Industrie verschärft Engpässe selbst Materialmangel: Unternehmen bestellen mehr als nötig

Von Michael Eckstein

Die deutsche Digital- und Elektroindustrie leidet nicht nur unter der Materialknappheit – sie heizt diese selbst mit an. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Branchenverbands ZVEI.

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Ein zu hohes Bestellaufkommen auf der einen Seite verschärft die Mangelsituation auf der anderen. Da beide Teil der Gesamtsituation sind, entsteht Chaos.
Ein zu hohes Bestellaufkommen auf der einen Seite verschärft die Mangelsituation auf der anderen. Da beide Teil der Gesamtsituation sind, entsteht Chaos.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Mangel-Paradoxon: Wenn es wenig gibt, bestellt man mehr. Was wiederum den Engpass verschärft. Genau das passiert gerade in der deutschen Elektro- und Digitalindustrie, wie der ZVEI bestätigt. Besonders Vorprodukte seien gerade ein rares Gut – und somit besonders gefragt. Was zu übermäßigen Bestellungen führt.

„Etwa die Hälfte unserer Mitgliedsunternehmen nimmt wahr, dass ihre Kunden mehr ordern als benötigt wird. Ein Sechstel sogar in hohem Maße“, erklärt Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, die Ergebnisse einer Mitgliederbefragung des Verbands. Doch nicht nur die Kunden agieren so, auch zwei Drittel der Unternehmen der Elektro- und Digitalindustrie sehen sich offenbar zu mehr Bestellungen gezwungen – um Knappheiten möglichst vermeiden zu können.

Materialmangel: Fast alle Unternehmen sind betroffen

Aktuell sähen sich fast alle Unternehmen der deutschen Elektro- und Digitalindustrie mit Materialknappheiten und Lieferengpässen konfrontiert. „Für drei Viertel der befragten Unternehmen hat sich die Lage in den vergangenen drei Monaten noch verschärft – für ein Drittel sogar deutlich“, sagt Weber. Schwierigkeiten gibt es derzeit laut Umfrage insbesondere bei der Lieferung von Vorprodukten (41 %). Aber auch eigene zu liefernde Produkte sind betroffen.

Ein rasches Ende der Knappheiten sei nicht in Sicht: Rund die Hälfte der Unternehmen erwartet, dass die aktuelle Situation noch bis Mitte des nächsten Jahres anhalten wird. Die andere Hälfte geht davon aus, dass die Lage sogar darüber hinaus angespannt bleibt.

„Es klemmt in fast jeder Ecke!“

Ein Grund ist, dass die Branche stark in die internationalen Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden ist. Ergo ist ihr wirtschaftlicher Erfolg in hohem Maße von einem reibungslos arbeitenden internationalen Warenverkehr abhängig. Doch der stockt gerade gewaltig, und zwar weltweit. „Die Unternehmen könnten deutlich mehr produzieren, wenn die gravierenden Versorgungsengpässe nicht drücken würden“, sagt Weber. „Es klemmt in fast jeder Ecke.“

Ohne die Knappheiten und Logistikprobleme hätte der diesjährige Umsatz um bis zu zehn Prozent höher ausfallen können, schätzen die Unternehmen. Aktuell hinke die Produktion der Entwicklung bei den Auftragseingängen deutlich hinterher. In den ersten drei Quartalen 2021 lagen diese um mehr als ein Viertel über Vorjahr.

Trotz Problemen: Produktionsrückgang von 2020 mehr als wettgemacht

Trotz der Probleme hält der ZVEI laut Weber an seiner Prognose vom Sommer fest und erwartet, dass die Produktion in diesem Jahr um acht Prozent zulegen wird. Damit könnte der pandemiebedingte Produktionsrückgang von sechs Prozent im vergangenen Jahr mehr als wettgemacht werden.

Um sich für künftige Engpässe besser zu wappnen, setzen die Firmen vor allem auf eine Diversifizierung der Lieferketten (69 %), mehr Lagerhaltung (65 %) und langfristigere Lieferverträge (45 %).

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