Abgekündigte Bauelemente Obsolescence-Management im Griff

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Viele Industriebetriebe stehen immer wieder vor dem Problem, dass dringend benötigte Komponenten nicht mehr lieferbar sind, weil sie abgekündigt wurden. Solche Obsolescencen verursachen jährlich Kosten in Millionenhöhe für Redesigns. Das aber muss nicht so sein, wie Hans-Peter Leue von der Component Obsolescence Group Deutschland e.V erläutert.

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Hans-Peter Leue, COG-D: Obsolescence verursacht jährlich Kosten in Millionenhöhe für ungeplante Redesigns und der Entwicklung gehen unzählige Stunden für die Entwicklung neuer Produkte verloren.“
Hans-Peter Leue, COG-D: Obsolescence verursacht jährlich Kosten in Millionenhöhe für ungeplante Redesigns und der Entwicklung gehen unzählige Stunden für die Entwicklung neuer Produkte verloren.“
( Archiv: Vogel Business Media )

Obwohl in Industriebetrieben permanent Kostensenkungsprogramme gestartet werden und das Risikomanagement inzwischen ein fester Begriff ist, wird das Obsolescence-Management häufig vernachlässigt. Wegen der Komplexität des Themas kann in dem folgenden Beitrag nur ein Überblick gegeben werden.

Der Motor vieler Märkte heißt „Innovation“. Innovation heißt aber auch Erneuerung. Das bedeutet im Regelfall, ein älteres Produkt wird durch ein neueres abgelöst. Extrem zu beobachten ist dieses bei elektronischen Bauelementen. Dort werden täglich hunderte von Bauelementen abgekündigt. Aber auch technische Änderungen am Liefergegenstand können zur Obsolescence führen, wenn der Liefergegenstand nach der Änderung nicht mehr einsetzbar ist.

Effektives Obsolescence-Management braucht Durchgängigkeit

Obsolescence kann aber auch weitere Ursachen haben. Besonders Kosten treibend ist dieser Mechanismus für Hersteller langlebiger Wirtschaftsgüter. Durch Obsolescence werden jährlich Millionen für ungeplante Redesigns ausgegeben. Der Entwicklung gehen unzählige Stunden für die Entwicklung neuer Produkte verloren. Als Ausweg werden häufig Sonderbeschaffungen zu immensen Sonderkosten aus fragwürdigen Quellen getätigt. Kosten für die Einlagerung von Überbrückungs- oder Allzeitbedarf werden häufig ignoriert.

Mit der richtigen Obsolescence-Management-Strategie lässt sich die Materialverfügbarkeit absichern (Archiv: Vogel Business Media)

Obwohl das Einsparpotential enorm ist, taucht dieser Posten in den wenigsten Projekten zur Kostensenkung auf. Obsolescence-Management ist komplex weil es nur wirkungsvoll ist, wenn die gesamte Prozesskette intern und extern berücksichtigt wird. Es kostet direkt Ressourcen. Die Kosten vermeidende Wirkung, die dagegen aufzurechnen ist, stellt sich aber häufig erst später und unbeachtet, im Produktlebenszyklus ein.

Proaktives Handeln minimiert Probleme bei Abkündigungen

Viele Firmen, die schon seit langen von Obsolescencen betroffen sind haben erkannt, dass es einen besseren Weg gibt, als darauf zu warten bis eine Obsolescence eintritt. Sie minimieren das Problem, indem sie proaktiv reagieren und Obsolescencen „managen“.

Obsolescencen sind zwar unvermeidlich, ihre Auswirkungen und Kosten können aber durch vorausschauende Planung minimiert werden. Als zwingende Voraussetzung muss das Obsolescence-Management integraler Bestandteil eines Marketing-, Entwicklungs-, Konstruktions-, Beschaffungs-, Fertigungs- u. Kundendienstprogramms sein. Dabei ist die gesamte Versorgungskette einzuschließen (Lieferant und Kunde einbezogen).

Obsolescence-Management als Teil des Risikomanagements

Die Komponentenverfügbarkeit über die Produktlebensdauer ist als Kernfrage in alle Betrachtungen einzubeziehen. Obsolescence-Management kann als Teil des Risikomanagements angesehen werden. Richtig durchgeführt dient es der Vermeidung/Reduzierung von Produktions- oder Dienstleistungsausfällen wegen veralteter oder nicht mehr verfügbarer Prozesse, Materialien, Software, Produktionseinrichtungen, … oder verloren gegangenem Knowhow. Vorübergehende Verfügbarkeitsausfälle werden hierbei im Allgemeinen nicht betrachtet.

Die richtige Obsolence-Management-Strategie erhöhet die Versorgungssicherheit

Die Obsolescence-Management-Strategie eines Unternehmens beschreibt die Vorgehensweise eines Unternehmens im Obsolescence-Management. Sie ist sehr beeinflusst durch Unternehmensziele und die Unternehmensstruktur. Sie berücksichtigt die Erwartung bezüglich Produktlebenszyklus, die Produktkomplexität und die Balance zwischen Kundenerwartung und Wirtschaftlichkeit. Ist ein Unternehmen frei in seiner Lieferanten- und Bauelemente-Strategie kann es die Strategie aus Materialsicht aufbauen.

Vereinfachte Darstellung eines Obsolenscence-Management-Plans (Archiv: Vogel Business Media)

Hierbei wird über starke Partnerschaften zwischen Lieferanten und Kunden ein enges Vertrags- und Kommunikationsnetzwerk gebildet. Die Versorgungssicherheit wird über Bauelementestrategien und permanente Verfügbarkeitsprüfungen erhöht. Es existiert eine klare Verfahrensanweisung für den Fall von Abkündigungen. Bauelemente Spezialisten unterstützen den Schaltungsentwickler ei der Auswahl der Bauelemente. Am Ende der Schaltungsentwicklung steht immer ein Schaltungsreview in dem auch die Obsolescence–Problematik Berücksichtigung findet. Der Obsolescence-Management-Plan auf der Produktebene spielt dann eine untergeordnete Rolle.