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Missglückte Tech-Investitionen bescheren ARM-Eigner Softbank Milliardenverluste

| Autor: Sebastian Gerstl

Mit einem 100 Milliarden US-$ schweren Tech-Investitionsfonds, zu dem auch der 2016 erfolgte Kauf von ARM zählt, wollte der japanische Softbank-Konzern „Dominanz im IoT“ anstreben. Vier Jahre später scheint diese Strategie missglückt: Der „Vision Fund“, zu dem ARM zählt, meldet über 18 Milliarden US-$ Verlust.

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Masayoshi Son, Gründer des japanischen Technologiekonzerns Softbank. Der von Son geführte Mischkonzern Softbank sowie der von Softbank initiierte Tech-Inverstmentfonds Vision Fund haben Verluste in Milliardenhöhe zu verzeichnen. Um unzufriedene Investoren zu besänftigen, will Son nun Softbank-Beteiligungen im Wert von 41 Milliarden US-$ verkaufen. Für Prozessor-Tochter ARM sieht Son hingegen eine große Zukunft.
Masayoshi Son, Gründer des japanischen Technologiekonzerns Softbank. Der von Son geführte Mischkonzern Softbank sowie der von Softbank initiierte Tech-Inverstmentfonds Vision Fund haben Verluste in Milliardenhöhe zu verzeichnen. Um unzufriedene Investoren zu besänftigen, will Son nun Softbank-Beteiligungen im Wert von 41 Milliarden US-$ verkaufen. Für Prozessor-Tochter ARM sieht Son hingegen eine große Zukunft.
(Bild: kyodo/dpa )

„IoT wird der größte Paradigmenwechsel in der menschlichen Geschichte darstellen, und wir haben stets in den Anfang eines jeden Paradigmenwechsels investiert,“ hatte Masayoshi Son, Gründer und CEO von Softbank, noch im Juli 2016 erklärt. Damals hatte der breit aufgestellte japanische Konzern gerade angekündigt, den britischen Prozessorhersteller ARM für 28,7 Milliarden Euro bzw. 32 Milliarden US-$ vollständig zu übernehmen. Gleichzeitig wurden große Pläne verkündet: Die nächsten fünf Jahre, so Son, seien geprägt von der rasanten Entwicklung des Internets der Dinge (Internet of Things, IoT).

ARM ist Teil von Softbanks „Vision Fund“, einem 100 Milliarden US-$ schwerer Tech-Investitionsfonds, der durch Beteiligung an vielversprechenden Startups die Technologiepräsenz des Softbank-Konzerns in aufstrebenden Tech-Bereichen wie IoT, künstlicher Intelligenz oder New Work befördern sollte. Dieser Fonds wurde auch unter starker Beteiligung saudi-arabischer Investoren ermöglicht.

Jahrelang saß das Geld locker, nun kommt die Quittung

Doch die derzeitige Zwischenbilanz im Jahr 2020 sieht ernüchternd aus. Schon vor der Coronakrise sah der Kurs des Mischkonzerns nicht gut aus. Doch die Pandemie trieb den Wertverlust weiter massiv voran: Unter dem Strich stand im vergangenen Geschäftsjahr (Ende März) für die Aktionäre ein Verlust von 962 Milliarden japanischen Yen und damit umgerechnet rund 8,3 Milliarden Euro, wie Softbank am Montag anlässlich der Hauptversammlung in Tokio mitteilte.

Softbank-Chef und Tech-Mogul Masayoshi Son hatte vor allem für den Tech-Investitionsfonds „Vision Fund“ hohe Verluste angekündigt. Diese beliefen sich nun auf 1,9 Billionen Yen – rund 16,4 Milliarden Euro oder 18 Milliarden US-$.

Das Geld saß in den letzten Jahren bei Softbank sehr locker – offenbar etwas zu locker. Symptomatisch ist etwa die Beteiligung am New-Work-Startup WeWork: Im Oktober 2019 ließ sich Softbank die Übernahme von WeWork satte 10 Milliarden US-$ kosten – eine Summe, die Marktbeobachter schon zu diesem Zeitpunkt für überbewertet hielten. Nun steht WeWork vor dem Konkurs – und der Aufsichtsrat des Startups verklagt den japanischen Dachkonzern wegen des Ausbleibens eines Rettungspakets von weiteren drei Milliarden US-$, das angeblich bereits zugesichert gewesen war.

Auch mit der Beteiligung am Fahrdienst-Vermittler Uber hat sich Softbank schwer verzockt: Über eine Milliarde US-$ hatte Softbank im April 2019 in das Unternehmen investiert, sowohl in eigenen Mitteln als auch aus dem Vision Fund, und auch in der Folgezeit weitere Gelder in das Startup gepumpt. Im April 2020 lag der Aktienkurs von Uber um 80% unter dem des Vorjahrs – das Unternehmen musste über 3000 Angestellte entlassen.

Die ARM-Übernahme stand auch unter keinem guten Stern: Kurz nachdem Softbank 2016 die Halbleiter-Designfirma für 28,7 Milliarden Euro gekauft hatte, geriet das Umsatzwachstum aufgrund des gesättigten Smartphone-Markts ins Stocken. Das Unternehmen konnte zwar ein Wachstum bei kleineren, billigeren Chips für IoT-Geräte verzeichnen, und für 2019 wurde sogar ein Rekordwert an 6,4 Milliarden gelieferten Einheiten gemeldet. Dieser Umsatz war allerdings nicht genug, um das Gesamtwachstum wieder anzukurbeln, schätzt IDC-Analyst Mario Morales.

Erst 2018 hatte Softbank einen 25%-igen Anteil an ARM für schätzungsweise 8 Milliarden US-$ wieder abgestoßen. ARM war zudem das Unternehmen aus dem Vision Fund, das die Mitarbeiter des Vision Fund bei ihren Schätzungen im vergangenen Sommer – noch vor Corona – am pessimistischsten eingeschätzt hatten. Der Fonds hält ein Viertel der ARM-Aktien von Softbank, deren Wert nach ihren Schätzungen innerhalb von 10 Jahren um 25% sinken würde.

Wenige „geflügelte Einhörner“ sollen zur Rettung fliegen

Jetzt sieht sich Softbank-CEO Son Kritik von allen Seiten ausgesetzt. Investoren, Partner und führende Angestellte von akquirierten Unternehmen ziehen den 62-jährigen zur Rechenschaft. Dieser versuchte angesichts der Verkündung der desaströsen Geschäftszahlen vergangenen Montag noch zu beschwichtigen. Eine „kleinere Zahl an Tech-Unternehmen“ in die man investiert habe, würden die Krise erfolgreich durchstehen und alleine in Kürze vom Umsatz bereits 90% des Portfolio-Werts ausmachen. Er begleitete diese Ankündigung während seiner Präsentation mit einer Grafik, die mehrere Einhörner zeigt, die in ein tiefes Loch stürzten, während ein einzelnes geflügeltes Einhorn davonflog.

Welche aus den 88 im Vision Fund vertretenen oder in den letzten Jahren von Softbank übernommenen Unternehmen diese erfolgreichen Heilsbringer sein sollen, darüber verlor Son wenige Andeutungen. Laut seiner Einschätzung dürften 15 Unternehmen aus dem Fund pleite gehen, 60 weitere zumindest ihren Wert halten. Damit blieben 13 „geflügelte Einhörner", die das Portfolio ausbügeln sollen, deren Namen oder Branchen allerdings nicht genannt wurden.

Analysten sehen diese Behauptung ohnehin sehr kritisch. Denn Sons These, dass eine kleine Anzahl von Treffern andere Misserfolge ausgleichen kann, wird typischerweise auf Investitionen in der Frühphase angewandt, da hier ein größeres Wachstumspotential besteht. Der Vision Fund hat sich jedoch auf Startups in der Spätphase konzentriert, was die Chancen auf einen großen Auftrieb eher gering hält.

Nun steht Softbank weitgehend isoliert da: Die Saudischen Investoren sind verprellt und weigern sich, zusätzliche Gelder für den gemeinsamen Fonds locker zu machen. Alibaba-Gründer Jack Ma, einer der reichsten Männer Chinas und ein langjähriger Wegbegleiter Sons, hat derweil angekündigt, sich aus dem Verwaltungsrat der Japaner zurückzuziehen.

Anteile an T-Mobile US sollen an Deutsche Telekom verkauft werden

Softbank selbst will nun in großem Stil Anteile im Wert von rund 41 Milliarden US-$ abstoßen, um mit dem Geld seine Schulden zu senken und Aktien zurückzukaufen. So will der Konzern etwa Alibaba-Anteile im Milliardenwert abstoßen. Die Alibaba-Beteiligung gilt als Tafelsilber bei Softbank, weil sie am Markt mehr wert ist als Softbank selbst.

Einem Bericht des Wall Street Journal zufolge will Softbank außerdem noch in dieser Woche den Verkauf eines milliardenschweren Pakets von T-Mobile-US-Aktien auf den Weg bringen. Da diese Anteile allerdings eigentlich einer Haltefrist von vier Jahren unterliegen, hat der japanische Konzern zu diesem Zweck Gespräche mit der Deutschen Telekom aufgenommen. Bei dem Deal soll die Deutsche Telekom einen Teil der Papiere des gerade mit dem kleineren US-Rivalen Sprint fusionierten Mobilfunkunternehmens T-Mobile US bekommen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg am Dienstag unter Berufung auf mit den Plänen vertraute Personen berichtete. Wie es in der „Financial Times“ (FT) zudem hieß, will Softbank insgesamt T-Mobile-Anteile im Wert von bis zu 20 Milliarden US-Dollar loswerden. T-Mobile US ist an der Börse derzeit rund 126 Milliarden US-$ (116 Mrd. Euro) wert. Ohne Zustimmung der Deutschen Telekom kann Softbank aber seine Anteile nicht veräußern.

Die Geschäftsanteile an Alibaba und T-Mobile US stellen eigentlich Sicherheitsreserven dar. Sowohl Alibaba als auch T-Mobile US sind von der Coronakrise weitgehend unberührt geblieben und stehen stark in ihren Märkten.

Ist ARM ein Rettungsanker?

An ARM will Softbank allerdings definitiv festhalten. Der japanische Konzern bewertet den Wert der 75% Anteile, die noch an der britischen Konzernschmiede gehalten werden, auf 25 Milliarden US-$. Laut Son stelle ARM einen der wichtigsten Bestandteile des Vision Funds dar. Im IoT-Bereich seien die Chiplieferungen schließlich beständig gewachsen, meinte der Softbank-CEO – und lehnte sich dann doch mit einer Geschäftsprognose weit aus dem Fenster. Denn auch wenn der Smartphone-Markt gesättigt sei, bestünde die Zukunft ARMs nicht im Embedded-Markt, sondern im Cloud- und Rechenzentrumsgeschäft: „In Zukunft werden ARM-Chips mehr und mehr von Amazon verwendet werden – tatsächlich nicht nur von Amazon AWS, sondern auch von Microsoft Azure, VMware und auch NVIDIA.“ sagte Son angesichts Quartalsberichts vergangenen Montag. Immer mehr globale Unternehmen würden ARM-basierte Chips für ihre Cloud-Server verwenden, und dies sei ein weltweiter Trend. Mehr und mehr Unternehmen in diesen Bereichen würden künftig ARM-Prozessoren gegenüber Intel-Chips bevorzugen. „Ich habe größtes Vertrauen in das Wachstum von ARM,“ bekräftigte Son.

Einige Analysten mutmaßen, dass Softbank in näherer Zukunft – womöglich innerhalb der nächsten fünf Jahre – einen separaten Börsengang ARMs planen könnte, berichtet Business Insider. Ein solcher Börsengang dürfte sicherlich dringend benötigtes Geld in die Kassen spülen. Damit dies aber möglich ist, braucht Softbank erst einmal wieder verlässliche Barreserven: Der Konzern müsste alleine 3 Milliarden US-$ pro Jahr an Aktienkapital-Dividende bereitstellen können.

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 Sebastian Gerstl

Sebastian Gerstl

Redakteur, ELEKTRONIKPRAXIS