Mitentwickler der Künstlichen Intelligenz geehrt

| Redakteur: Katharina Juschkat

Schölkopf erklärt: „Kl ist im Spiel, wenn das Smartphone abgespeicherte Fotos automatisch nach Gesichtern und Themen wie Urlaub gruppiert oder Texte von einer Sprache in eine andere übersetzt.“
Schölkopf erklärt: „Kl ist im Spiel, wenn das Smartphone abgespeicherte Fotos automatisch nach Gesichtern und Themen wie Urlaub gruppiert oder Texte von einer Sprache in eine andere übersetzt.“ (Bild: Körber-Stiftung/Friedrun Reinhold)

Der Mann, der der Künstlichen Intelligenz zum Denken verhalf, wird ausgezeichnet: Bernhard Schölkopf erhält den Körber-Preis für seine mathematischen Verfahren, die die KI, wie wir sie heute kennen, ermöglichen.

Künstliche Intelligenz hat das Potential, unsere Gesellschaft und Arbeitswelt weitgehend zu verändern. Der Physiker Bernhard Schölkopf, der maßgeblich zur Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz beitrug, wird dafür vom Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme mit dem renommierten Körber-Preis ausgezeichnet. Der Preis ist mit einer Millionen Euro dotiert.

Weltweites Renommee erlangte Schölkopf mit sogenannten Support-Vektor-Maschinen (SVM). Dies sind keine Maschinen im klassischen Sinne, sondern raffinierte Algorithmen, mit denen Computer hochkomplizierte KI-Berechnungen schnell und präzise erledigen können.

Fast keiner weiß, was KI eigentlich ist

Obwohl fast alle tagtäglich damit in Kontakt kommen, weiß rund die Hälfte der Deutschen nicht, was unter dem Begriff „Künstliche Intelligenz“ zu verstehen ist. „Kl ist im Spiel, wenn das Smartphone abgespeicherte Fotos automatisch nach Gesichtern und Themen wie Urlaub gruppiert“, erklärt Schölkopf, „oder Texte von einer Sprache in eine andere übersetzt.“

KI erlebt zurzeit einen weltweiten Boom, nicht zuletzt wegen ihrer wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung. USA und China investieren Milliarden in diese Technologie, die weltweit das Arbeitsleben grundlegend verändern dürfte. Bereits vor der Jahrtausendwende sind intelligente Roboter in großem Stil in die Fabriken eingezogen, etwa in der Autoindustrie. Künftig werden intelligente Systeme auch zunehmend Routinearbeiten in Büros übernehmen.

Dem Gehirn nachempfundene neuronale Netze

Die von Schölkopf mitentwickelten Support-Vektor-Maschinen ähneln dem Gehirn nachempfundenen neuronalen Netzen, liefern jedoch bei manchen Aufgaben präzisere Ergebnisse. Darüber hinaus basieren sie auf soliden mathematischen Grundlagen, was ihre Arbeitsweise transparenter macht. SVM müssen anfangs trainiert werden, wie das menschliche Gehirn beim Lernen. Ihre Besonderheit liegt darin, dass ihre Algorithmen saubere Klassifizierungen in mathematischen Räumen höherer Dimension vornehmen, der Computer dies jedoch mit vergleichsweise einfachen und schnellen Berechnungen erledigen kann.

Erste SVM-Systeme aus den 1990er Jahren konnten handgeschriebene Ziffern auf Briefen fast so gut erkennen wie Menschen und waren besser als alle konkurrierenden Systeme. Sie gaben der Informatik auch wegen ihres systematischen mathematischen Ansatzes einen deutlichen Schub. Schölkopf ist heute der am häufigsten zitierte deutsche Informatiker und zählt gemäß dem Forschungsmagazin „Science“ zu den zehn einflussreichsten Computerwissenschaftlern der Welt.

KI robuster gegen Störungen machen

Aktuell erforscht das Schölkopf-Team am MPI Tübingen Algorithmen, die aus Daten auch kausale Zusammenhänge erkennen können. Kausale Inferenz nennt sich diese vielversprechende neue Forschungsrichtung. Ziel ist unter anderem, KI-Systeme robuster gegen Störeinflüsse zu machen. „Wenn in einer geschlossenen Ortschaft ein Tempo-30-Schild so überklebt wurde, dass es wie ein Tempo-120-Schild aussieht, dann muss das KI-System eines selbstfahrenden Autos aus dem Kontext erschließen können, dass dieses Schild zu ignorieren ist“, erklärt Schölkopf.

Schölkopf setzt sich für eine bessere Förderung von KI in Deutschland ein: „Junge Spitzenforscher sollten nicht in die USA gehen müssen, um auf dem höchsten Niveau zu arbeiten.“
Schölkopf setzt sich für eine bessere Förderung von KI in Deutschland ein: „Junge Spitzenforscher sollten nicht in die USA gehen müssen, um auf dem höchsten Niveau zu arbeiten.“ (Bild: Körber-Stiftung/Friedrun Reinhold)

Ein weiteres Anliegen Schölkopfs ist es, Deutschland in der harten internationalen KI-Konkurrenz zu einer Spitzenstellung zu verhelfen. Er ist Mitgründer des „Cyber Valley“ in der Region Stuttgart-Tübingen – eines vom Land Baden-Württemberg geförderten Kompetenzzentrums, das auch führende amerikanische Firmen einbinden konnte. Im Rahmen des geplanten Ellis-Programms (European Laboratory for Learning and Intelligent Systems) will Schölkopf „führende europäische Standorte besser miteinander vernetzen, gemeinsame Programme aufsetzen und Doktoranden ausbilden. Junge Spitzenforscher sollten nicht in die USA gehen müssen, um auf dem höchsten Niveau zu arbeiten.“ Die Mittel des Körber-Preises will Schölkopf unter anderem in seinem Fachgebiet Kausale Inferenz und für Workshops zur Förderung des Ellis-Projekts verwenden.

Der jetzt ausgezeichnete ist ein Pionier dieser neuen industriellen Revolution, die auf Information basiert. Nach dem Studium der Physik, Mathematik und Philosophie in Tübingen und London ging der gebürtige Stuttgarter mit einem Stipendium an die amerikanischen Bell Labs, wo sein späterer Doktorvater Vladimir Vapnik gerade anfing, an SVMs zu forschen. Bereits im Vapnik-Team trug er entscheidend dazu bei, die SVM-Technologie zur Anwendungsreife zu entwickeln. Nach Tätigkeiten in Cambridge, England, und einem New Yorker Biotech-Startup wurde Schölkopf 2001 Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für biologische Kybernetik in Tübingen.

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Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Elektrotechnik.

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