da haben wir auf der einen Seite Geräte wie einen Blackberry oder ein iPhone mit typischen Lebenszyklen von etwa einem halben Jahr. In diesen Fällen sind keine Abkündigungen zu erwarten, weil es sich eben um Geräte mit enorm großen Stückzahlen handelt, sodass die Wirtschaftlichkeit für den Bauelementehersteller auf jeden Fall gegeben ist.“

„Auf der anderen Seite haben wir Industrien wie die Luftfahrt, die Bahntechnik oder auch die Medizintechnik mit Produktlebensdauern von 25 bis 40 Jahren – und in diesen Fällen stehen wir vor viel größeren Herausforderungen als bei iPhone & Co. Wichtig ist, dass man versucht, Probleme, die sich durch Abkündigungen ergeben, von vornherein zu vermeiden. So kann man bereits bei der Produktentwicklung darauf achten, nur Komponenten einzudesignen, die möglichst am Anfang ihres Produktlebenszyklus‘ stehen und nicht bereits am Ende.“

„Wir erleben es tagtäglich: Kaum laufen Produkte in der Serie an, kommen die ersten PCNs oder Abkündigungen – die natürlich wieder mit Änderungen verbunden sind. Zudem sollte man darauf achten, nicht nur eine Komponente/einen Hersteller/eine Type freizugeben, sondern möglichst eine zweite als Alternative, falls eine Komponente nicht mehr lieferbar ist.“

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