Mathematische Formeln sollen Sicherheit beim autonomen Fahren garantieren

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Was ist "gesunder Menschenverstand"?

Ein Beispiel für das mathematische Modell in der Anwendung: Berechnete Sicherheitskorridore um das Fahrzeug herum sollen bei Einfahrmanövern Fehler feststellen und genug spielraum garantieren, um Unfällen vorzubeugen.
Ein Beispiel für das mathematische Modell in der Anwendung: Berechnete Sicherheitskorridore um das Fahrzeug herum sollen bei Einfahrmanövern Fehler feststellen und genug spielraum garantieren, um Unfällen vorzubeugen.
(Bild: Mobileye / Intel)

Nach Ansicht der Autoren von Mobileyes Studie bestehe durchaus Grund zur Sorge, dass das Fehlen einer Standardisierung der Sicherheitsgarantie und Skalierbarkeit das Interesse der Branche an autonomen Fahren in eine "akademische Nische" drängen und das gesamte Gebiet in einen "Winter des autonomen Fahrens" treiben würde. Es muss also eine Sicherheitsgarantie für selbstfahrende Fahrzeuge geschaffen werden, wenn die fertigende Industrie diese Produkte auch langfristig verfolgen und für den Massenmarkt anbieten möchte.

Der EE Times zufolge gehen einige Branchenanalysten davon aus, dass der Vorschlag von Mobileye ein "gutes Potenzial zur Verbesserung des autonomen Fahrens" hat. Allerdings sieht man dort auch ein solches quasi "blindes Vertrauen" auf mathematische Regeln kritisch. Denn eine solche Sicherheit könne nur garantiert werden, wenn jedes Fahrzeug sich an dieselben mathematischen Grundregeln hält.

Dies wäre aber hinfällig, sobald menschliche Fahrer die Bildfläche betreten. Deren Verhalten lässt sich nämlich nicht anhand mathematischer Modelle exakt vorausberechnen. Verlässt sich das autonome Fahrzeug allerdings blind auf sein mathematisches Modell, verhält es sich in einer kritischen Situation nach einem Fehlverhalten eines menschlichen Fahrers womöglich nicht auf eine Weise, die einen Unfall verhindern würde.

Tatsächlich erwähnen die Autoren des Papers die Problematik einer möglichen Kollision mit einem von einem Menschen gelenkten Fahrzeug. "Wenn das passiert, wird es eine Untersuchung geben, die Monate dauern kann" , führen die Autoren darin auf. "Selbst wenn das vom Menschen angetriebene Fahrzeug dafür verantwortlich war, ist das nicht sofort klar. Die öffentliche Aufmerksamkeit wird hoch sein, da ein autonomes Fahrzeug beteiligt war." Das könnte der Öffentlichkeit das Vertrauen in ein selbstfahrendes Auto nehmen – keine abwegige Vermutung, schließlich hatte ein Unfall eines Tesla-Fahrzeugs, dass mit "Autopilot" unterwegs war, für Aufregung und langwierige Untersuchungen gesorgt.

Das mathematische Modell soll eben dieses grundlegende Vertrauen schaffen. Die Autoren des Papers sehen sich hier auf der sicheren Seite, da ein "richtiges" Fahrverhalten anhand von "common sense" - "gesundem Menschenverstand" gewissermaßen – festgestellt werden könne. Das Team von Mobileye meint, den "[Daten-]Satz von Fahrszenarien, Konzepten der Priorität und des Fahrtweges Weges in Formeln packen zu können" und daraus Gleichungen aufzustellen, mit denen Sicherheitsabstand, Fahrtweg, Geschwindigkeit, Entfernung, etc. grundlegend 'korrekt' ermittelt werden können. Für die EE Times folgt daraus, Mobileye sei der folgenden Ansicht: Derjenige, der sich bei einem Unfall nicht an diese Formeln gehalten habe, sei demnach auch Schuld.

Allerdings räumte Shashua bei seiner Ansprache selbst ein, dass absolute Sicherheit nicht existieren kann, solange menschliche Fahrer am Straßenverkehr teilnehmen. Als "sicher" definiert er daher zunächst autonome Fahrzeuge, die niemals selbst einen Unfall verursachen würden.

Das würde dann aber auch voraussetzen, dass sich wirklich alle autonomen Fahrzeuge an dieselben mathematischen Formeln halten. Und dass alle Entwickler der zugehörigen Software derselben Ansicht sind, wenn es um Einschätzungen anhand von "gesundem Menschenverstand" geht.

Mobileye sagt: "Wenn die Regeln vorherbestimmt sind, dann kann die Untersuchung [nach einem Unfall] sehr kurz sein und auf Fakten basieren, und die Verantwortung kann schlüssig bestimmt werden". Mike Demler bezeichnet das hingegen einfach als "unglaublich naiv": In welcher Untersuchung zu einem Verkehrsunfall würden sich beide beteiligten Parteien eindeutig klar darüber sein, dass seine eigenen Fakten nicht die richtigen seien? Gerade wenn es um Rechtsfragen geht ist "gesunder Menschenverstand" nicht so leicht zu definieren.

"Ein gemeinsamer Satz von Tests für die Sicherheit autonomer Fahrzeuge ist definitiv erforderlich." zitiert die EE Times Demler weiter. "Aber diese Tests werden nicht von einem Algorithmus eines Prozessorherstellers stammen. Das können sie nicht, denn so funktioniert die Gesellschaft nicht."

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