25 Jahre „Deep Blue“ Mensch, ärgere dich nicht

Autor / Redakteur: Mirjam Hauck* / Sebastian Gerstl

25 Jahre ist es her, dass Schachweltmeister Garri Kasparow erstmals gegen die Computersoftware „Deep Blue“ verlor. Mittlerweile haben Menschen keine Chance mehr gegen die Maschinen. Hat das Spiel seinen Reiz verloren?

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Garri Kasparow (links) vor Beginn seiner historischen Partie gegen den IBM-Computer Deep Blue. Der Mann rechts führt nur die Züge aus, die der Computer errechnet hat.
Garri Kasparow (links) vor Beginn seiner historischen Partie gegen den IBM-Computer Deep Blue. Der Mann rechts führt nur die Züge aus, die der Computer errechnet hat.
(Bild: BBC News / YouTube)

10. Februar 1996. Garri Kasparow tritt gegen den von IBM entwickelten Schach- und Super-Computer „Deep Blue“ an. Kasparow spielt schwarz und verliert die erste Partie des Matches. Zwar kann er mit 4:2 den Gesamtsieg davontragen, doch erstmals hat eine Maschine gegen den weltbesten Menschen im Spiel der Könige gewonnen. Das Bild der Überlegenheit des menschlichen Gehirns bekommt ein paar Kratzer.

Ein Jahr später verliert Kasparow das Revancheduell gegen die Software. Von den Fähigkeiten der Maschine ist der Russe allerdings nicht überzeugt. Deep Blue sei nicht intelligenter gewesen als ein programmierbarer Wecker, sagt Kasparow. Der Computer habe nur durch die schiere Rechenleistung gewonnen. Systematisch hat er 200 Millionen mögliche Züge pro Sekunde durchgerechnet.

Wo steht das Computerschach heute, 25 Jahre später? Ist das Schachspiel für die Informatik - wie es in den 1970ern hieß - noch das, was die Fliegen der Gattung Drosophila für die Genetik sind? Oder ist das Spiel gelöst und hat damit seinen Reiz verloren - für Computer und auch für Menschen?

Johannes Zwanzger kennt beide Seiten, er spielte mehrere Jahre in der Schachbundesliga beim SC Forchheim und Bayern München. 2015 gewann der promovierte Mathematiker die „World Chess Engine Championship“, also die Weltmeisterschaft im Computerschach mit seinem Schachprogramm „Jonny“.

„Computerschachprogramme sind mittlerweile so gut, dass es illusorisch ist, dagegen zu spielen“, sagt Zwanzger. Auch ein Weltklassespieler mache das allenfalls noch zu Trainingszwecken. „Der Zug ist komplett abgefahren für den Menschen.“ Er spiele selber auch nicht gegen Jonny: „Man macht auch keinen Kopfrechenwettbewerb gegen den Taschenrechner.“ Bei einer Partie gegen ein Schachprogramm bekomme man normalerweise den Eindruck, dass man keine Ahnung von dem Spiel habe, und das sei frustrierend.

Schachcomputer im Stil von Deep Blue machen ihre Arbeit mithilfe des sogenannten AlphaBeta-Algorithmus. Dahinter steckt im wesentlichen brutale Rechengewalt. Das heißt, das Programm rechnet für eine Stellung auf dem Brett alle Spielpositionen bis zu einer gewissen Tiefe durch, den sogenannten Spielbaum. Zusätzlich gibt es noch eine Bewertungsfunktion, die sinnvolle Varianten von sinnlosen trennt. Eine Regel dafür ist beispielsweise die Bewertung der Figuren. „Der Bauer ist ein Punkt, der Springer drei, der Turm fünf und die Dame neun Punkte wert. Dieses Aufaddieren stimmt zwar nicht immer, funktioniert aber in der Regel ganz gut“, sagt Zwanzger. Nach und nach habe man beim Programmieren dieser klassischen Engines immer mehr dieser Regeln hinzugefügt.

Kann man von Computern etwas lernen, wenn man sie schon nicht mehr besiegen kann?

Eines dieser klassischen Top-Schachprogramme heißt Stockfish. Stockfish ist bislang der erfolgreichste Teilnehmer der Schachcomputer-Weltmeisterschaft. 2017 musste die Software allerdings eine vernichtende Niederlage hinnehmen - gegen die künstliche Intelligenz (KI) AlphaZero. Von insgesamt 100 Partien gewann AlphaZero 28, die anderen Spiele endeten mit einem Remis. AlphaZero ist eine Software der Google-Tochter DeepMind. Der Nachfolger von AlphaGo, der 2016 den weltbesten Go-Spieler schlug, lernt durch Millionen von Partien gegen sich selbst, vorgegeben werden lediglich die Spielregeln.

Grundlage der KI sind neuronale Netze sowie ein Algorithmus, der nur noch die wahrscheinlichsten Spielsituationen durchrechnet. Zudem wird die Software für ihr „Verhalten“ belohnt oder bestraft. Dieses verstärkende Lernen („Reinforcement Learning“) nutzt ein ähnliches Prinzip wie das menschliche Gehirn. Kasparow schrieb dann auch über AlphaZero, dass er sich über dessen Sieg gegen Stockfish gefreut habe, denn das Programm pflege wie er einen dynamischen Stil.

Deep Blue war essentiell ein IBM RS/6000 SP2 mit einer Special Purpose Software. Das System war in der Lage, 200 Millionen Züge pro Sekunde oder 50 Milliarden Positionen in den drei Minuten zu untersuchen, die für einen einzigen Zug in einer Schachpartie vorgesehen sind.
Deep Blue war essentiell ein IBM RS/6000 SP2 mit einer Special Purpose Software. Das System war in der Lage, 200 Millionen Züge pro Sekunde oder 50 Milliarden Positionen in den drei Minuten zu untersuchen, die für einen einzigen Zug in einer Schachpartie vorgesehen sind.
(Bild: IBM)

Spielt AlphaZero also wie ein Mensch? Computerschach-Weltmeister Johannes Zwanzger sagt: „Bei Deep Blue sehe ich an einigen Zügen sofort, dass sie ein Computer gespielt hat.“ Das seien oft solche, die schon auf den ersten Blick sinnlos wirken, wenn zum Beispiel eine Figur hin und her zieht. Für einen Menschen sei das ein Eingeständnis, dass man keine Idee habe. AlphaZero dagegen opfert auch einmal eine Figur für einen Angriff. Und auch Johannes Zwanzgers „Jonny“ hat mittlerweile ein neuronales Netz. Dies werde zwar anders eingebunden als bei AlphaZero, habe aber auch einen massiven Gewinn an Spielstärke gebracht.

Kann man nun noch von Computern etwas lernen, wenn man sie schon nicht mehr besiegen kann? Nach Ansicht Zwanzgers habe man in den vergangenen Jahren durch die immer besseren Engines gesehen, dass man viele Stellungen verteidigen könne, bei denen man früher davon ausgegangen sei, dass sie zu einem Matt führten. „Die Bauernzüge g2-g4 und insbesondere h2-h4 waren vor Jahren noch die Ausnahme. AlphaZero hat nun gezeigt, dass man damit vor allem im Eröffnungsspiel sehr erfolgreich sein kann.“

Es weiterer positiver Effekt sei, dass mittlerweile dank der vielen hervorragenden Schachprogramme jeder Mensch die Möglichkeit habe, mit wenig Aufwand an gute Trainingsmöglichkeiten zu kommen. Allerdings könne der Computer die menschliche Analyse nicht ersetzen. „Wenn der Computer nur Ergebnisse hinwirft, ohne in überschaubarer Form sagen zu können, wie er dazu kommt, dann sind diese Ergebnisse weniger wert als die Einschätzung eines starken menschlichen Spielers. Der ist objektiv sicher ungenauer, dafür aber in seiner Begründung nachvollziehbar.“

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 10.02.21

* Mirjam Hauck ist Redakteurin im Digital-Ressort der Süddeutschen Zeitung.

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