Lehren aus der Chip-Krise Marktforscher: Autobauer werden verstärkt eigene ICs entwickeln

Von Michael Eckstein

Bereits 2025 wird die Hälfte der zehn größten Autoproduzenten eigene Prozessoren für ihre spezifischen Anforderungen entwickeln – davon ist Analyst Gartner überzeugt. Treiber sind demnach die Elektromobilität und die zunehmende Digitalisierung der Fahrzeuge.

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Schon die Instrumententafel aktueller Autos – hier das Interieur des aktuellen VW ID.4 – zeigt, dass ohne den Einsatz zahlreicher Halbleiter in modernen Fahrzeugen nichts mehr geht. Ein neuralgischer Punkt – weswegen die Autokonzerne unabhängiger von externen Lieferanten werden wollen.
Schon die Instrumententafel aktueller Autos – hier das Interieur des aktuellen VW ID.4 – zeigt, dass ohne den Einsatz zahlreicher Halbleiter in modernen Fahrzeugen nichts mehr geht. Ein neuralgischer Punkt – weswegen die Autokonzerne unabhängiger von externen Lieferanten werden wollen.
(Bild: Volkswagen AG)

Angesichts der aktuellen Halbleiter-Engpässe werden Autobauer nach Einschätzung von Marktforscher Gartner verstärkt eigene Chips entwickeln. Bis 2025 werden demnach rund die Hälfte der weltweit größten Automobilhersteller eigene Prozessoren zum Beispiel für Fahrerassistenzsysteme und Plattformen für autonomes Fahren entwickeln. Neben der fortschreitenden Digitalisierung sei für die Anbieter auch der Wunsch entscheidend, die Kontrolle über ihre Produkt-Roadmap und Lieferketten zurückzugewinnen.

„Die Lieferketten für Halbleiter, die in Fahrzeugen zum Einsatz kommen, sind vielschichtig“, sagt Gaurav Gupta, Research Vice President bei Gartner. In den meisten Fällen seien die Chiphersteller traditionell Tier-3- oder Tier-4-Zulieferer der Automobilhersteller. Das heißt, dass es in der Regel eine Weile dauert, bis sie sich an die Veränderungen der Nachfrage auf dem Automobilmarkt anpassen. Diese mangelnde Transparenz in der Lieferkette habe den Wunsch der Automobil-OEMs nach mehr Kontrolle über ihre Halbleiterlieferungen verstärkt.

Schnelle Erweiterung der Chip-Fertigungskapazität kaum möglich

Darüber hinaus betreffe die anhaltende Chip-Knappheit in erster Linie Produkte, die oft auf kleineren 8-Zoll-Wafern hergestellt werden. Hier sei eine Kapazitätserweiterung schwierig. „Die Automobilindustrie ist bei der Qualifizierung älterer Chips auf neueren Prozessen mit größeren Wafern konservativ vorgegangen“, sagt Gupta. Das habe eine schnellere Reaktion auf die Marktgegebenheiten verhindert – und „wird sie wahrscheinlich dazu motivieren, das Chipdesign selbst zu übernehmen.

Hinweise aus der Branche, die in diese Richtung zielen, gibt es bereits. So hatte etwa Volkswagen im Mai angekündigt, seine Software-Tochter Cariad fit für zukünftige Mobilitätskonzepte machen zu wollen und mehr „Definitionskompetenz bei Halbleitern“ zu erlangen – zum Beispiel über das Design eigener Halbleiter für das autonome Fahren.

Mehrere Autokonzerne planen das Entwickeln eigener Chips

Auch der Konzern Stellantis, der unter anderem Peugeot, Fiat und Opel vereint, will eigene Chips gemeinsam mit dem Elektronik-Auftragsfertiger Foxconn entwickeln. Nach eigenen Angaben sollen die Komponenten mehr als 80 Prozent des eigenen Bedarfs abdecken, aber auch anderen in der Branche angeboten werden. Die Partnerschaft soll mit ersten Produkten ab 2024 auch die angespannte Lieferkette stabilisieren.

Das Modell der internen Chipentwicklung, bekannt als „OEM-Foundry-Direct“, wird sich laut Gartner bei den Technologieunternehmen noch verstärken, da sich der Halbleitermarkt aktuell verändert. So würden einerseits mehr Chipentwickler Zugang zu modernstem geistigem Eigentum gewähren, was das Entwickeln kundenspezifischer Chips vereinfache. Andererseits würden Halbleiterhersteller wie TSMC und Samsung modernste Fertigungsprozesse bereitstellen. Daher geht Gartner-Analyst Gupta davon aus, dass die aktuelle Mikrochip-Knappheit die Automobilhersteller „weiter dazu bringen werde, sich zu Technologieunternehmen zu entwickeln“.

Abhängigkeit von Chipherstellern bleibt bestehen

Doch auch dieser Schritt dürfte kaum dazu beitragen, dass die Autohersteller im Wettstreit um die begehrten Fertigungskapazitäten in der Gunst der Halbleiterhersteller schnell nach oben gelangen. Was hier in erster Linie zählt, sind Stückzahlen und planbare Auslastung.

Auch wenn damit zu rechnen ist, dass immer mehr ICs in modernen Autos verbaut werden – Intel-Chef Pat Gelsinger rechnet zum Beispiel damit, dass im Jahr 2030 Halbleiter 20 Prozent des Wertes eines Premium-Fahrzeugs ausmachen werden – fertigen die Chiphersteller überwiegend für Produzenten von Consumer-Artikeln.

Autos werden zukünftig wieder eher repariert

Allein bei Smartphones geht es um mehr als eine Milliarde Geräte jährlich. Auf die Autohersteller entfallen hingegen nur fünf bis zehn Prozent des globalen Chipverbrauchs, der sich auf einige Millionen Fahrzeuge jährlich verteilt. Auch der höhere Bedarf im Zuge der Digitalisierung der Autos wird ihnen nach Experteneinschätzung keine entscheidend bessere Verhandlungsposition bei Chipkonzernen geben.

Hinzu kommt: Laut Gartner wird der durchschnittliche Verkaufspreis von Neufahrzeugen in den USA und in Deutschland bis 2025 auf über 50.000 US-Dollar steigen, während durch die galoppierende Inflation die Kaufkraft potenzieller Kunden sinkt.

Das werde dazu führen, das ältere Fahrzeuge verstärkt repariert und oder aufgerüstet werden. „Diese Preisbeschleunigung wird wahrscheinlich die Gesamtzahl der Fahrzeugverkäufe verringern und den Markt für Ersatzteile und Upgrades vergrößern, da die Menschen versuchen, bestehende Fahrzeuge länger auf der Straße zu halten“, sagt Mike Ramsey, Research Vice President bei Gartner.

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