Metall- und Elektroindustrie: Die Rezession ist da

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Schon zum zweiten Quartal in Folge melden die Industrieverbände der Metall- und Elektroindustrie sowie der Elektronikbranche einbrechende Auftragszahlen. Die Chefsvolkswirte sprechen von Rezession – und fordern die Politik zum Handeln auf.
Schon zum zweiten Quartal in Folge melden die Industrieverbände der Metall- und Elektroindustrie sowie der Elektronikbranche einbrechende Auftragszahlen. Die Chefsvolkswirte sprechen von Rezession – und fordern die Politik zum Handeln auf. (Bild: ©davit85 - stock.adobe.com)

Die deutsche Metall- und Elektroindustrie sowie die Elektronikbranche leiden unter dem zunehmend unsicheren Welthandelsklima. Zum zweiten Mal in Folge melden die Industrieverbände rückläufige Auftragszahlen, der Markt schrumpft. Volkswirte sprechen bereits von einer Rezession.

Noch Ende 2018 hatten sich Verbände wie ZVEI oder der Arbeitgeberverband Gesamtmetall noch über volle Auftragsbücher in Deutschlands Schlüsselindustrien Elektronik und Metall gefreut. Doch ein halbes Jahr später sehen die Bilanzen deutlich nüchterner aus.

Nach dem schlechten 1. Quartal 2019 ist die Produktion in den Branchen auch im zweiten Jahresviertel deutlich gesunken. So meldet die Metall- und Elektro-Industrie (M+E) etwa nach den bereits in den ersten drei Monaten gemeldeten Rückgang von 1,6% einen zusätzlichen Einbruch von 2,4%. Im ersten Halbjahr lag die Produktion damit um 4,9% unter dem Niveau des entsprechenden Vorjahreszeitraums.

„Die Rezession ist da“

„Zwei Quartale nacheinander Rückgang – damit haben sich unsere Warnungen vor einer Rezession in der M+E-Industrie als berechtigt erwiesen“, sagt Gesamtmetall-Chefvolkswirt Dr. Michael Stahl. „Man muss für M+E nun leider feststellen: Die Rezession ist da“

Lange freute sich die Branche, die rund vier Millionen Menschen beschäftigt, über volle Auftragsbücher. Doch damit ist es vorerst vorbei: Im Juli gaben 30 Prozent der Unternehmen einen „Auftragsmangel“ als Hauptgrund für Produktionsbehinderungen an. Vor allem im Inland sieht die Auftragslage schlecht aus. Auch die Stimmung in der Branche deutet nicht auf Optimismus in den Unternehmen hin. Für die kommenden sechs Monate erwartet laut Gesamtmetall eine deutliche Mehrheit der unternehmen eine Verschlechterung der Geschäftslage.

Der Rückgang in der Produktion traf die Automobilindustrie mit -12% gegenüber dem Vorjahreshalbjahr besonders hart. Auch in der Elektroindustrie (-3,5%) und im Maschinenbau (- 1,7%) bleibt die Produktion deutlich unter den Vorjahreswerten. Kurzfristig ist keine Verbesserung in Sicht, da sich auch die Auftragseingänge weiter im Rückwärtsgang befinden (- 2,1%). Im zweiten Quartal waren vor allem der Maschinenbau mit - 2,5% und die Elektroindustrie mit - 3,7% gegenüber dem ersten Quartal von einem Rückgang betroffen. Der Fahrzeugbau stabilisierte sich auf niedrigerem Niveau.

Wegen der konjunkturellen Flaute kann die Metall- und Elektroindustrie auch ihre Rolle als Jobmotor nur noch bedingt spielen. Erstmals seit neun Jahren ist die Beschäftigtenzahl im Mai saisonbereinigt leicht gesunken. Nur noch knapp jedes fünfte Unternehmen klagt über Arbeitskräftemangel als Grund für Produktionsschwierigkeiten. Auf dem Höchststand im zweiten Quartal 2018 waren es noch mehr als 30%.

„Die aktuellen Zahlen spiegeln wider, was sich bereits im ersten Quartal abgezeichnet hat", erläutert Gesamtmetall-Chefvolkswirt Dr. Michael Stahl. Die Unternehmen seien von den Auseinandersetzungen im Welthandel, vom weiter drohenden ungeregelten Brexit und von der aufgeflammten Klimadebatte verunsichert. Aber auch Investoren im In- und Ausland hielten sich derzeit zurück. All dies verschärfe die aktuelle konjunkturelle Delle, wofür Stahl auch die deutsche Politik verantwortlich macht: „Die [konjunkturelle Delle] ist nicht zuletzt auch deshalb schmerzhaft, weil die Politik in den guten Jahren die Umverteilung und die Ausweitung der Sozialausgaben in den Mittelpunkt gestellt und wenig für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und des Standortes getan hat."

Elektronikbranche: Bescheidenes Wachstumsziel wird nicht erreicht

Auch der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) meldet eine Flaute. Anfang des Jahres hatte der Industrieverband noch vorsichtig positiv gemutmaßt, dass die Produktion der deutschen Elektro- und Elektronikindustrie im Laufe des Jahres um etwa 1% wachsen dürfte. Doch mittlerweile sieht man dieses Ziel selbst mit Skepsis. „Angesichts immer weiter zunehmender Unsicherheit über den Konjunkturverlauf, insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten massiven Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China sowie der wachsenden Gefahr eines No-Deal-Brexit, wird es sehr schwer, unsere Produktionsprognose von plus einem Prozent tatsächlich zu erreichen“, sagt ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann.

Die Auftragseingänge in der deutschen Elektroindustrie lagen im Juni 2019 knapp auf Vorjahresniveau (- 0,2%). „Dabei verhinderten allein Großaufträge aus dem nicht zur Eurozone zählenden Ausland einen wesentlich stärkeren Rückgang“, so Dr. Gontermann. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2018 liegt die deutsche Produktion laut ZVEI-Zahlen im diesjährigen Zeitraum um 1,6% zurück. Auch der Umsatz lag mit 109,8 Milliarden Euro um 0,7% unter dem Vorjahreswert.

Auch hier macht sich die schlechte Lage im Inland besonders bemerkbar: Während die Bestellungen aus dem Inland im Juni um 8,7% fielen, stiegen die Auslandsaufträge um 6,2%. Allerdings sind es einige wenige Großaufträge, die diese Zahlen noch beschönigen. Aktuell seien hiesige Produktionskapazitäten gerade mal zu 84,2% ausgelastet. Die Reichweite der Auftragsbestände ist derweil von 3,4 auf 3,1 Produktionsmonate gesunken. Laut einer ZVEI-Umfrage will jeder vierte Betrieb im laufenden Quartal seine Produktion drosseln; immerhin 15% möchten noch an Produktion zulegen.

Zwar spricht der ZVEI noch nicht von einer Rezession, erklärt aber: „Erstmals seit Oktober 2014 sank das Geschäftsklima in der deutschen Elektroindustrie im Juli unter die Null-Linie.“

Konflikt über Währungsbeziehungen erhöht globale Unsicherheit

Vor diesem Hintergrund bereitet der sich immer weiter zuspitzende Handelskrieg zwischen den USA und China der deutschen Industrie massive Kopfschmerzen. Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), äußerste sich äußerst kritisch über die jüngste Ankündigung der US-Regierung, weitere Zölle auf Einfuhren aus China zu erheben. „Die Ausweitung des Handelskonflikts auf die internationalen Währungsbeziehungen erhöht die Unsicherheit für die Weltwirtschaft. Für die deutsche Industrie ist diese Eskalation problematisch. Unternehmen müssen sich auf spürbare Verschiebungen in den Wechselkursrelationen und auf größere Schwankungen der Kurse einstellen. Die Kosten der Absicherung gegen diese Schwankungen werden weiter ansteigen“, sagte der BDI-Chef in einer Presseerklärung.

China hat auf die letzten Zollerhöhungen der USA mit einem Kaufstopp von US-Agrarprodukten reagiert. Zudem ließ die chinesische Zentralbank eine Abwertung der Landeswährung Yuan zu. Dies begünstigt chinesische Exporteure begünstigt, da Ausfuhren billiger, werden, wodurch lokale Unternehmen einen Teil der Zolllasten kompensieren können.

An den Märkten weltweit besteht die Sorge, China könnte seine Währung als Waffe im Handelskonflikt einsetzen. Marktbeobachter befürchten, dass eine zu starke Abwertung zu Panikreaktionen an den Finanzmärkten und somit zu erheblicher Finanzflucht führen könnte, die den Yuan zusätzlich schwächt. Eine solche Abwärtsspirale gilt als kaum beherrschbar.

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