Augmentierte Handbücher Mit AR-Brillen den Umgang mit Maschinen erlernen

Von Rahel Künzler, ETH Zürich

Das Start-up Rimon entwickelt virtuelle Bedienungsanleitungen für Industrieunternehmen. Via AR-​Brille lernen Nutzer:innen schnell und intuitiv, wie man komplexe Maschinen bedient.

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Absolventen der ETH Zürich wollen die Bedienungsanleitung neu erfinden: das Tech-Startup Rimon entwickelt AR-Brillen und zugehörige Software, mit denen Nutzer:innen schnell und intuitiv den Umgang mit komplexen, industriellen Maschinen erlernen.
Absolventen der ETH Zürich wollen die Bedienungsanleitung neu erfinden: das Tech-Startup Rimon entwickelt AR-Brillen und zugehörige Software, mit denen Nutzer:innen schnell und intuitiv den Umgang mit komplexen, industriellen Maschinen erlernen.
(Bild: Annick Ramp, ETH Zürich)

Drei Sachen haben David Shapira und Kordian Caplazi gemeinsam: Sie sind jung, sie haben einen ETH-​Abschluss in der Tasche und sie wussten schon vor dem Studium, dass sie sich selbständig machen möchten. Den Traum der eigenen Firma haben sie sich mit der Gründung von Rimon Technologies im August 2020 erfüllt. Das Start-up ist so erfolgreich, dass im vergangenen Jahr bereits vier weitere Mitglieder zum Team gestoßen sind.

Rimon entwickelt virtuelle Bedienungsanleitungen für Industrieunternehmen. Diese sollen Techniker:innen unterstützen, wenn sie ein neues Gerät in Betrieb nehmen oder es reparieren müssen. Statt sich mühsam ins Handbuch einzulesen, tragen die Nutzer:innen eine Augmented-​Reality-Brille, die sie schrittweise durch komplexe Anleitungen führt. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort beliefert sie die Brille mit den nötigen Informationen.

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Augmented Reality, zu Deutsch erweiterte Realität, ist nicht zu verwechseln mit der Virtual Reality. Wer VR-​Anwendungen nutzt, taucht komplett in eine virtuelle Welt ein. Dagegen gibt die AR-​Brille einen freien Blick auf die reale Umgebung und überlagert diese mit holografischen Elementen. Im Falle der virtuellen Bedienungsanleitung projiziert die Brille Erklärvideos, interaktive Textfelder oder auch das 3D-​Modell einer Maschine in das Sichtfeld.

Aus dem Forschungslabor in die Industrie

„Was wir genau machen, verstehen unsere Kundinnen und Kunden oftmals erst, wenn wir ihnen eine AR-​Brille aufsetzen“, sagt Shapira und lacht. Gut geeignet für solche Demos sei der sogenannte „Coffee Case“, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Kaffeezubereitung mit einer Barista Maschine. Der 29-​Jährige hat die Anleitung ursprünglich als Semesterarbeit entwickelt – das war Anfang 2019.

In einer Wahlvorlesung im Maschinenbaustudium hatte Shapira die AR-​Technologie und deren Anwendungsmöglichkeiten erst richtig kennengelernt. „Mich faszinierte, wie sich durch die AR-​Brille Informationen anders darstellen lassen“, erzählt er. Caplazi, der die Vorlesung ebenfalls besuchte, ergänzt: „Weil es eine junge Technologie ist, gab es viel Spielraum für neue Ideen.“ Beiden wurde schnell klar, dass sie sich in der Masterarbeit tiefer mit AR auseinandersetzen wollen.

Ein glücklicher Zufall verhalf Shapira zu seinem Projekt: Der technische Direktor des Schliesstechnikunternehmens Dormakaba besucht die Maschinenbaulabors an der ETH und kommt mit dem Masterstudenten ins Gespräch. Shapira erzählt von möglichen AR-​Anwendungen, die er für das Industrieunternehmen sieht. Er überzeugt. In einer praktischen Studie soll er das Potenzial der neuen Technologie im Betrieb von Dormakaba aufzeigen.

Corona-Notlösung entpuppt sich als Erfolg

Für seine Studie entwirft Shapira eine virtuelle Bedienungsanleitung, die durch die Montage einer Sicherheitsschleuse für Geschäftsgebäude führt. „Die Schleuse hat sich als Fallbeispiel gut geeignet, weil sie zu dieser Zeit nur selten installiert wurde“, erklärt er. Servicetechniker:innen für diese Arbeit zu schulen, sei entsprechend aufwändig. Der Plan war, die Performance der Techniker:innen nach klassischer Schulung und mit Anleitung durch die AR-Brille zu vergleichen.

Doch wie bei so vielen Praxisarbeiten macht Corona auch hier einen Strich durch die Rechnung. Die geplante Studie mit den Industrieangestellten darf Shapira im Lockdown nicht durchführen. Die Notlösung: Maschinenbaustudierende. Ohne Vorwissen zur Sicherheitsschleuse oder dem Umgang mit der 3D-​Brille gelingt die Montage sämtlichen Studierenden ohne Fehler. „Das hätte ich nie erwartet“, so Shapira.

Zur gleichen Zeit untersucht sein Kommilitone Caplazi in seiner Masterarbeit, wie sich anhand von Hand-​ und Augenbewegungen die nächste Handlung der AR-Nutzer:innen vorhersagen lässt. So können diese frühzeitig vor Gefahrensituationen gewarnt werden. Shapira und Caplazi tauschen sich gegenseitig aus, experimentieren in der Freizeit fleißig weiter. Immer mehr sind die beiden überzeugt: AR-Anleitungen sind ein vielversprechendes Geschäftsfeld. Im August 2020 ist es so weit: Sie gründen eine GmbH.

Kundenpalette des Start-Ups ist divers

Heute arbeitet ein sechsköpfiges Team daran, die AR-Anleitungen weiterzuentwickeln. Zwei Mitarbeitende konzentrieren sich nur aufs Programmieren, eine Designerin kümmert sich um den optischen Look. Ziel ist, eine Programmoberfläche zu gestalten, welche Nutzer:innen möglichst intuitiv durch den Prozess führt. „Anders als bei Social-Media-Apps gibt es für AR-Anleitungen noch kein Vorzeigebeispiel“, so Caplazi.

Die Kundenplatte des Startups ist divers: Firmen aus der Heiztechnik, der Energietechnik oder sogar Küchenunternehmen sind vertreten, darunter internationale Unternehmen und kleine KMUs. Auf Projektbases arbeitet Rimon eng mit den Industrievertreter:innen zusammen, um die geeignete Anwendung für jedes Unternehmen zu finden. „In der Praxis zeigt sich, dass die Unternehmen oftmals ähnliche Bedürfnisse haben“, sagt Roder.

Wissenschaftliche Erkenntnisse haben wir genug. Jetzt geht es darum, nützliche Anwendungen zu finden.

Der studierte Lebensmitteltechnologe, der Erfahrungen aus einem früheren Start-up mitbringt, ist vor allem im Verkauf tätig. Wie wahrscheinlich viele habe er sich nach dem Studienabschluss zuerst überlegt, ein Doktorat anzuhängen, erzählt der 28-​Jährige. Im Bereich der Augmented Reality war für Roder jedoch schnell klar: „Wissenschaftliche Erkenntnisse haben wir genug. Jetzt geht es darum, nützliche Anwendungen zu finden.“

Einen Mehrwert bringen AR-Anleitungen besonders für Auslandsaufträge und Schulungen, welche die Pandemie zusätzlich erschwert. Fällt eine Maschine bei einem Kunden im Ausland aus, kann die Firma statt einem Techniker die AR-Brille als Hilfsmittel schicken. Sie bietet dadurch nicht nur einen schnelleren Service, sondern kann auch Kosten sparen. Schulungen können nun ortsunabhängig oder nur für individuelle Mitarbeitende durchgeführt werden.

Technologie entwickelt sich rasant weiter

Gerade beschäftigt Rimon ein Projekt mit einem Heiztechnikunternehmen, bei dem das Potenzial der AR-Brille als Schulungswerkzeug besonders groß ist. Der Umstieg auf erneuerbare Energien und Heizsysteme bedeutet nämlich, dass das Unternehmen in kurzer Zeit große Teile der Belegschaft umschulen muss. „70 Prozent der Servicetechniker:innen wurden für die Arbeit mit fossilen Heizungen ausgebildet“, erklärt Caplazi. Die AR-Anleitungen helfen dem Unternehmen, beim technologischen Wandel mitzuhalten.

Die Konkurrenz von Rimon ist groß. Auch Tech-Giganten wie Microsoft tüfteln an AR-Anleitungen für diverse Zwecke. „Die ganze Industrie probiert im Moment aus, welche AR-Anwendungen funktionieren“, so Roder. Derzeit konzentriert sich das ETH-Startup daher auf Lösungen für die Maschinenbaubranche, wo die beiden Firmengründer bereits viel Expertise mitbringen. Als Nächstes planen die Jungunternehmer:innen, eine Self-Service-Plattform zu lancieren, die es Firmen ermöglichen soll, selbstständig AR-Anleitungen zu erstellen.

Originalveröffentlichung auf ETH News vom 18.02.2022.

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