Energiewende Neue Technologien für die Sektorenkopplung

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Sektorenkopplung als Schlüssel für eine klimaneutrale Energieversorgung: Das KIT erprobt neue Strategien sowie Technologien im Reallabor und das BMBF stockt Förderung auf.

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Daten aus dem Realbetrieb in den Musterhäusern am KIT (links im Bild) liefern die Grundlage für Prognosen zu Belastungen von Strom-, Gas- und Wärmenetz.
Daten aus dem Realbetrieb in den Musterhäusern am KIT (links im Bild) liefern die Grundlage für Prognosen zu Belastungen von Strom-, Gas- und Wärmenetz.
(Bild: Markus Breig, KIT)

Die intelligente Vernetzung, Steuerung und Optimierung der Strom-, Wärme- und Gasversorgung sind der Schlüssel für ein klimaneutrales Energiesystem. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bietet eine einzigartige Forschungsinfrastruktur, um neue Strategien und Technologien für die Sektorenkopplung (Seko) transdisziplinär im Technikumsmaßstab zu entwickeln und zu erproben. Auf dem Weg zu einem neuen, ganzheitlichen Modellierungssystem haben die Forschenden erste Meilensteine erreicht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stockt seine Förderung für das Seko-Reallabor um 10 Mio. € auf insgesamt 16,5 Mio. € auf.

Gesamtmodell aller Energieformen

„Unser Ziel ist es, alle Energieformen in einem Gesamtmodell zu betrachten und bedarfsgerecht zu erzeugen, zu speichern und umzuwandeln“, erläutert Professor Joachim Knebel, am KIT Koordinator des Forschungsvorhabens Seko. In diesem Projekt werden neue, vielversprechende Rechenmodelle und -instrumente entwickelt. Sie ermöglichen es, nicht nur das Verhalten einzelner Komponenten wie Batterien, Gasturbinen, Elektrolyseure, Stromrichter oder Generatoren in Echtzeit und auf der Basis realer Daten zu simulieren, sondern auch deren Zusammenspiel im Kontext des zu erwartenden Bedarfs und der aktuellen Netzkapazitäten. „Wir können in unserem Reallabor alle in Zukunft möglichen Prozesse und Pfade zur Energieumwandlung, von Power-to-X über Kraft-Wärme-Kopplung bis hin zu Geothermieanwendungen, im Technikumsmaßstab oder als digitalen Zwilling abbilden“, so Knebel weiter.

Prognosen zu Belastungen von Strom-, Gas- und Wärmenetz

Unter anderem ist es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelungen, das thermische Verhalten von Gebäuden in einem einzigen Simulationsmodell zusammenzuführen. Es ermöglicht Prognosen zum Wärmeverbrauch, zu den Bedarfen an Wärme und Kälte und zu den hieraus resultierenden Belastungen des Strom-, Gas- und Wärmenetzes. Die hierfür notwendigen Daten lieferten die Musterhäuser des Living Lab Energy Campus (LLEC) mit Bürogebäuden und Laborhallen, die von Mitarbeitenden des KIT im Realbetrieb genutzt werden und die gesamte Bandbreite von Technologien zur Wärme- und Kälteversorgung abbilden. Ausgewertet und weiterverarbeitet wurden diese Daten im Energy Lab 2.0.

Neben dem LLEC bildet es die zweite wichtige Säule der Infrastruktur für die Seko-Forschungen. Mit dem Smart Energy System Simulation and Control Center (SenSSiCC) umfasst das Energy Lab 2.0 neben einem Photovoltaik-Feld, einem Großbatteriespeicher, einem Gasturbinenprüfstand sowie Containeranlagen zur Methanisierung (Power-to-Gas) und zur Power-to-Liquid-Synthese auch die zentrale Leitwarte für das Reallabor.

Szenarien für die Energieversorgung im Gesamtsystem

„Seko ermöglicht uns, mit einem instituts- und fakultätsübergreifenden jungen Team an einem neuen Modellierungsansatz zu arbeiten, der die immer komplexer werdenden Szenarien für die Energieversorgung in einem Gesamtsystem erfasst“, betont Knebel. „Mithilfe eines solchen Modells können wir mögliche Transformationspfade mit dem Ziel Klimaneutralität bis 2045 beschreiben und bewerten“. Bislang fördert das BMBF im Rahmen von Seko vier Teilprojekte mit einem Volumen von 6,5 Millionen Euro. Diese adressieren mit Blick auf die Sektorenkopplung unter anderem die elektrischen Verteilnetze, den Gebäudewärmesektor, Technologien zur Gasversorgung sowie Informations- und Kommunikationstechnologien für ein intelligentes, stabiles und sicheres Energiesystem.

Mit der Budgetaufstockung in Höhe von 10 Mio. € können nun zwei weitere Arbeitspakete starten, die zum einen auf die gebäudeintegrierte CO₂-Abscheidung und Umwandlung, zum anderen auf einen neuartigen Power-to-Liquid-Prozess fokussieren. Beim ersten Arbeitspaket stehen der Systementwurf, das Betriebsverhalten und der Energiebedarf einer neuen Generation von Klima- und Lüftungsanlagen im Mittelpunkt, die Gebäude durch direkte Luftfiltration zu CO₂-Senken machen könnten. Beim zweiten Arbeitspaket wird in einer Pilotanlage erstmals ein integrierter Prozess validiert, der die Produktion von synthetischem Methanol aus CO₂ von Biogasanlagen oder Klärwerken sowie grünem Wasserstoff aus der Elektrolyse synergetisch kombiniert.

Die Forschungspartner

Das Forschungsvorhaben Seko läuft inklusive der Aufstockung noch bis März 2023. Beteiligt sind seitens des KIT die Institute für Mikroverfahrenstechnik, für Automation und Angewandte Informatik, für Technische Chemie, für Elektroenergiesysteme und Hochspannungstechnik sowie für Technische Physik, das Elektrotechnische Institut, das Lichttechnische Institut und das Engler-Bunte-Institut.

Mehr Informationen zu Seko zeigt das Video:

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