Das nächste große Ding? Metaverse mit Hammer und Sichel

Von Henrik Bork

China will die nächste Phase des Internets nicht den Mark Zuckerbergs dieser Erde überlassen. Deshalb ist die Partei beim Thema Metaverse voll mit von der Partie.

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In einem Metaverse ist man mit einem Avatar unterwegs. China will bei der Entwicklung der virtuellen Welten ganz vorne mitspielen.
In einem Metaverse ist man mit einem Avatar unterwegs. China will bei der Entwicklung der virtuellen Welten ganz vorne mitspielen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Der Metaverse-Zug rollt – und Chinas Internet-Konzerne springen einer nach dem anderen auf. Alle investieren heftig in die entsprechende Hardware und Software. Bytedance, der Betreiber der Kurzvideo-Plattform Tiktok, hat Pico übernommen – einen chinesischen Hersteller von VR-Headsets. Und die Partei ist auch schon mit von der Partie.

Baidu, Chinas Suchmaschinen-Konzern, der gerade selbst auf der Suche nach einer neuen Identität ist, registriert fleißig eine Metaverse-Marke nach der anderen. Und der CEO der chinesischen Gaming-Firma Netease hat angekündigt, seine Firma werde in diesem Rennen um die nächste Phase des Internets „schneller laufen als alle anderen“.

Es spielt dabei keine Rolle, ob alle chinesischen CEOs so stark an die Zukunft des Metaverse glauben wie Mark Zuckerberg. Allein die Möglichkeit, dass das jetzt wirklich „the next big thing“ sein könnte genügt den pragmatischen Chinesen. Auf diesem Zug, das zeigen sie gerade deutlich, wollen sie jedenfalls niemanden allein davonfahren lassen, weder Facebook noch die heimische Konkurrenz.

Definition: Was ist eigentlich Metaverse?

Wie jung dieser Metaverse-Hype noch ist, zeigt sich daran, dass in so gut wie jedem längeren Artikel erstmal eine Definition darüber auftaucht. Denn es reden zwar inzwischen viele über das Thema. Aber viele wissen längst noch nicht, was das Metaverse eigentlich ist.

Versuchen wir es. Beim Metaverse geht es um das Verschmelzen der realen mit der virtuellen Welt. Ein virtueller Raum, der von mehreren Nutzern geteilt wird, kann ein Metaverse sein – zum Beispiel ein virtueller Meeting-Room, indem nicht unser Kopf, sondern unser Avatar auf dem Bildschirm erscheint. Auch ein digitaler Raum, der durch VR-(Virtual Reality-) oder AR-(Augmented Reality-)Technologie erweitert wird, kann als Metaverse bezeichnet werden.

Chinas Parteifunktionäre stürzen sich auf Metaverse

Eine allgemein gültige Definition gibt es noch nicht, denn die „use cases“ entstehen gerade überall, was das Kategorisieren und Abstrahieren nicht gerade erleichtert. Umso erstaunlicher ist dann die Geschwindigkeit, mit der sich gerade Chinas Parteifunktionäre auf das Thema Metaverse stürzen.

Hammer und Sichel hingen sehr prominent an der Wand, als in einem Sitzungsraum der „China Mobile Communications Association“ (CMCA) am 11. November eine Reihe von hochrangigen Apparatschiks zusammenkam, um das chinesische „Metaverse-Industriekomitee“ aus der Taufe zu heben. Die CMCA bezeichnet diese Geburtsstunde ihres neuen Organs auf ihrer Webseite stolz als den „Metaverse-Tag”.

Wu Zongze: „Metaverse ist kein vorübergehender Hype“

Einer der anwesenden Parteikader war kein geringerer als Wu Zongze, ein früherer Vizeminister für Wissenschaft und Technologie. Das Metaverse sei kein vorübergehender Hype, sondern eine riesige Chance für China, endlich einmal frühzeitig die Technologieführerschaft gegenüber dem Westen zu ergattern, sagte Wu sinngemäß.

In seinen eigenen Worten: „Das Metaverse wird sicherlich eine Wetterfahne für die globale technologische Entwicklung im kommenden Jahrzehnt werden und wird auch eine neue strategische Anhöhe sein, die es im Wettbewerb der digitalen Wirtschaft zwischen allen Ländern zu besetzen gilt”, sagte Wu Zongze. Selbst Mao Tsetung, der große Militärstratege, hätte das nicht schöner formulieren können.

Proaktive und pragmatische Förderung der Metaverse-Industrie

Das neue chinesische Metaverse-Komitee ist also ganz offensichtlich aus den obersten Rängen der kommunistischen Führung in Peking mit der Förderung einer Industrie beauftragt worden, die in China, der elektronischen Werkbank der Erde, in wenigen Jahren von einer Milliardenindustrie zu einer sehr lukrativen Milliardenindustrie heranwachsen wird. Denn viele der schönen Headsets für „intensive, immersive Erlebnisse“ werden in der Volksrepublik produziert.

Pico zum Beispiel, erst 2015 gegründet, ist schon Anfang dieses Jahres zum drittgrößten Headset-Hersteller der Erde geworden, nachdem seine Umsätze um 108,6% im Vergleich zum Vorjahr in die Höhe geschnellt sind. Man ist also dem Oculus-Headset von Facebook bereits dicht auf den Fersen.

Markt für VR-Ausrüstung soll sich bis 2023 fast verdreifachen

2020 hat der chinesische Markt für VR-Ausrüstungen einen Gesamtwert von 41,35 Milliarden Yuan (rund 5,7 Milliarden Euro) erreicht. Bis 2023 könnte er auf mehr als 105 Milliarden Yuan (umgerechnet 14,5 Mrd. Euro) wachsen, prognostiziert die chinesische Marktforschungsfirma CCID Consulting.

China hat also sehr gute Chancen, sich im Metaverse-Poker von Anfang an als einer der führenden Spieler zu etablieren. Nicht nur die proaktive und pragmatische Unterstützung durch die Regierung in Peking spricht dafür, sondern auch die technischen Rahmenbedingungen. Nirgendwo werden momentan so schnell 5G-Basis-Stationen aufgestellt wie in China. In der Stadt Guangzhou allein stehen schon mehr als in ganz Europa zusammengenommen.

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„VR ist eine Technologie, die das Potenzial hat, das Leben der Menschen fundamental zu verändern. Und 2021 wird das Jahr sein, auf das die Leute zurückblicken werden als das Jahr, in dem sie wirklich abgehoben hat,“ zitiert die China Daily Alvin Graylin, den Chef des VC-Geräteproduzenten „HTC China“.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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