Mehr arbeiten als das Gesetz erlaubt – und der Chef weiß Bescheid

| Redakteur: David Franz

In Deutschland gilt: Niemand darf länger als zehn Stunden am Tag arbeiten. Dass das jedoch nicht immer eingehalten wird, zeigen die aktuellen Ergebnisse.
In Deutschland gilt: Niemand darf länger als zehn Stunden am Tag arbeiten. Dass das jedoch nicht immer eingehalten wird, zeigen die aktuellen Ergebnisse. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Die fünfte So arbeitet Deutschland-Umfrage von SThree zeigt: Ein Großteil der Arbeitnehmer und Freelancer in Deutschland überschreitet die maximale Tagesarbeitszeit – mit negativen Folgen für die Gesundheit.

Flexibilität, Selbstbestimmung, Agilität: Das alles bedeutet New Work. Aber auch Überstunden, Druck und psychische Probleme. Dies sind die Ergebnisse der repräsentativen Studie „So arbeitet Deutschland“ der Personalberatung SThree. In Zusammenarbeit mit YouGov befragte SThree 1.515 Angestellte und Selbstständige in Deutschland. Alarmierend: Mehr als die Hälfte der Befragten arbeiten auch mal mehr als die gesetzlich erlaubten zehn Stunden pro Tag – und das meist im Wissen ihres Vorgesetzten. Die Konsequenzen bleiben nicht aus: Viele sehen bereits jetzt mentale Probleme als wesentliche Folge der neuen Arbeitswelt und wünschen sich, diese würden auch von Arbeitgeberseite ernster genommen werden.

Das Ende des 8-Stunden-Tages?

Die Infografik zur Studie
Die Infografik zur Studie (Bild: SThree)

In Deutschland gilt: Niemand darf länger als zehn Stunden am Tag arbeiten. Dass das jedoch nicht immer eingehalten wird, zeigen die aktuellen Ergebnisse: Laut 53 Prozent der Befragten kommt es in ihrem Job vor, dass sie mehr als die gesetzlich vorgeschriebene maxi-male Tagesarbeitszeit arbeiten. „Diese Zahl allein ist bereits bedenklich“, meint SThree-Geschäftsführer Timo Lehne. „Jedoch zeigt sich obendrein: Bei 71 Prozent weiß der Chef meist oder sogar immer darüber Bescheid.“ Ist eine Tageshöchstzeit also überhaupt noch realistisch? Nein, sagen 59 Prozent der Befragten: Sie plädieren für eine maximale Wochen- oder gar Monatsarbeitszeit.

Doch auch innerhalb der rechtlichen Grenzen gehören Überstunden in Deutschland zum guten Ton: 70 Prozent leisten Mehrarbeit – die Dunkelziffer mag sogar höher liegen. Denn 13 Prozent haben schon einmal weniger Stunden erfasst, als sie tatsächlich geleistet haben. Die gute Nachricht: Immerhin 76 Prozent erhalten einen finanziellen oder Freizeitausgleich für die zusätzlich geleistete Arbeit. Doch die Frage nach Freizeit oder Geld stellt sich für 21 Prozent überhaupt nicht. Vielmehr sollten Überstunden gar nicht erst anfallen.

Weniger Flexibilität, weniger Druck

Denn Mehrarbeit bringt Nachteile mit sich. Bei 77 Prozent macht sich der Stress im Arbeitsleben bereits deutlich bemerkbar. Und das von zweierlei Seiten: 30 Prozent der Angestellten und Selbst-ständigen fühlen sich vor allem vom Vorgesetzten oder Auftraggeber unter Druck gesetzt, 28 Prozent jedoch am ehesten von sich selbst. Haben wir die Folgen von New Work also selbst in der Hand? Vielleicht, meint Lehne: „Obwohl gerade Flexibilität und Autonomie Kernbegriffe der neuen Arbeitswelt sind, zeigt die Studie doch deutlich: Arbeitnehmer und Freelancer in Deutschland wünschen sich mehr Stabilität und Struktur, um Zeit- und Leistungsdruck zu verringern.“ Eine bessere Balance zwischen Arbeitsumfang und -zeit (32 Prozent), klare Anweisungen (24 Prozent) und mehr Planbarkeit (23 Prozent) sind die Top 3-Wunschfaktoren für weniger Belastung.

Wenn der Job auf die Psyche schlägt

Dass Handlungsbedarf besteht, machen die So arbeitet Deutschland-Ergebnisse deutlich: 63 Prozent sehen mentale Probleme wie Burnout oder Schlafstörungen bereits jetzt als eine Folge von New Work. 67 Prozent befürchten sogar, die psychische Belastung werde in den nächsten Jahren noch steigen. Besonders problematisch vor diesem Hintergrund: Nach wie vor, so empfinden mehr als die Hälfte der Befragten in Deutschland, werden körperliche Schwächen ernster genommen. 71 Prozent wünschen sich deshalb von ihrem Arbeit- bzw. Auftraggeber eine Gleichbehandlung körperlicher wie mentaler Probleme.

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ELEKTRONIKPRAXIS im Interview mit Timo Lehne

Herr Lehne, was ist die Idee hinter der So arbeitet Deutschland-Studie von SThree?

Timo Lehne: Bei unserer So arbeitet Deutschland-Studie, bei der wir nun bereits zum fünften Mal mehr als 1.000 Menschen befragt haben, vergleichen wir die Wunscharbeitswelt der Beschäftigten in Deutschland mit der Wirklichkeit. Die zentrale Frage lautet: Ist New Work in Deutschland bereits angekommen? Und vor allem: Wollen die Menschen so arbeiten? Wir hinterfragen, was nur Hype ist und welche Entwicklungen tatsächlich bereits in der Unternehmensrealität angekommen sind – und wie sowohl Angestellte als auch Freelancer dazu stehen.

Wie definieren Sie New Work?

New Work wird sowohl durch technologische Entwicklungen als auch durch einen Kulturwandel definiert. Vor allem die Digitalisierung prägt die neue Arbeitswelt – beispielsweise wird dadurch flexibles Arbeiten, jederzeit und von überall, ermöglicht. Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Agilität zählen unter anderem zu einem neuen Selbstverständnis von Arbeit und prägen New Work maßgeblich.

Welche Wunscharbeitswelt zeigen die Ergebnisse der fünften So arbeitet Deutschland-Studie?

Die aktuellen Ergebnisse zeigen eine Wunscharbeitswelt, die sich durch folgende Schlagworte beschreiben lässt: ausreichend Freizeit, steigende Achtsamkeit von Vorgesetzten, Stabilität und das Ende des 8-Stunden-Tages. So wünschen sich viele Berufstätige, dass Überstunden gar nicht erst anfallen. Zudem wird der Wunsch nach mehr Stabilität und Planbarkeit laut. Die Ergebnisse zeigen ebenso, dass ein 8-Stunden-Arbeitstag nicht mehr der flexiblen Arbeitswelt entspricht: 40% der Befragten befürworten eine maximale Wochenarbeitszeit, 30% eine maximale Tages- und 19% eine maximale Monatsarbeitszeit. Ein Ende des 8-Stunden-Tages könnte zu weniger Druck bei Mitarbeitern führen, die ihre Arbeitstage entsprechend ihrer jeweiligen Auslastung planen könnten. Besorgniserregend ist, dass laut So arbeitet Deutschland physische und psychische Probleme als negative Folge von New Work zunehmen werden. So geben 67% an, sie befürchten einen Anstieg der psychischen Probleme durch die neue Arbeitswelt. Hier sind vor allem Führungskräfte gefragt: Es ist ihre Aufgabe, sich um das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter zu kümmern und hierfür müssen sie geschult werden.

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Was hier noch nicht einmal erwähnt wird sind die Zusatzstunden der Pendler. Da kann es durch zu...  lesen
posted am 08.10.2018 um 13:48 von ibw-oberhaching

zu viele Gesetze und Vorschriften diktieren ein Leben aals Mensch. Deren Anzahl belegt die...  lesen
posted am 06.10.2018 um 07:49 von ktelektronik@gmx.de

leider sind mehr als 10h zulässig für einige Berufsgruppen Arbeitszeitgesetz § 18 Nichtanwendung...  lesen
posted am 28.09.2018 um 09:57 von Unregistriert


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