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Milliardenverlust bei Continental: Neuer Schwerpunkt Sensorik, Elektronik und Software

| Autor / Redakteur: dpa / Julia Schmidt

Dass es 2019 abwärts gehen würde, war bei Continental schon relativ früh klar. Eine wichtige Rolle spielten Spätfolgen früherer Zukäufe. Nun kommt aber noch die geschwächte Autokonjunktur dazu – und auch das neue Coronavirus erhöht die Unsicherheit.

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Continental-Mitarbeiter überprüfen eine Platine für ein Fahrzeug-Steuergerät in der Elektronikfertigung im Werk von Continental. Das Unternehmen will radikal umbauen und den Schwerpunkt auf Sensorik, Elektronik und Software ausrichten.
Continental-Mitarbeiter überprüfen eine Platine für ein Fahrzeug-Steuergerät in der Elektronikfertigung im Werk von Continental. Das Unternehmen will radikal umbauen und den Schwerpunkt auf Sensorik, Elektronik und Software ausrichten.
(Bild: Armin Weigel/dpa)

Der weltweite Auto-Abschwung, der Umbruch der Branche und die Risiken der Coronavirus-Epidemie lassen Continental mit großer Sorge ins neue Geschäftsjahr blicken. Der Dax-Konzern aus Hannover meldete am Donnerstag (5.3.) einen Milliardenverlust für 2019 – gleichzeitig muss er sich auf weitere schwierige Monate einstellen. „Die Autoindustrie durchlebt derzeit einen der heftigsten Stürme“, sagte Vorstandschef Elmar Degenhart zur Vorstellung der vorläufigen Bilanz. „Die Auswirkungen werden uns noch lange beschäftigen.“

Im vergangenen Jahr fiel bei dem Autozulieferer unterm Strich ein Fehlbetrag von mehr als 1,2 Milliarden Euro an, nachdem er 2018 noch knapp 2,9 Milliarden Euro verdient hatte. Conti hatte im vergangenen Herbst Abschreibungen in Milliardenhöhe angekündigt, die vor allem das Geschäft mit Innenausstattungen von Autos betrafen. Außerdem wird die Bilanz durch Kosten für Restrukturierungen belastet, mit denen sich Conti gegen die Autokrise stemmt.

Aktie auf dem tiefsten Stand seit 7 Jahren

„Das Geschäftsjahr ist für uns absolut nicht zufriedenstellend verlaufen“, räumte Finanzvorstand Wolfgang Schäfer mit Blick auf schwache Verkäufe von Autoherstellern in vielen Ländern ein. Daneben habe es „erhebliche zusätzliche Sondereffekte“ gegeben - darunter eine bereits berichtete Milliarden-Wertberichtigung früherer Zukäufe. „Insgesamt wird das wirtschaftliche Umfeld 2020 sehr herausfordernd bleiben“, meinte Schäfer.

Die Conti-Aktie sackte auf den tiefsten Stand seit etwa sieben Jahren ab, zwischenzeitlich verlor sie am Donnerstagvormittag über 12 Prozent. Das belastete auch die Kurse anderer Zulieferer wie Schaeffler oder Hella. Denn Continental stellt sich 2020 auf eine nochmals verringerte Gewinnspanne im laufenden Geschäft ein.

Schon 2019 lief es bestenfalls durchwachsen. Zwar kam der Konzern bezogen auf den Gesamtmarkt noch relativ glimpflich davon: Der Umsatz legte leicht um 0,2 Prozent auf 44,5 Milliarden Euro zu. Schätzungen zufolge sank die globale Autoproduktion um etwa 6 Prozent - die aus eigener Kraft erzielten Erlöse gingen bei Conti nur um 2,6 Prozent zurück. Bereinigt vor allem um Abschreibungen betrug das operative Ergebnis 3,2 Milliarden Euro, ein Minus von gut einem Fünftel. Die Mitarbeiter sollen eine Sonderzahlung erhalten, die Dividende für die Aktionäre soll von 4,75 Euro auf 4 Euro sinken.

Aber der Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern rutschte von 4 Milliarden auf minus 268 Millionen Euro ab. Und der Ausblick lässt wenig Gutes erahnen – unter anderem erhöhen die möglichen Folgen des neuen Coronavirus die Risiken für Nachfrage und Produktion. „Wir sehen es bereits an den Fieberkurven der Börsen: Das wirtschaftliche Klima ist ebenfalls von dem Virus befallen“, warnte Degenhart.

Größerer Schwerpunkt auf Sensorik, Elektronik und Software

Während Conti 2020 mit einer Abnahme der globalen Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen um 2 bis 5 Prozent kalkuliert, werden allein für China – das Ursprungsland des Erregers – 5 Millionen weniger produzierte Autos erwartet als noch 2017. Beim Großkunden VW hieß es, die Lage entspanne sich. „Aber wir fahren auch auf Sicht.“

Degenhart will nun noch stärker auf Sparen setzen. „Es ist gerade mal fünf Monate her, dass wir dachten, wir gehen tief genug“, sagte er. Heute müsse man erkennen, dass weitere Maßnahmen nötig seien. Continental hatte bereits das Umbauprogramm „Transformation 2019-2029“ aufgelegt. Damit will Degenhart Conti stärker auf Sensorik, Elektronik und Software ausrichten, alte Felder wie Hydraulik werden heruntergefahren. Vor dem Hintergrund der angespannten Lage würden nun „zusätzliche Maßnahmen geprüft“, hieß es. Bis zum Mai will Conti sich mit den weiteren Plänen Zeit geben.

Möglichst viele Mitarbeiter sollen weiterqualifiziert werden, es könnte jedoch auch zu einem empfindlichen Personalabbau kommen. Bis 2023 dürfte es bei Continental im Rahmen der bisherigen Pläne weltweit für 15 000 Arbeitsplätze „Veränderungen“ geben. Degenhart sagte, etwa 1000 Beschäftigte seien bereits von Kürzungen betroffen – diese seien in der Summe von 1768 enthalten, um die die Zahl der Mitarbeiter bis Ende 2019 zurückging.

„Im Extremfall können wir auch betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen“, bekräftigte Degenhart. Er stellte klar, dies sei jedoch „die letzte drastische Maßnahme, die vorstellbar ist“. Conti bewerte die Wettbewerbsfähigkeit jedes Standorts. Zu Verhandlungen mit örtlichen Betriebsräten nannte der Vorstandschef keine Details: „Wir machen guten Fortschritt und sind in konstruktiven Gesprächen. Und wir versuchen, verträgliche Vereinbarungen zu finden, den Mitarbeitern wo immer möglich Alternativen zu bieten.“

Gewerkschafter sehen den Umbau kritisch – einige werfen dem Vorstand ein zu radikales Umsteuern vor. Skeptisch sieht mancher auch die Abspaltung der Antriebssparte. Für das künftige Unternehmen Vitesco nannte Schäfer Bestellungen im Wert von 1,8 Milliarden Euro für das E-Geschäft. In der zweiten Jahreshälfte soll der „Spin-off“ kommen.

Seit 2017 sei der weltweite Produktionsrückgang von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen nun so stark wie in der Finanz- und Wirtschaftskrise vor gut zehn Jahren, sagte Degenhart. Anders als 2009 stehe Conti aber „bilanziell auf einem soliden Fundament“, betonte Schäfer. So seien auch die Investitionen zwischen 2018 und 2019 von 6,3 auf 6,7 Milliarden Euro geklettert. (dpa)

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