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Mehr trotz weniger: Infineon trotzt Delle im Automarkt

| Redakteur: Michael Eckstein

7% weniger Umsatz, 30% mehr Gewinn: Infineon profitiert von Maßnahmen zur Kostensenkung und niedrigerer Steuerlast – und blickt positiv auf das Geschäftsjahr 2020. Ab 2022 soll der Cypress-Kauf deutlich zum Konzernergebnis beitragen.

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Dr. Reinhard Ploss: Der Konzernchef sieht Infineon gut gerüstet für die Herausforderungen der vernetzten Welt. Auch Dank der Cypress-Übernahme.
Dr. Reinhard Ploss: Der Konzernchef sieht Infineon gut gerüstet für die Herausforderungen der vernetzten Welt. Auch Dank der Cypress-Übernahme.
(Bild: Infineon Technologies)

Die anhaltend maue Konjunktur der Autoindustrie schlägt auf die Verkäufe des deutschen Chipherstellers durch. Das zeigen die Ergebnisse des ersten Quartals im neuen Geschäftsjahr: Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen rund 1,9 Mrd. Euro weniger Umsatz als im Vorquartal gemacht – das entspricht einem Rückgang von etwa 7%. Der größte Teil davon ist dem anhaltend schwächelnden Automotive-Sektor (ATV) geschuldet. Doch auch in den Bereichen Industrial Power Control (IPC) und Power Management & Multimarket (PMM) setzte Infineon weniger Chips ab. Ein Lichtblick ist laut Pressemeldung das Segment Digital Security Solutions (DSS), das nur einen geringen Umsatzrückgang verzeichnete. Bereits für Q2/2020 erwartet das Unternehmen eine Trendwende und wieder ein Umsatzplus zwischen 3% und 7%.

Mit rechtzeitig eingeleiteten Maßnahmen zur Kostensenkung konnte der Konzern laut Dr. Reinhard Ploss, Vorsitzender des Vorstands, erfolgreich gegensteuern: „Unsere Kostensenkungsmaßnahmen beginnen zu greifen. Dank ihnen sowie aufgrund mehrerer Sondereffekte fiel das Segmentergebnis etwas besser als erwartet aus.“ So sei der Umsatz zwar in einem schwierigen Markt zurückgegangen, jedoch in einem erwarteten Umfang. Anteil daran habe nicht zuletzt das „gut diversifizierte Geschäft“.

Infineon investiert in Entwicklung und Fertigung

Gegenüber dem Q4-2019 hat sich Infineon um ca. 500 Mitarbeiter verschlankt. Stand heute arbeiten knapp 41.000 Menschen für den Chiphersteller, davon 7805 in der Forschung und Entwicklung – 50 mehr als noch vor drei Monaten. Im laufenden Geschäftsjahr will Infineon rund 400 Mio. Euro in Fertigungsgebäude, deren Infrastruktur und Bürogebäude investieren.

In einzelnen Bereichen wie dem Server-Geschäft sehe Infineon bereits Anzeichen der Besserung. Auch die Nachfrage nach den neusten MEMS-Mikrofonen des Unternehmens entwickle sich „sehr dynamisch“. Mit einer breiten Erholung der Nachfrage rechnet der Konzernchef aber nicht vor der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres. Trotz der aktuell rückläufigen Umsatzentwicklung blickt Ploss positiv in die Zukunft: „Unsere langfristigen Wachstumstreiber sind intakt und wir tragen entscheidend zur Mobilitäts- und Energiewende bei.“

Mehr Gewinn trotz geringerem Umsatz: Infineon profitiert von hoher Marge

Hinzu kommt, dass Infineon bislang eine hohe Rendite erwirtschaftet: Mit einer operativen Marge von über 15 Prozent übertraf das Unternehmen die eigenen Erwartungen. Und auch die der Analysten. Insgesamt legte der Nettogewinn kräftig um 30% auf 210 Mio. Euro gegenüber dem Vorquartal Q4/2019 zu. An der Börse kommen diese Nachrichten offenbar gut an – auch wenn der Wert rund 17% unter dem des Vorjahres lag: Zeitweise legte die Infineon-Aktie in den letzten Tagen um 5% zu und war sogar DAX-Spitzenreiter.

Für das laufende Geschäftsjahr prognostiziert das Unternehmen, dass sich der Gesamtumsatz erholt – auf ein Plus von 5% plus minus 2%. Sofern – und das ist ungewöhnlich für eine Ergebnismitteilung – der Ausbruch des Corona-Virus „keine signifikante negative Wirkung auf die Entwicklung unseres Geschäfts im Geschäftsjahr 2020 hat“.

Wie fügt sich Cypress in das Infineon-Portfolio?

In der Vergangenheit hatten Speicher Infineon fast schachmatt gesetzt, nachdem 2009 die börsennotierte Ausgründung Qimonda pleiteging. Um wieder auf die Spur zu kommen, musste der Chiphersteller letztlich 2011 seine Wireless-Sparte für 1,4 Mrd. US-Dollar an Intel verkaufen. Nun haben die Münchener im letzten Jahr für 9 Mrd. ausgerechnet in ein Unternehmen investiert, dass primär Speicher- und Wireless-Produkte verkauft: Cypress. Wie wirkt sich die mit 9 Mrd. Euro bislang größte Übernahme der Konzerngeschichte auf die Gesamtentwicklung aus?

Hier lohnt ein genauerer Blick auf das Portfolio des Zukaufs: Mit Cypress holt sich Infineon Wireless-Kommunikationstechniken wie Wi-Fi und Bluetooth ins Haus, während man 2011 Mobilfunk-Modemtechnik an Intel veräußert hat. Qimonda wiederum produzierte primär DRAM-Speicher – der seit je her extremen Preisschwankungen unterliegt: Im letzten Jahr etwa stürzten die Preise um fast 50% ab. Cypress hingegen bringt preisstabilere SRAM- und NOR-Flash-Chips mit, die unverzichtbarer Bestandteil auch hochpreisiger Systeme sind.

Cypress und Infineon: Portfolios ergänzen sich gut

Angesichts der rasch zunehmenden Bedeutung drahtlos vernetzter Produkte ergänzt das Cypress-Portfolio Infineons Angebot gut. In Zukunft kann das Unternehmen mehr Bausteine aus einer Hand liefern und möglichweise auch breitere Märkte bedienen. Auch in der Automotive-Branche winkt höheres Umsatzpotenzial, da hier neben der Vernetzung per Mobilfunk mit 802.11p eine WLAN-basierte Kommunikationstechnik zum Einsatz kommt. Selbst im Bereich Mikrocontroller, in dem beide Firmen aktiv sind, gibt es relativ wenig Überschneidung: Während Infineon stark bei Antriebssteuerungen und Fahrerassistenzsystemen (ADAS) ist, hat sich Cypress bislang auf Applikationen wie Infotainment oder Klimatisierung spezialisiert.

Laut Konzernchef Ploss soll die Übernahme Ende Q2 oder Anfang Q3/2020 abgeschlossen sein. Bis 2022 sollen sich Kostensynergien in Höhe von jährlich 180 Mio. Euro und langfristig mehr als 1,5 Mrd. Euro an Umsatzsynergien pro Jahr ergeben. „Bereits ab dem ersten vollen Jahr nach Abschluss der Transaktion wird sich diese nach unseren Erwartungen wertsteigernd auswirken“, ist Infineon-Finanzvorstand Dr. Sven Schneider überzeugt. „Nach der Integration erwarten wir für unser künftiges Zielgeschäftsmodell 9 Prozent mehr Umsatzwachstum, 19 Prozent Segmentergebnismarge und eine Investitionsquote von 13 Prozent.“

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