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Nvidia-CEO rechtfertigt ARM-Übernahme

Redakteur: Sebastian Gerstl

Die 40 Milliarden US-$ schwere Übernahme von ARM durch Nvidia hat in der Chipindustrie viel Kritik aufgeworfen. In einem Gespräch mit Analysten und Investoren haben sich Nvidia-Chef Jensen Huang und ARM-CEO Simon Segars bemüht, die schwerwiegendsten Vorwürfe zu entkräften.

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Wie begegnet NVIDIA der kritischen Haltung in der Chipindustrie gegenüber der geplanten Übernahme von Arm? NVIDIA-CEO Jensen Huang sieht den Vorwurf möglicher Interssenskonflikte nicht gegeben: Arms Präsenz im Embedded-Bereich soll unangetastet bleiben, statt dessen soll aus den gemeinsamen Ressourcen ein „Hubble-Teleskop der KI-Forschung“ entstehen.
Wie begegnet NVIDIA der kritischen Haltung in der Chipindustrie gegenüber der geplanten Übernahme von Arm? NVIDIA-CEO Jensen Huang sieht den Vorwurf möglicher Interssenskonflikte nicht gegeben: Arms Präsenz im Embedded-Bereich soll unangetastet bleiben, statt dessen soll aus den gemeinsamen Ressourcen ein „Hubble-Teleskop der KI-Forschung“ entstehen.
(Bild: NVIDIA)

40 Milliarden US-$ möchte GPU-Spezialist Nvidia ausgeben, um vom japanischen Softbank-Konzern 90% und damit die Kontrolle über die britische Prozessorschmiede ARM zu erhalten. Sollte diese Transaktion erfolgreich über die Bühne gehen, wäre das eine der teuersten Akquisitionen in der Elektronikbranche. In voraussichtlich 18 Monaten, so die vorsichtige Einschätzung von Nvidia, soll die Übernahme abgeschlossen sein.

Gleichzeitig ist der Deal aber auch äußerst kontrovers: schätzungsweise bis zu 180 Milliarden Geräte setzen weltweit Prozessoren mit Kernen auf Basis der ARM-Architektur ein, allein 22 Milliarden davon wurden im Laufe des vergangenen Jahres ausgeliefert. Auf ARM-Kernen basierende Produkte werden dabei von zahlreichen größeren wie kleineren Unternehmen in Bereichen wie der Industrieautomation, dem autonomen Fahren, KI-Inferenz oder in Rechenzentren eingesetzt - allesamt Bereiche, in denen auch Nvidia stark vertreten ist oder plant, seine Präsenz dort in den kommenden Jahren stark auszubauen. Dementsprechend hatte die geplante Übernahme schon im Vorfeld für Diskussionen gesorgt und wurde kurz nach Verkündung des Deals in der Chipbranche weltweit stark kritisiert.

Es soll „ein Hubble-Teleskop der KI-Forschung“ entstehen

In einem Gespräch mit Marktanalysten und Investoren am Montag bemühten sich Nvidia-CEO Jensen Huang und ARM-Boss Simon Segars sehr darum, entsprechende Bedenken zu adressieren und kritische Stimmen zu beschwichtigen. ARM solle demnach nicht in Nvidia aufgehen; das Unternehmen soll mit seinem Hauptsitz in Cambrigde erhalten und noch weiter ausgebaut werden.

Eines der Hauptziele von Nvidia sei, mit Hilfe der ARM-Akquise eine „erstklassige Datencenter-Computing-Plattform auf Basis der ARM-Architektur“ zu schaffen und in die Zukunft des Cloud-to-Edge-Computings zu investieren. Speziell eine stärkere Präsenz und der Ausbau der Aktivitäten im Umfeld von Training und Inferenz von Künstlicher Intelligenz ist Huang ein Hauptanliegen. Segars pflichtet dem bei: „Ich glaube wirklich, dass die KI die bestimmende Technologie der Zukunft ist,“ sagt der ARM-CEO. „Wir stehen aktuell erst am Anfang.“

Durch die Übernahme durch Nvidia stünden nun mehr Ressourcen und Kampfgewicht bereit, um speziell diesen Bereich stärker und effizienter ausbauen zu können. In Cambridge sollen die F&E-Aktivitäten ausgebaut werden: Laut Huang soll hier gewissermaßen ein weltweit führendes KI-Forschungszentrum, „gewissermaßen ein Hadron Collider oder Hubble-Teleskop der KI-Forschung“, entstehen. Damit möchte der Nvidia-Chef auch Bedenken seitens Vertreter aus dem Vereinigten Königreich ausräumen, die fürchten, dass mit ARM der wichtigste Technologieführer des Landes abwandern könnte.

Das offene Geschäftsmodell soll erhalten und um Nvidia-Technologien erweitert werden

Beide Unternehmensführer betonten, dass die ARM-Prozessorarchitektur auch weiterhin dem Markt offen zur Lizenzierung zur Verfügung stehen soll. Ein Hauptkritikpunkt, den Analysten hier aufführen, ist, dass Nvidia als Eigentümer von ARM in direkte Konkurrenz mit seinen eigenen Kunden treten dürfte.

Nvidia-Chef Huang versuchte hier zunächst zu beschwichtigen, dass Nvidia in den wenigsten Einsatzfeldern direkt mit ARM konkurriere. Während das Haupteinsatzfeld von ARM-basierten Geräten der Embedded-Markt, Smartphones oder IoT sei, fokussiere sich Nvidia mit der ARM-Akquise darauf, die Präsenz in Rechenzentren zu stärken. „[Nvidia ist] in sehr wenigen mobilen Kommunikationsanwendungen vertreten. Wir sind in sehr wenigen Embedded-Applikationen“, sagte Huang und bekräftigt, das ARM-Lizenzierungsmodell beibehalten zu wollen: „Wir lieben [ARM's] Geschäftsmodell. Es wird offen und fair bleiben und wir werden noch mehr IP anbieten“. So soll es möglich werden, auch GPU- und KI-Technologien von Nvidia über das ARM-Partnernetzwerk zu lizenzieren.

Auch Segers betonte, am bestehenden Lizenzierungsmodell und der damit existenten Unabhängigkeit speziell im Embedded-Markt festhalten zu wollen. „Unser Wert liegt in der Technologie, die wir geschaffen haben, sagte der ARM-Chef im Vorfeld der Übernahme. „Die Absicht ist es, mit einem Grad an Unabhängigkeit zu arbeiten, der dieses Modell aufrechterhält.“

Ein Interessenskonflikt?

Allerdings gibt es durchaus Bereiche, in denen Nvidia direkt mit ARM-basierenden Produkten anderer Hersteller konkurriert. Das ist besonders in Bereichen wie dem Autonomen Fahren oder der Künstlichen Intelligenz in Rechenzentren der Fall, wo Nvidia-Konkurrenten wie Intel, Qualcomm oder Xilinx Lösungen anbieten, die auch ARM-Kerne einsetzen. Zudem werfen die Pläne, auch GPU- und KI-Architekturen von Nvidia offen zu lizenzieren, die Frage auf, ob sich dadurch ein möglicher Interessenskonflikt insbesondere in diesen Märkten nicht eher noch verschärfen dürfte.

Auf die entsprechende Frage eines Analysten entgegnete Huang, dass Nvidia den Wettbewerb in der gesamten Rechenzentrumsplattform vom Chip bis zur Software begrüße. Nvidia verkaufe bereits Chips, Boards und Software in jeder beliebigen Kombination, und auf Basis diese Hardware oder der CUDA-Softwareplattform böten Nvidia-Kunden bereits eigene Lösungen an. An dieser bestehenden Situation würde sich durch die ARM-Akquise nichts ändern. Im Gegenteil: Huang ist der Ansicht, dass sich „auf der IP-Ebene“ der Wettbewerb durch das Angebot eines größeren Ökosystems eher noch verstärken dürfe. Eine Abhängigkeit möglicher Konkurrenten vom eigenen Angebot solle es aber nicht geben: „Wir werden neutral bleiben,“ beteuert Huang. „Wir sehen uns dem offenen Geschäftsmodell für Boards, Chips und den gesamten Software-Stack verpflichtet,“ sagte Huang.

Mali-GPU und RISC-V-Aktivitäten

ARM ist allerdings auch ein GPU-Anbieter: Die hauseigene Mali-GPU-Architektur wurde erst in diesem Jahr wieder mit einem speziellen Fokus auf Maschinelles Lernen erweitert. Darüber hinaus ist Nvidia auch ein Gründungsmitglied der RISC-V-Foundation, weswegen auch hier Fragen hinsichtlich möglicher Interessenskonflikte aufkamen. Diverse Marktanalysten schätzen, dass die Übernahme von ARM durch Nvidia viele ARM-Kunden zu einer Migration auf die RISC-V-Prozessorarchitektur treiben dürfte.

Darauf angesprochen kündigte Jensen Huang an, dass Nvidia sowohl die Mali-GPU als auch RISC-V-basierende Produkte weiter entwickeln werde. Er verwies dabei abermals auf unterschiedliche Märkte: Speziell Mali ziele insbesondere auf Embedded-Applikationen ab, wo ARM weiterhin seine Stärken voll ausspielen könne. Bei Nvidia sei man „begeisterter Nutzer sowohl von ARM als auch von RISC-V. Es sind sehr unterschiedliche Dinge“. Huang betonte, dass die ARM-Architektur und die Kerne den Vorteil eines reichhaltigen Ökosystems haben, das helfe, Produkte auf den Markt zu bringen, Legacy-Software und viele Entwickler, die an Anwendungen und Software arbeiten. Das sei aber nicht für alle Applikationen nötig, wo dann RISC-V ins Spiel käme. „Wir verwenden RISC-V intern auf allen unseren großen Chips, und das werden wir auch weiterhin tun“, sagte Huang.

Probleme mit China

Eine weitere Frage ist die Situation mit China. Dort heimische Chiphersteller setzen häufig ARM-Architekturen in ihren Produkten ein. Dies hat zugenommen, seit die USA im Handelsstreit mit China amerikanischen Unternehmen starke Einschränkungen auferlegt hat, die den Technologiehandel erschweren. Entsprechend groß ist die Sorge, was geschehen könnte, wenn der britische IP-Anbieter unter die Kontrolle eines US-amerikanischen Unternehmens gelangen könnte - und damit in die Jurisdiktion der US-Behörden.

„Hinsichtlich der Jurisdiktion des Unternehmens soll sich mit dieser Transaktion nichts ändern“ entgegnete Huang. ARM solle seinen Hauptsitz weiterhin im britischen Cambridge behalten, was entsprechende behördliche Bedenken ausräumen soll. Auch von Seiten Chinas sehe er keine regulatorischen Bedenken. Man habe in dieser Beziehung bereits Erfahrungen aus der Übernahme des israelischen Ethernet-Spezialisten Mellanox gesammelt und rechne dementsprechend auch hier nicht mit größeren Schwierigkeiten.

Es muss sich allerdings erst noch zeigen, ob diese Zuversicht bei einem so großen Merger auch angebracht ist: 2018 musste Qualcomm seine geplante, 47 Milliarden US-$ schwere Rekord-Übernahme des Chipherstellers NXP aufgeben, nachdem insbesondere die chinesische Marktaufsichtsbehörde seine Einwilligung für die Akquise verweigert hatte.

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