Aufbruch 2022 Nach stürmischer Fahrt auf zu neuen Ufern!

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Viel Erfahrung gesammelt und zahlreiche Klippen umschifft hat während der Corona-Zeit Marco Schmid, CEO der Schmid Elektronik AG in Münchwilen, Schweiz.

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Marco Schmid: „Es hat sich gezeigt, wie eine Krise zum Nährboden für Innovation werden kann. Diese einmalige Gelegenheit packten wir beim Schopf.“
Marco Schmid: „Es hat sich gezeigt, wie eine Krise zum Nährboden für Innovation werden kann. Diese einmalige Gelegenheit packten wir beim Schopf.“
(Bild: Schmid Elektronik)

Es war Ende 2020 und ich schaute auf die Kampfspuren aus der vorangegangenen, zehnmonatigen, unfreiwilligen Abenteuerreise. Damals im Frühling geriet unser Firmenschiff wie die meisten ebenfalls unvorbereitet in schwere See. Wir navigierten im Sturm, waren oft im Quadranten „Dringend & Wichtig“ unterwegs und hatten alle Hände voll zu tun, um das Schiff auf gutem Kurs zu halten und heil an den gefährlichen Klippen vorbei durch das Chaos zu manövrieren.

Ab und zu hatten wir aber auch Glück, fanden wertvolle Schätze und diese Truhe an neuen Erfahrungen betrachtete ich am Jahresende ebenfalls. War es eine Trotzreaktion oder hatte ich die Nase einfach nur gestrichen voll von Krisenstimmung, Negativmeldungen und Katzengejammer? Jedenfalls schaltete ich über den Jahreswechsel meine Denke einen Gang höher auf „Positiv“. In diesem Beitrag teile ich mit Dir diese Erfahrungstruhe aus den Jahren 2020 und 2021. Darin liegen meine Schätze aus der Menschen- und Selbstführung und aus dem Engineering-, Produktions- und Produktbereich. Den Abschluss macht ein Schmankerl.

Sei gut zu Deinen Mitmenschen und pflege dein Netzwerk!

Meine Aufmerksamkeit gilt heute noch stärker als früher den Menschen in meinem direkten Umfeld. Ob Zusammensein in der Familie, Gespräche mit Freunden, ein vertrauensvoller Umgang mit loyalen Mitarbeiter*Innen oder enge Beziehungen zu treuen Kunden und tollen Partnern. Dieses Netzwerk hat mich getragen und oft aufgefangen. Falls Du Unternehmer*In bist: es lohnt sich, Macht aus der Hand zu geben, Deiner Führungscrew zu vertrauen, sie zu fördern und zu fordern, den Mitarbeiter*Innen auf Augenhöhe zu begegnen und gut zu ihnen zu sein. Hilf ihnen dabei, Verantwortung anzunehmen und neue Kompetenzen aufzubauen. Werde zum dienenden Coach; Du wirst es nicht bereuen!

Von der Oberfläche in die Tiefe

Die äußerlichen Aktivitäten beruhigten sich während der Coronazeit dramatisch und einige von uns haben lange mehr Zeit für unsere innere Welt geschenkt bekommen. Ich glaube, dass dies nicht nur ein Motor für die digitale Transformation war und einen ökonomischen Wendepunkt ausgelöst hat, sondern auch zum Katalysator einer spirituellen Transformation geworden ist. Es ist vorstellbar, dass das sogar noch weitergeht und die Technologie nur eine Übergangsphase ist. Vielleicht konzentrieren wir uns zukünftig stärker auf das Wesentliche und schaffen so den Übergang ins Wissenszeitalter. Eine Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten, ist „Deep Work“. Es ist eine von Cal Newport beschriebene Fähigkeit, die ich seit etwa einem Jahr erlerne. Sie hilft mir dabei, mich ablenkungsfrei auf eine geistig anspruchsvolle Aufgabe zu konzentrieren. Im Gegensatz zu früher kann ich heute komplizierte und komplexe Zusammenhänge tiefer durchdringen, sie besser verstehen und zügiger Ergebnisse erzielen.

Dieses tiefe Eintauchen erzeugt darüber hinaus ein Gefühl der Erfüllung und Zufriedenheit, vor allem wenn ich sehe, was dabei herauskommen kann. Leider sind sich die meisten Menschen dieser für jeden erlernbaren Fähigkeit gar nicht bewusst. Sie verbringen ihre Tage stattdessen in einem hektischen und oberflächlichen Rauschen getrieben von Tickern, E-Mail, sozialen Medien, Websurfen und Unterhaltung, ohne zu wissen, dass es einen anderen Weg gibt.

Im Engineering aus dem Scheitern lernen

Einmal in dieser Zeit versammelte sich ein Projektteam von Schmid Elektronik am runden Tisch und stellte sich den Fakten. Ein ursprünglich vielversprechendes Leuchtturmprojekt war gerade so richtig in die Hose gegangen und warf uns ein Jahr zurück.

Beim Projektbeginn sah es gut und auch verheißungsvoll aus: mit modernster Laser- und Informationstechnologie den digitalen Zwilling mechanischer Profile füttern und so dank Zustandsüberwachung vorbeugende Wartung ermöglichen. Zu diesen positiven Zutaten gesellten sich im Projektverlauf unverhandelbare Demotermine und als Folge von Moving Targets entstand eine zunehmende Kluft zwischen steigenden Kundenerwartungen und realistischem Termin und Budget. Das kann zu Meinungsverschiedenheiten führen und auch rechtliche Konsequenzen haben. Jedenfalls verloren wir im Handumdrehen die Möglichkeit für ein rentables, zukunftsorientiertes Geschäftsmodell und fragten uns: „Wie könnte es uns zukünftig gelingen, derart komplizierte Großprojekte auch unter schwierigen Bedingungen in komplexen Umgebungen trotzdem erfolgreich durchzuziehen?“ Bisher hatte die klassische Wasserfallmethode doch gut funktioniert! Wir schworen uns gleichzeitig, eine derartige Verschwendung von Ressourcen, Kreativität und Herzblut nie mehr zuzulassen.

Mit Hilfe eines Lean-Experten schlossen wir das Projekt in Würde ab, setzten damit in unserem Engineeringteam den Grundstein für „Lean Development“ mit Kanban und JDI (Just Do It) und können uns heute ein Entwickeln ohne diese Philosophie gar nicht mehr vorstellen.

Die Produktion auf die Losgröße „1“ trimmen

Im ersten Quartal 2021 erreichten die Aufträge in unserem EMS-Produktionsbereich glücklicherweise wieder das alte Niveau. Die Bedürfnisse der Kunden haben sich jedoch verändert.

Mitten in der Krisenzeit fertigten wir zusätzlich zu den Serien so viele Prototypen und Neuprodukte in der Losgröße „1“ wie selten zuvor. Das zeigte gut, wie eine Krise zum Nährboden für Innovation werden kann. Diese einmalige Gelegenheit packten wir beim Schopf, schärften die Sägen, verschlankten die Produktionsabläufe und reduzierten den bürokratischen Aufwand auf ein Minimum. Die Rafi Group unterstützte uns mit Fachschulungen, erweiterte das Wissen und steigerte die Kompetenz unserer Produktionsmitarbeiter*innen und stärkte die drei tragenden Säulen „Flexibilität“, „Qualität“ und „Termintreue“ von Schmid Elektronik.

Als Folge durften wir beim jeweiligen Erstprojekt zweier anspruchsvollen Neukunden die Früchte dieser Maßnahmen ernten: vom ersten, gezeichneten Schemasymbol über die Beschaffung und Produktion bis zum programmierten „Hello World“ auf der frisch hergestellten Mixed-Signal-Hardware verstrichen nur fünf Wochen! Angesichts der vielen Unbekannten und Knacknüsse in beiden Projekten hätte das früher drei Monate gedauert. Lean-Ansätze lohnen sich!

Dank MVPs zügig und sparsam zu pfiffigen Produkten

Mit den verbleibenden Ressourcen gilt es nun achtsam und haushälterisch umzugehen. Trotzdem soll der Produktbereich an Innovationskraft zulegen, um die Nase am Markt vorn zu haben.

Um diese gegenteiligen Ziele erreichen zu können, führten wir die unternehmerische Denkweise der Minimum Viable Products (MVPs) ein und erhielten damit Antworten auf zwei drängende Fragen: braucht der Markt mein Produkt überhaupt, und sind die Kunden bereit dafür? Indem Ideen rigoros auf den Prüfstand kommen, sorgen MVPs dafür, dass nicht aus jeder (Schnaps-) Idee gleich ein Produkt gemacht wird. Jedem, der Eigenprodukte im Portfolio hat oder über neue Geschäftsmodelle nachdenkt, ist das Whitepaper: „Minimum Viable Products (MVPs) – eine Idee im Realitätscheck“, zu empfehlen. Es kann kostenlos bei Schmid Elektronik heruntergeladen werden. Die Abenteuerreise „Minimum Viable Products als Superkraft für Produktentwicklung und Geschäftsmodelle“ zeigt aus eigener Erfahrung, wie MVPs der erste Schritt zu einer richtig coolen Innovation werden kann. Vielleicht auch bei Dir?

Starte Dein eigenes kleines Forschungsprojekt!

Normalerweise verlasse ich dreimal im Jahr meinen Schreibtisch für den Shell Eco-Marathon und komme dort als Volontär weltweit mit einer breiten Vielfalt an Menschen in Kontakt. Da zwänge ich mich als Techniker in die Cockpits und Motorräume von Rennfahrzeugen, mache mir beim Prüfen von Spitzentechnologie die Hände schmutzig und unterstütze die Rennteams beim Erreichen höchster Energieeffizienz (links im Bild).

Marco Schmid beim Renneinsatz (links); das Ergebnis: höhere Geschwindigkeit und weniger Energieverbrauch (rechts).
Marco Schmid beim Renneinsatz (links); das Ergebnis: höhere Geschwindigkeit und weniger Energieverbrauch (rechts).
(Bild: Schmid Elektronik)

Als die ganze Welt in die kollektive „Zwangspause“ ging, wurde auch hier ein Rennen um das andere abgesagt. Irgendwann schwenkten wir von physischen auf virtuelle Wettbewerbe um und gaben den Rennteams neue Aufgaben. Eine bestand darin, rein datengetrieben die Geschwindigkeiten zu erhöhen und gleichzeitig den Energieverbrauch zu senken (rechts im Bild).

Die Grundlagen dazu entwickeln sich laufend in meinen Gesprächen mit Henning Butz von Ases (Advanced Systems Engineering Solutions) rund um unser gemeinsames, privates Forschungsprojekt. Da geht es um das Zusammenwirken der Raum- und Zeitdimension mit der Informationsebene und wie aus Daten Muster, Bedeutung, Erkenntnisse und damit neues Wissen gewonnen werden kann. Im konkreten Anwendungsfall wird dieses Ökorennen digital transformiert, die Energieeffizienz gesteigert, saubere Mobilität unterstützt und damit ein konkreter Beitrag zur Energiewende geleistet. Anfangs 2021 wurde Schmid Elektronik offizieller Partner des Shell Eco-Marathon und trat als Schweizer Familien-KMU in die Reihe mit Firmen wie Altair, Dassault Systemés, SolidWorks, HP, Nissan und Microsoft, die ebenfalls Partner dieses Programms sind.

Die Ideen und Konzepte dieses Forschungsprojekts lassen sich auf die Industrie übertragen. Schaue Dir das aus „Daten“, „Information“ und „Wissen“ gebraute Elixier etwas genauer an! Es birgt das Potenzial für zusätzlichen Handlungsspielraum, neue Realitäten, neue Geschäftsmodelle und vielleicht sogar Game-Changer ...

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