Mensch-Roboter-Kollaboration – Neue Perspektive der industriellen Robotik

Seite: 2/2

Firmen zum Thema

Industrie 4.0 – der soziale Aspekt

Die Frage ist nun, wie der Einsatz der Cobots innerhalb eines weiter entwickelten Konzepts von Industrie 4.0 unsere Arbeitswelt in sozialer Hinsicht umgestalten wird. Auch auf diese Frage haben die Forscher im Imec-VUB-Living-Lab nach entsprechenden Antworten gesucht. Dies geschah in einer kontinuierlichen Interaktion mit den Arbeitern bei Audi in Brüssel, unter genauer und wiederholter Beobachtung ihrer Erwartungen und Bedenken betreffend den Komplex der Robotik.

Bildergalerie

Der erste wichtige Aspekt, den man zur Kenntnis nehmen muss, ist die Tatsache, dass in den letzten 20 oder 30 Jahren die Einführung von Robotern in industriellen Umgebungen immer den Verlust von Arbeitsplätzen mit sich gebracht hat. Deshalb haben wir beim Start des Claxon Projekts die Operatoren bei Audi gefragt, wie sie generell über Roboter denken. Anfangs war ihre Antwort: Diese Roboter werden uns ersetzen. Dann änderte sich ihre Einstellung. Es war festzustellen, dass diese Befürchtungen allmählich verschwanden, als gemeinsam mit den Arbeitern untersucht wurde, wie die Maschinen sie bei ihrer Arbeit genuin unterstützen können. Einen solchen Ansatz mit der Betonung auf ‚workable work' – also auf Arbeitsgänge, die von den Arbeitern weiterhin ausführbar sind – hatten sie zuvor noch nicht kennen gelernt. Er zielt auf die Erleichterung der Arbeit für die Operatoren, nicht auf ihre Verdrängung. Damit wurde ihnen klar, dass ihre Ansichten und ihre Kreativität wirklich in Betracht gezogen wurden. Das machte einen großen Unterschied!

Das Claxon-Projekt bestätigt somit, dass die aktive Involvierung der Mitarbeiter und ihre Partizipation von ausschlaggebender Wichtigkeit sind, um die Widerstände gegen (technologische) Innovationen zu überwinden. Auf diese Weise wurden sie zu Befürwortern der Innovation und abschließenden Interviews zeigten, dass die in das Claxon-Projekt eingebundenen Mitarbeiter extrem stolz auf ihre Mitwirkung an dieser einmaligen Initiative waren.

Ein Humanoid als Kollege?

Eine der wichtigen Eigenschaften des Claxon-Cobots ist, das er mit einem Kopf ausgestattet ist und in einer „menschlichen“ Art und Weise mit den Operatoren kommuniziert – indem er sie beispielsweise morgens begrüßt und sie mit ihren Vornamen anredet. Dadurch wurde Walt zu einem Mitglied des Arbeitsteams.

Das ist eine wichtige Lektion auch für zukünftige Robotikprojekte. Man kann bezweifeln, ob die Ausstattung eines industriellen Cobots mit menschlichen Eigenschaften einen zusätzlichen Wert darstellt. Doch dieses Projekt hat uns gezeigt, dass dies einen definitiven Unterschied bedeutet.

Aber heißt das nun, dass wir in den nächsten Jahren eine explosive Vermehrung der humanoiden Roboter sehen werden, die uns als Arbeitskollegen zur Seite stehen?

Meinem Urteil nach sind die Chancen dafür immer noch eher bescheiden: Da haben wir noch einen langen Weg vor uns. Außerdem müssen wir uns fragen, ob wir dies wirklich und wahrhaftig wollen. Besonders in industriellen Umgebungen sollten wir die Roboter auch weiterhin als „Tools“ betrachten – auch wenn Claxon uns gezeigt hat, dass wir uns der Frage der menschlichen und robotischen Interaktion intensiv widmen müssen. Trotzdem, es besteht einfach keine definitive Notwendigkeit, menschliches Verhalten zu imitieren. Wenn man das versucht, bringt es nicht viel – nicht im Hinblick auf die Effizienz und auch nicht in Bezug auf die Qualität der Produktion und der Beschäftigung.

Und noch etwas ist zu bedenken: Der Schwerpunkt sollte zuallererst und hauptsächlich auf den funktionalen Aspekten liegen. Das lässt sich an einem Roboter verdeutlichen, der Brot schneiden soll. Natürlich könnte man dazu einen Roboter mit zwei perfekt ausgeformten menschlichen Händen entwickeln, der das Brot genauso schneidet, wie wir das tun. Doch – brauchen wir das wirklich? Die Kosten der Entwicklung eines solchen Roboters wären astronomisch. Ein Roboter wäre eventuell in der Lage, das Brot weitaus besser zu schneiden als wir, wenn wir ihm die Methode des Schneidens selbst überlassen würden.

Also sollten wir uns in diesem Zusammenhang ständig die folgende Fragen stellen: Welche Aufgaben sind ideal geeignet für einen Roboter? Und welche Aufgaben können besser von Menschen ausgeführt werden, also Aufgaben, die eine wirkliche Wertschöpfung bewirken? Das sind Aspekte, über die wir in den kommenden Jahren gründlich nachdenken müssen. Heute sind die Roboter oft simple ein- oder zweiarmige Gerätschaften, ohne höhere Fähigkeiten. Sie machen nur ihren vorbestimmten Job. Wenn man sie aus dieser Perspektive betrachtet, hat die Schaffung von humanoiden Robotern einfach keine Priorität.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Maschinenmarkt.de.

* An Jacobs arbeitet seit dem Jahr 2005 in der Forschungsgruppe SMIT VUB für das Interuniversity Microelectronics Centre, kurz: Imec, in 3001 Heverlee (Belgien), www.imec-int.com, Tel. (00/32-16) 28 12 11

(ID:45060333)