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Mit Ei-Attrappen und GPS-Sendern gegen Schildkröten-Wilderer

| Autor / Redakteur: Alice Lanzke, dpa / Sebastian Gerstl

Fast alle Arten von Meeresschildkröten sind bedroht - auch wegen des Diebstahls von Eiern. Mit Ei-Attrappen ermitteln Forscher die Handelsrouten. Das könnte auch anderen bedrohten Arten helfen.

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Junge Meeresschildkröten an einem Strand in Mittelamerika. Meeresschildkröten sind vom Aussterben bedroht - unter anderem, weil ihre Eier als Delikatesse gelten. Um menschlichen Eierdieben das handwerk legen zu können, haben Wissenschaftler eine Reihe von Ei-Attrappen mit GPS-Sendern versehen - mit eindrucksvollen Ergebnissen.
Junge Meeresschildkröten an einem Strand in Mittelamerika. Meeresschildkröten sind vom Aussterben bedroht - unter anderem, weil ihre Eier als Delikatesse gelten. Um menschlichen Eierdieben das handwerk legen zu können, haben Wissenschaftler eine Reihe von Ei-Attrappen mit GPS-Sendern versehen - mit eindrucksvollen Ergebnissen.
(Bild: Paso Pacifico)

Der illegale Handel mit Eiern von Meeresschildkröten bedroht viele der ohnehin gefährdeten Arten. Um herauszufinden, über welche Routen geschmuggelt wird, haben Wissenschaftler Ei-Attrappen aus dem 3D-Drucker hergestellt und mit GPS-Sendern ausgestattet. Die Fake-Eier legten sie dann in Schildkrötennester an Stränden in Costa Rica. Die Methode war nicht nur erfolgreich, sondern schadete auch den echten Eiern nicht, wie die Forscher im Fachblatt „Current Biology“ berichten. Sie hoffen, dass die Technologie in weiteren Ländern zum Einsatz kommt und für andere bedrohte Tierarten weiterentwickelt wird.

Eier als Delikatesse – Wilderer bedrohen Schildkrötenbestand

Meeresschildkröten (Cheloniidae) gehören zu den ältesten weltweit lebenden Reptilien. Die Familie besteht aus sieben Arten, deren Individuen als Einzelgänger in den Ozeanen leben. Lediglich zur Paarung finden sich die Tiere zusammen, danach reisen die Weibchen zu ihrem Geburtsstrand, wo sie 50 bis 200 Eier in eine Sandgrube legen.

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Die Eier gelten vielerorts als Delikatesse, was die Nester zum Ziel von Wilderern macht – obwohl sechs der sieben Arten von der Weltnaturschutzunion (IUCN) auf der Roten Liste der bedrohten Arten geführt werden und durch das Washingtoner Artenschutzabkommen (Cites) vom internationalen Handel ausgeschlossen sind.

Vor allem in Ländern Asiens, aber auch in Mittelamerika werden die Eier auf Märkten, in Restaurants oder Bars angeboten. Um die Routen dorthin zu klären, arbeitet die Umweltorganisation Paso Pacifico seit 2016 an Ei-Attrappen aus dem 3D-Drucker, die mit GPS-Sendern ausgestattet sind. Die Attrappen nennen sie „InvestEGGator“ - eine Kombination der englischen Wörter für Ei (Egg) und Ermittler (Investigator).

Inspiriert von „Breaking Bad“ und „The Wire“

Die Idee stammt aus den beiden Serien „Breaking Bad„ und „The Wire“, in denen es um illegalen Drogenhandel geht. „In "Breaking Bad" bringt die Drogenbehörde ein GPS-Ortungsgerät an einem Tank mit Chemikalien an, um zu sehen, wer die Chemikalien erhält“, erläutert Ko-Autorin Kim Williams-Guillen in einer Mitteilung der Zeitschrift. „In einer Episode von "The Wire" platzieren zwei Polizisten ein Audiogerät in einem Tennisball, um heimlich einen mutmaßlichen Drogenhändler aufzunehmen. Schildkröteneier sehen im Grunde wie Tischtennisbälle aus, und wir wollten wissen, wo sie hinkommen. Bringen Sie diese beiden Ideen zusammen, und Sie haben den InvestEGGator“.

Präzise Ergebnisse

Das Team um Erstautorin Helen Pheasey von der University of Kent untersuchte nun, wie gut die täuschend echt wirkenden Eier funktionieren. Dafür platzierte es Attrappen in gut 100 Nestern an vier Stränden Costa Ricas. Ein Viertel der Fake-Eier wurde illegal aus den Nestern entnommen, so dass das Team ihren Weg verfolgen konnte.

Das Ergebnis: Eines der Eier gelangte in die Nähe eines Wohngebiets, bevor das GPS-Signal verstummte, ein anderes landete in einer Bar zwei Kilometer vom Herkunftsstrand entfernt. Die weiteste Reise legte eine Attrappe zurück, die 137 Kilometer landeinwärts zur Laderampe eines Supermarktes und dann weiter zu einem Wohnhaus verfolgt wurde.

Im kuriosesten Fall wurde der Köder in der Nähe der Stadt Cariari enttarnt, 43 Kilometer vom Ursprungsstrand entfernt. Den Abnehmern war möglicherweise zunächst nicht bewusst, dass sie Eier einer geschützten Art gekauft hatten: „Nach elf Tagen erhielten wir Fotos, die aus Cariari gesendet wurden und das sezierte Ei zeigten“, schreibt das Team. Zusammen mit den Bildern bekamen sie Informationen dazu, wo das Ei erworben wurde und wie viele Eier insgesamt verkauft wurden.

Die Mehrheit der gestohlenen Eier verblieb also in der Region. Das bestätigt den Verdacht, dass der größte Teil illegalen Handels - zumindest in Mittelamerika - in der Nähe der Niststrände ablaufe: „Wir können uns nun darauf konzentrieren, das Bewusstsein in den lokalen Gemeinden zu schärfen und die Strafverfolgung auf dieses örtliche Problem auszurichten. Wir wissen auch, wo die Verbraucher sind, was uns dabei hilft, Kampagnen zur Reduzierung der Nachfrage zu entwickeln“.

Nicht die Diebe, sondern die Händler sind interessant

Insgesamt gehe es nicht vorrangig darum, die Eier-Diebe zu finden. Das sei zum Großteil schon bekannt, betont Pheasey. Vielmehr sei mit Blick auf die Strafverfolgung entscheidend, wer mit den Eiern handele. Das mache die Attrappen zu einem wichtigen Werkzeug, das allerdings Teil eines mehrgleisigen Ansatzes aus Aufklärung, Schaffung von Wirtschaftsmöglichkeiten und der Durchsetzung von Vorschriften sein müsse.

„Unsere Studie hat gezeigt, dass das Legen eines Köders in ein Schildkrötennest die Embryonen nicht schädigt und dass die Köder funktionieren“, fasst Pheasey zusammen. „Es ist möglich, illegal entnommene Eier vom Strand bis zum Endverbraucher zurückzuverfolgen“.

Das Team hofft, dass die Technologie auch für Meeresschildkröten in anderen Ländern genutzt wird. Zudem könne man sie weiterentwickeln, um etwa dem illegalen Handel mit Haiflossen und Papageien-Eiern auf die Spur zu kommen.

(ID:46905826)