Microsoft gibt sich Spielregeln für KI

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

Das Innenleben von Bots ist relativ einfach strukturiert, erklärt hier Manuela Rink, CSE-zertifizierte Softwareingenieurin bei Microsoft.
Das Innenleben von Bots ist relativ einfach strukturiert, erklärt hier Manuela Rink, CSE-zertifizierte Softwareingenieurin bei Microsoft. (Bild: Rüdiger)

Wie soll die Künstliche Intelligenz (KI) der Zukunft gestaltet werden, damit sie dem Menschen dient? Mit dieser Frage beschäftigte sich kürzlich eine Veranstaltung von Microsoft. Das Unternehmen hat sich selbst bereits einige Leitlinien gegeben.

„Wir sehen KI als eine Technologie, die die menschlichen Fähigkeiten im Sehen, Hören, Analysieren, Entscheiden und Handeln ergänzen und stärken kann.“ So definierte Oliver Gürtler, Senior Director der Cloud & Enterprise Business Group bei Microsoft Deutschland, die Haltung des Softwareunternehmens zur KI. Es gebe zwar Risiken, die zu berücksichtigen seien, die Chancen überwögen aber. Alle Microsoft-Produkte würden nach und nach mit intelligenten Funktionen ausgestattet – ein Beispiel dafür sei der neue SQL Server.

„Es geht nicht darum, was ein Computer kann, sondern was ein Computer können sollte“, so zitierte Gürtler ein jüngst von seinem Unternehmen herausgegebenes Buch „The Future Computed“ [PDF], das umreißt, wie sich Microsoft KI vorstellt. Gemeinsam mit den Großen der neuen IT-Welt arbeitet man an den Regeln für die Zukunft der intelligent vernetzten Welt.

Anders als bei eher futuristisch und manchmal ziemlich gruselig anmutenden Konzepten, wie sie derzeit die Masterminds von Google, Facebook oder auch Amazon publizieren, kommt Microsoft etwas bescheidener daher: Es gehe darum, den Menschen in den Mittelpunkt der Technikentwicklung zu setzen beziehungsweise dort zu belassen. Sein Unternehmen, so Gürtler weiter, messe die eigenen KI-Implementierungen an den grundlegenden Kriterien Fairness, Zuverlässigkeit, Privacy und Security, was in etwa dem in Deutschland und auch Europa hochgehaltenen Datenschutz entspricht, sowie Inklusivität und Verantwortung.

Haftung und Verantwortung

Gerade letzteres ist bemerkenswert: Laut Microsoft sollen Bot-Entwickler dafür verantwortlich sein, was ihr Bot tut oder veranlasst. Bisher ist die Haftung für fehlerhaft arbeitende oder schlecht funktionierende Software zumindest schwer durchsetzbar. Bei kaum einem anderen Produkt ist es vorstellbar, dass Fehler in der Herstellung (bei der Software also Bugs) für den Anbieter des betreffenden Produkts, sieht man von der Bereitstellung von Patches ab, ohne Folgen bleibt. Doch bei Bots, die durchaus ins physische Leben eingreifen können, scheint sich auch in den Konzepten der Hersteller eine Änderung anzubahnen.

Zu den übrigen Leitlinien: Fairness bedeute, erklärte Gürtler, dass Algorithmen jeden gleich behandeln. Algorithmen, die beim „Predictive Policing“, also bei der Prognose von Straftaten, aufgrund der Lerndaten, mit denen sie gefüttert wurden, bestimmte Bevölkerungsanteile von vorn herein verdächtigten, dürfe es nicht geben.

Unter Zuverlässigkeit versteht Microsoft, dass die Ergebnisse, die Algorithmen erzeugen, für die Nutzer nachvollziehbar sein müssen. „Das ist ein Thema, für das wir noch keine Lösung haben“, gab Gürtler zu.

Inklusivität

Mit Inklusivität meint Microsoft, dass sich jede Bevölkerungsgruppe in den Algorithmen wiederfinden und sie vor allem auch in ihrer Entstehung beeinflussen können muss. Wie das gelingen soll, ist offen, zumal gerade ärmere und weniger gebildete Bevölkerungsgruppen rund um die Welt wenig Einfluss auf die Softwareschimieden haben, in denen an der KI der Zukunft gebastelt wird.

Schließlich müssten Systeme wie Cortana, Alexa, Siri oder Google Now transparent agieren, es müsste also jederzeit klar sein, wenn sie etwas tun und was. Auch hier gibt es momentan Defizite.

Der wichtigste Weg, die Bevölkerung sozusagen KI-fähig zu machen, bestehe in Bildung, betonte Gürtler. Unternehmen und Gesellschaft brauchten – bei zu erwartenden Stellenverlusten anderswo – Unmengen von Menschen, die wissen, wie man im KI-Kontext programmiere und sich keine mentalen Grenzen setzten.

Praktische Anwendungen schnell umsetzbar

Die Umsetzung entsprechender Projekte erfolge dank Technologien wie Bots, Cloud, Big Data, oder Container sehr schnell, wer nichts tue, habe das Nachsehen, da den KI-Anwendern Konkurrenzvorteile blühten. Es sei möglich, in wenigen Wochen funktionsfähige Lösungen zu kreieren. Bei der VHV beispielsweise, einem Versicherungsunternehmen, wurde innerhalb von nur acht Wochen ein Bot erstellt, der die Konversionsrate bei Interessenten steigern soll. Der Bot „Mia“ nimmt Anrufe entgegen und hat direkten Zugriff auf eine Wissensdatenbank, die mit Dynamics365 aufgebaut wurde. „Gerade wenn viele Menschen sich gleichzeitig informieren wollen, können Sie dafür Mitarbeiter gar nicht so schnell ausbilden“, sagt Gürtler.

Mit dem Automobilzulieferer Bertrandt arbeitet Microsoft an einem Projekt im Bereich automatisiertes Fahren: Fahrzeuge werden digital vernetzt, die Echtzeitdaten, die die unzähligen in ihnen verbauten Sensoren erzeugen, zusammengeführt. Daraus entstehen via Datenanalyse neuartige Informationen, etwa darüber, ob sich irgendwo ein Stau bildet, ob Fahrbahnschäden vorhanden sind und so weiter. Diese Daten sollen dann an unterschiedliche Akteure, etwa Städte oder Hersteller, verkauft werden. Dumm nur, dass bisher vollkommen ungeklärt ist, wem die Daten, die ein vom Anwender gekauftes und bezahltes Fahrzeug erzeugt, eigentlich gehören. Darüber sollen demnächst die Gerichte entscheiden. Doch dürfte das Microsofts Geschäftsmodell, Werkzeuge zum Umgang mit den Datenmassen bereitzustellen, unberührt lassen.

Auch mit der Münchner Rückversicherung macht Microsoft KI-Geschäfte. Hier geht es um rund drei Petabyte Daten zu Naturkatastrophen, die das Unternehmen seit 1974 gesammelt hat. Welche neuen Geschäftsmodelle aus der erweiterten Nutzung dieser Daten resultieren, kam aber nicht zur Sprache.

Nutzen für den Mittelstand

Auch Mittelständler könnten profitieren. So gebe es viele neue Möglichkeiten für das Handwerk, entweder bestehende Dienstleistungen effizienter zu machen oder aber vollkommen neue zu ersinnen. Ein Handwerker könne beispielsweise mit Sensoren bestückte Regenrinnen montieren, die ihm melden, wenn sie bei seinen Kunden überlaufen, sodass der Handwerker den Service anbieten kann, dann automatisch zu kommen und den Abfluss wieder freizuräumen.

Thomas Patzelt, Geschäftsführer von Teleport, einem Dienstleister mit Kernzielgruppe öffentlicher Sektor, baut mit einer fünfköpfigen Ausgründung des Unternehmens gerade an Govii, einem Bot für Städte, Gemeinden und Behörden, der dem stockenden Einsatz von E-Government Beine machen könnte. „Wegen des strikten deutschen Datenschutzes geht hier vieles nicht, was eigentlich möglich wäre“, meint Patzelt. Nun gehe es darum, Ideen im Rahmen des Erlaubten zu entwickeln. Sein Bot wird bereits in Kiel ausprobiert. Die Software läuft zum Teil bei Microsoft, zum Teil bei AWS. Der Bot setzt auf öffentliche Fachanwendungen auf.

Ein Beispiel für neue Geschäftsideen, die durch KI entstehen, liefert die von Manuela Rasthofer gegründete TerraLoupe: Ihre Firma arbeitet mit Luftbilddaten, die heute in Genauigkeiten von bis drei Zentimetern pro Pixel erhältlich sind, und versucht diese so zu analysieren, dass sich daraus nutzbare Anwendungen ergeben. Derzeit kümmert man sich vor allem um das Segment „Haus“. „Die KI ist noch im Kindergarten, die Systeme lernen noch nicht selbstständig“, sagt Rasthofer, weshalb dieser Schritt mühselig und zeitraubend sei.

Dem Bot unter die Haube geschaut

Autonom agierende Bots, derzeit etwa 10.000, werden in der neuen KI-Welt eine wichtige Rolle spielen. Wie ein Bot entsteht und funktioniert, erklärte Manuela Rink, Softwareingenieurin mit CSE-Zertifikat bei Microsoft Deutschland. Im Grunde bestehen Bots nur aus einer schmalen Kernfunktionalität und einem relativ offenen Gerüst, an das einfach, oft über REST-Schnittstellen und http-Aufrufe, externe Quellen oder Funktionen angebunden werden. Die Publizierung eines mit Microsoft-Software erzeugten Bots für Apple-Produkte erfolgt etwa über eine einzige Code-Zeile. „Es handelt sich im Grunde um eine Werkzeugbox, deren Teile nur immer wieder neu verdrahtet werden“, erklärt Rink.

Microsoft bietet Entwicklern dafür den Botbuilder sowie weitere Plattform-Services auf Azure an, zum Beispiel LUIS, ein Tool zum Verstehen natürlicher Sprache oder Azure Insight für die Analyse von Daten, die der Bot sammelt sowie, die Cognitive Services Toolbox, eine Sammlung von KI-Werkzeugen, die menschliche Sinne verstärken und verbessern sollen. Darin befinden sich derzeit etwa Werkzeuge für die Textanalyse oder für Computer Vision, die sogar die Stimmung ihres menschlichen Gegenübers einschätzen können. „So etwas könnte beispielsweise für Support-Mitarbeiter wichtig sein“, sagte Rink. Wer rechtliche Grauzonen fürchtet, könne Bots auch innerhalb des Unternehmens verwenden, wo sie dann mit internen Datenbasen interagieren können. „In den meisten Unternehmen gibt es zwar viele Daten, doch sie werden zu wenig genutzt.“

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Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Bigdata-Insider.de.

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