Widerstand gegen Mega-Fusion Nvidia und ARM: Platzt der 54-Mrd-Dollar-Deal?

Autor: Michael Eckstein

Nvidia hat bei der geplanten Übernahme von ARM mit heftigem Gegenwind seitens entscheidender Wettbewerbshüter zu kämpfen. Steht die Mega-Übernahme vor dem Aus?

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Marktmacht: Nvidia ist mit seinen KI-Plattformen sehr erfolgreich. Lösungen des Unternehmens treiben zum Beispiel etliche Bordcomputer für autonomes Fahren an – etwa Hyundais Drive Platform im Bild. Die angestoßene Übernahme des bis dato unabhängigen Technologielieferanten ARM sehen viele Marktteilnehmer und Wettbewerbshüter kritisch.
Marktmacht: Nvidia ist mit seinen KI-Plattformen sehr erfolgreich. Lösungen des Unternehmens treiben zum Beispiel etliche Bordcomputer für autonomes Fahren an – etwa Hyundais Drive Platform im Bild. Die angestoßene Übernahme des bis dato unabhängigen Technologielieferanten ARM sehen viele Marktteilnehmer und Wettbewerbshüter kritisch.
(Bild: Nvidia)

Letztes Jahr hatte Grafikkarten- und KI-Chip-Spezialist Nvidia angekündigt, den ursprünglich britischen Prozessor-Designer ARM vom aktuellen Besitzer, dem japanischen Softbank-Konzern, übernehmen zu wollen. Rund 54 Mrd. US-Dollar (46 Mrd. Euro) werden mittlerweile als Kaufpreis genannt – ursprünglich war der Deal mit 40 Mrd. US-Dollar taxiert. Ob die Übernahme gelingt, ist noch nicht sicher. Die Hürden für Nvidia sind offenbar höher als gedacht, obwohl das Unternehmen und sein CEO Jensen Huang immer wieder die potenziellen Vorteile des Geschäfts hervorhebt.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hat Nvidia nun offiziell einen Antrag bei der EU-Kartellbehörde gestellt, der Übernahme von ARM zuzustimmen. Der Entscheidungsprozess könnte steinig werden – und sein Ausgang ist ungewiss: Erst vor wenigen Wochen im August hatten britische Wettbewerbshüter beanstandet, die Übernahme könne den Wettbewerb beeinträchtigen – in Märkten weltweit, auch in großen und wichtigen Bereichen wie Datenzentren, Internet der Dinge, Automobilbau und Glücksspiel.

Britische Wettbewerbshüter schlagen Alarm

Daher hatten sie den Druck erhöht und genaue Untersuchungen gefordert. Nun folgt die EU: Laut Reuters kann die europäische Behörde die Übernahme nach der Vorprüfung mit oder ohne Konzessionen genehmigen – oder bei ernsthaften Bedenken eine mehrmonatige Untersuchung anstoßen. Diese kann ohne weiteres sechs Monate dauern. Je nach Ergebnis ist auch ein Blockieren des Geschäfts möglich.

Wenn auch die britische Regierung einen langwierigen Prüfprozess anstößt, der unter anderem Untersuchungen über mögliche Auswirkungen auf die nationale Sicherheit einschließt, wird es möglicherweise eng für Nvidia, den Deal noch vor Ablauf der Übernahmefrist im September 2022 abschließen zu können. Die ursprüngliche Planung sah vor, die Übernahme bis März nächsten Jahres unter Dach und Fach zu haben. Mittlerweile hat Nvidia jedoch selbst bestätigt, dass das Einholen der nötigen Genehmigungen länger dauert als erwartet.

Die entscheidende Frage: Bleibt ARM unabhängiger IP-Lieferant?

ARM-IP steckt weltweit in unzähligen Mikrochips – von Apples neustem M1-Chip bis zum einfachsten Controller. Die Liste der ARM-Lizenznehmer liest sich wie das Who-is-who der Elektronikbranche.

Die geplante Akquisition hatte denn auch für heftigen Wirbel gesorgt, galt ARM bislang doch als neutraler Lieferant leistungsfähiger Chip-Technologie: Würden bisherige (und zukünftige) ARM-Kunden auch nach Abschluss des Deals weiterhin unbeschränkten Zugang zu dem weltweit mit Abstand am weitesten verbreiteten Prozessor-Ökosystem erhalten? Oder würde Nvidia zukünftige Entwicklungen und Erweiterungen zunächst für sich behalten und sich so einen Wettbewerbsvorteil verschaffen?

Bedroht der Deal Innovationen in etlichen Branchen?

Letzteres würde nach Ansicht der britischen Kartellwächter eine Bedrohung für die Innovation in Branchen darstellen, die das Rückgrat der modernen Wirtschaft bilden. „Wir sind besorgt, dass die Kontrolle von ARM durch Nvidia zu echten Problemen für Nvidias Konkurrenten führen könnte“, sagt etwa Andrea Coscelli, CEO der britischen Behörde für Wettbewerb und Märkte (Competition and Market Authority, CMA). Dadurch könne der Zugang zu Schlüsseltechnologien einschränkt und „letztlich die Innovation in einer Reihe wichtiger und wachsender Märkte erstickt werden“.

Besorgte Kunden wie Qualcomm, Samsung Electronics oder auch Apple sehen das laut Reuters ähnlich. Nvidia hatte Abhilfemaßnahmen angeboten, die die Auswirkungen abmildern sollen. So soll ARM als unabhängiger Technologielieferant fortbestehen. Die Bedenken der britischen Regulierungsbehörde konnte der Konzern damit offenbar nicht ausräumen.

Kann Nvidia die Bedenken der Kartellwächter ausräumen?

In einer Stellungnahme kündigt das US-Unternehmen derweil unvoreingenommene Kooperation mit den EU-Behörden an: „Wir sind dabei, den regulatorischen Prozess zu durchlaufen und freuen uns darauf, mit der Europäischen Kommission zusammenzuarbeiten, um etwaige Bedenken auszuräumen. Diese Transaktion wird für ARM, seine Lizenznehmer, den Wettbewerb und die Branche von Vorteil sein.“

In dieselbe Kerbe schlägt auch ARM-CEO Simon Segars: Seiner Meinung nach würde ein Zusammenschluss dem Unternehmen eher ermöglichen, in Zukunftstechnologien zu investieren, als wenn es ein eigenständiges öffentliches Unternehmen werden würde. So ließen sich auch mehr Arbeitsplätze schaffen. Auch unter den ARM-Kunden gibt es durchaus Fürsprecher, etwa Broadcom, Mediatek und Marvell.

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Über den Autor

 Michael Eckstein

Michael Eckstein

Redakteur, Vogel Communications Group