Wegen Ukraine-Krieg Nach 170 Jahren: Siemens zieht sich aus Russland zurück

Von Sebastian Gerstl

Seit 1851 hatte Siemens Geschäfte in Russland betrieben. Nun hat der deutsche Konzern nach 170 Jahren angekündigt, als Konsequenz aus dem Ukraine-Krieg seine industriellen Tätigkeiten und Geschäftsaktivitäten im russischen Markt komplett einzustellen – trotz merklicher wirtschaftlicher Belastungen.

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Moskauer Straßenbahn von 1899, umgesetzt mit Siemens-Technologie: Siemens & Halske (S&H) lieferte 1851 erstmals Telegraphenmaterial nach Russland. Aus einer Geschäftsbeziehung, die mit 75 elektrischen Zeigertelegrafen begann, entwickelte sich ein langjähriges, erfolgreiches Engagement - der russische Markt half Siemens nur wenige Jahre nach der Firmengründung über eine Krise hinweg und entwickelte sich zu einem Abnehmer für eine breite Palette von Elektroprodukten. Nach zwei Weltkriegen kehrte Siemens noch während des Kalten Krieges erfolgreich auf den russischen Markt zurück. Am 12. Mai 2022 gab Siemens bekannt, dass sich das Unternehmen als Folge des Ukraine-Krieges aus Russland zurückziehen wird.
Moskauer Straßenbahn von 1899, umgesetzt mit Siemens-Technologie: Siemens & Halske (S&H) lieferte 1851 erstmals Telegraphenmaterial nach Russland. Aus einer Geschäftsbeziehung, die mit 75 elektrischen Zeigertelegrafen begann, entwickelte sich ein langjähriges, erfolgreiches Engagement - der russische Markt half Siemens nur wenige Jahre nach der Firmengründung über eine Krise hinweg und entwickelte sich zu einem Abnehmer für eine breite Palette von Elektroprodukten. Nach zwei Weltkriegen kehrte Siemens noch während des Kalten Krieges erfolgreich auf den russischen Markt zurück. Am 12. Mai 2022 gab Siemens bekannt, dass sich das Unternehmen als Folge des Ukraine-Krieges aus Russland zurückziehen wird.
(Bild: Siemens)

Siemens zieht sich komplett aus Russland zurück. Nachdem der Konzern kurz nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine Neugeschäft und Lieferungen nach Russland und Belarus bereits eingestellt hatte, will er das Land nun komplett verlassen, wie Siemens am Donnerstag mitteilte.

Das drückt auch auf die parallel veröffentlichten Ergebniszahlen für das abgelaufene zweite Geschäftsquartal, in dem Siemens 1,2 Milliarden Euro Gewinn machte. Das ist nur noch halb so viel wie im Vorjahreszeitraum, dennoch bestätigte der Konzern seine Prognose für das laufende Jahr.

Eine schwere, komplexe Entscheidung

Siemens-Chef Roland Busch sprach von einer schweren Entscheidung. Das Unternehmen hat im Jahr 1851 erstmals Geschäftsoperationen in Russland aufgenommen. Seitdem war der Konzern - mit Unterbrechungen nach dem Zweiten Weltkrieg - seit über 170 Jahren im russischen Markt tätig, mit entsprechender langfristiger Verantwortung Kunden und Mitarbeiter. Wie lange die komplette Abwicklung dauern wird, ist daher zunächst offen.

Die umfassenden internationalen Sanktionen und die aktuellen und potenziellen Gegenmaßnahmen wirken sich auf die Geschäftsaktivitäten des Unternehmens in Russland aus - insbesondere auf das Geschäft mit Eisenbahnservice und -wartung. Für Unternehmen, die hauptsächlich im B2B-Geschäft tätig sind, ist die Entscheidung, sich komplett aus einer Region zurückzuziehen, schwieriger zu treffen als für Unternehmen, die Konsumgüter verkaufen. Der Grund: Verträge über die Wartung von Industrieanlagen und Zügen werden über viele Jahre, manchmal Jahrzehnte, abgeschlossen.

Im abgelaufenen Quartal kosten Abschreibungen und andere Belastungen im Zusammenhang mit Russland Siemens rund 600 Millionen Euro Gewinn - vor allem in der Sparte Mobility. In Zukunft könnte noch ein niedriger bis mittlerer dreistelliger Millionenbetrag hinzukommen. Insgesamt hat der Konzern in Russland 3000 Mitarbeiter und generierte dort bisher rund ein Prozent seiner Umsätze.

„Wir prüfen derzeit die Auswirkungen auf unsere Mitarbeiter und werden sie weiterhin nach besten Kräften unterstützen,“ sagte Busch. „Gleichzeitig leisten wir humanitäre Hilfe für unsere Kollegen in der Ukraine und das ukrainische Volk und schließen uns dem Aufruf der internationalen Gemeinschaft zum Frieden an.“

Zum gesunkenen Gewinn trug neben Russland auch bei, dass der Vergleichswert aus dem Vorjahresquartal nach oben verzerrt war. Damals hatte es unter anderem aus dem Verkauf von Flender einen positiven Effekt von rund 900 Millionen Euro gegeben. Andere Kennzahlen legten dagegen kräftig zu: Der Umsatz stieg nominell um 16 Prozent auf 17 Milliarden Euro, der Auftragseingang um 32 Prozent auf knapp 21 Milliarden. Dadurch erreichte der Auftragsbestand den Rekordwert von 94 Milliarden Euro.

Eine lange, auch persönliche Geschichte

Die Gründungszeit des Siemens-Konzerns ist in der Tat sehr eng mit Russland verbunden. 1851 begannen die Geschätsaktivitäten in Russland mit der Lieferung von 75 Telgraphen für die Telegramm-Verbindung zwischen Moskau und St. Petersburg. Nachdem die Anfangsprojekte in Preußen, England und Frankreich schnell ins Stocken gerieten, wurde das Russland-Geschäft schnell sehr wichtig für das damals noch junge Unternehmen. Anfänglich kümmerte sich daher Carl von Siemens, ein Bruder von Werner von Siemens, höchstpersönlich um das dortige Geschäft. Er zog 1853 nach St. Petersburg und wurde 1859 sogar russischer Staatsbürger.

Das Russlandgeschäft sollte das Überleben des Unternehmens in seiner Anfangszeit sichern Während des Krimkriegs (1853-1855) verlegte S&H rund 9.000 Kilometer Telegrafenleitungen, die von der preußischen Grenze über St. Petersburg, Moskau und Kiew bis zum Schwarzen Meer reichten. Das Unternehmen erhielt auch einen langfristigen Vertrag über die Instandhaltung der Leitungen, der ihm ein stabiles Einkommen für zwölf Jahre garantierte. Mitte der 1850er Jahre erwirtschaftete Siemens & Halske nach eigenen Angaben rund 80 Prozent seines Gesamtumsatzes in Russland; zeitweise waren dort zwei Drittel der gesamten Belegschaft beschäftigt. Auch abseits der Elektrotechik war Siemens geschäftlich Russland aktiv und betrieb dort unter anderem ein Glaswerk in St. Petersburg sowie Kupferminen und eine Petroleumraffinerie im Kaukasus.

Das Siemens.Geschäft mit Russland litt in der Folge dann allerdings unter den Weltkriegen: Nach dem 1. Weltkrieg wurden die Siemens-Standorte im Bolschewismus verstaatlicht. Erste Geschäftskontakte wurden gegen Ende der 30er Jahre zwar neu geknüpft und einige Projekte gestartet, aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs wurde davon aber kaum etwas verwirklicht. Ab Mitte der 50er Jahre begann dann das Russland-Geschäft für Siemens wieder Fahrt aufzunehmen; 1971 wurde in Moskau wieder der erste eigene Siemens-Standort in Russland selbst eröffnet.

Trotz der zusätzlichen Belastung wirtschaftlich auf Kurs

Finanzchef Ralph Thomas betonte, es sei eine starke Nachricht, dass Siemens die Belastungen aus Russland kompensieren könne, ohne die eigene Prognose anfassen zu müssen. Darauf sei man stolz.

Auch Konzernchef Busch zeigte sich zufrieden: „In einem extrem schwierigen Umfeld ist unser Geschäft weiterhin stark“, sagte er. Er sehe starke und anhaltende Wachstumstrends in allen Geschäften.

Zum Geschäft mit großen Antrieben (LDA), das Siemens ausgegliedert hat und voraussichtlich verkaufen wird, sagte Thomas, es gebe keinen Grund die grundsätzlichen Überlegungen infrage zu stellen. Die IG Metall hatte zuletzt erneut darauf gedrungen, noch einmal über einen Verbleib beim Konzern nachzudenken. Hintergrund ist die veränderte weltpolitische Lage. LDA mit seinen weltweit rund 7000 Mitarbeitern stellt unter anderem Motoren für den Einsatz in Minen her. Aber auch die Bundeswehr soll für U-Boote zu den Kunden gehören. Allerdings betonte Thomas auch, dass Siemens bei LDA nicht unter Druck stehe - weder zeitlich noch inhaltlich.

An der Börse kamen die Nachrichten von Siemens allerdings schlecht

an: Am Vormittag lag die Aktie mehr als fünf Prozent im Minus. Sie gehörte damit zu den größten Verlierern im Aktienindex DAX. (mit Material von Siemens, Reuters und dpa)

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