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Magna-Chef Apfalter: Ein wenig Entschleunigung wäre gut

| Autor / Redakteur: Susanne Schnabl-Wunderlich* / Martina Hafner

Im Vorfeld der Europäischen Toleranzgespräche sprach Magna-Chef Günther Apfalter im Interview über seine Lehren aus der Corona-Krise, den Transformationsprozess der Automobilbranche und darüber, warum er das Streben nach noch mehr Wirtschaftswachstum für überdenkenswürdig hält.

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Günther Apfalter: Der Chef des mit 63.000 Mitarbeitern größten europäischen Automobilzulieferers, Magna International Europe, plädiert im Interview für ein Gesundschrumpfen der Autoindustrie. Das Interview war Auftakt und Vorschau zum Thema der Europäischen Toleranzgespräche, "Exodus - Auszug aus dem Vertrauten".
Günther Apfalter: Der Chef des mit 63.000 Mitarbeitern größten europäischen Automobilzulieferers, Magna International Europe, plädiert im Interview für ein Gesundschrumpfen der Autoindustrie. Das Interview war Auftakt und Vorschau zum Thema der Europäischen Toleranzgespräche, "Exodus - Auszug aus dem Vertrauten".
(Bild: Magna Europe)

Herr Apfalter, "Exodus - Auszug aus dem Vertrautem" lautet das Motto der heurigen Toleranzgespräche in Fresach. Genau dazu hat uns das Corona-Virus schlagartig gezwungen, unseren vertrauten Alltag im Privat- und Arbeitsleben abrupt zu ändern. Wie sehr sind Sie als Verantwortlicher eines globalen Unternehmens davon überrascht worden?

Nicht sehr, wir waren vorbereitet durch unsere Werke in China. Eines davon steht auch in Wuhan und daher wussten wir, wie sich das Virus auf die Produktion auswirkt. Aber was mich schon überrascht hat, war die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus innerhalb von nur zwei bis drei Wochen global ausgebreitet hat. Jetzt sind wir einmal in der sogenannten neuen Normalität angekommen und hoffen, bald in unsere bisher gewohnte Normalität zurückzukehren.

Wie sehr kann man auf eine solche noch nie da gewesene Krise in einer globalen Welt überhaupt vorbereitet sein?

Durch Krisenerfahrung. Wir hatten 2008 und 2009 eine Finanz- und dann Wirtschaftskrise und jetzt eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst durch ein Virus. Die ökonomischen Herausforderungen sind bis zu einem gewissen Grad dieselben und diese Erfahrung aus der Vergangenheit hilft uns jetzt. Wir haben daraus gelernt und außerdem haben wir in einem internationalen Unternehmen wie unserem natürlich immer Krisenpläne in der Schublade. Wir operieren in 29 Ländern dieser Welt, in der es nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische oder militärische Krisen geben kann. Darauf muss man vorbereitet sein.

Wie funktioniert das dann in der Praxis, wenn vertraute Arbeitsabläufe schlagartig geändert werden müssen oder gar nicht mehr funktionieren?

Man nominiert ein Krisenteam, das sämtliche Teile des Unternehmens abdeckt und arbeitet eine Notfall-Checkliste wie in einem Flugzeugcockpit ab, evaluiert die wichtigsten Maßnahmen und Erfahrungen. Und selbst daraus lernen wir viel; derzeit zum Beispiel sehr viel über Hygiene- und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz - Wissen, das uns bleibt und wir auch wieder geschäftlich verwerten können.

Mittlerweile befinden wir uns ja nicht nur in einer der größten Gesundheits-, sondern vor allem Weltwirtschaftskrisen seit dem Zweiten Weltkrieg. Was bedeutet das für die Automobilbranche, die derzeit nicht nur technologisch, sondern auch durch die Klimakrise in einem riesigen Transformationsprozess ist?

Ich versuche immer, positiv zu denken, wie ist der Weg aus der Krise managebar. Wir müssen jetzt die richtigen Maßnahmen setzen. Aber mir stellt sich schon die Frage: Muss man wieder alles so machen wie bisher? Muss der Kochtopf immer knapp vor dem Überlaufen sein?

Was heißt das konkret, was muss sich ändern?

Wir sollten daraus lernen - persönlich und auch ökonomisch. Ich hoffe, dass wir etwas zurückschalten und nicht alles mit hundertprozentiger Wirkung weiter nach oben treiben. Das spielt sich im Kopf ab. Ob die Menschheit das jetzt lernt und bewusster handelt und lebt, das traue ich mich nicht vorherzusagen. Es wäre aber wünschenswert.

Weniger, langsamer bedeutet aber auch weniger Wirtschaftswachstum?

Mir ist eine flache Wachstumskurve lieber als eine steile, die dann aufgrund eines Ereignisses wie eben der Corona-Krise stark absackt. Kontinuität ist besser. Da kann ich besser planen und habe mehr Ruhe im System.

Umgelegt auf jeden von uns heißt das dann weniger Konsum, mehr Verzicht. Aber ist das auch im Sinne eines Konzern, wie jenen, den sie leiten und der natürlich von der Nachfrage der Autokäufer lebt?

Wenn wir den mitteleuropäischen Durchschnittsbürger hernehmen, dann ist das Auto die zweitgrößte Investition nach Haus und Wohnung. Wenn ich also vorausschauender, bewusster plane, investiere und lebe, dann leiste ich dadurch nicht nur meinen persönlichen Beitrag und verschulde mich womöglich auch nicht, sondern erleichtere auch der Politik und der Wirtschaft eine bessere und nachhaltigere Planung. Wir sollten alle etwas zurückschalten und nicht immer Vollgas fahren.

Das ist ein interessanter Punkt. Wie soll das gelingen? Wir wissen oft selbst aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, unsere Gewohnheiten zu ändern. Braucht es dafür staatliche Intervention, also Gesetze, Verbote oder Anreize und Motivation, um unser Verhalten gerade im Bezug auf die Klimakrise zu ändern?

Das ist zum einen unsere persönliche Sache. Mobilität hat sich schon immer verändert. Es wird nur immer dynamischer. War die Klimaanlage im Auto in den siebziger Jahren die größte Innovation, so reden wir jetzt über alternative Antriebsformen vom Elektroauto bis hin zu Wasserstoff oder anderen alternativen Antriebsformen. Es ist die Entscheidung des Endverbrauchers, des Kunden, also von uns allen, wie wir von A nach B kommen. Und zum anderen ist es die Entscheidung der Politik. Will ich in den Groß- aber auch Bezirksstädten die individuelle Mobilität einschränken? Wenn ja, dann muss ich alternative Lösungen anbieten.

Aber das bedeutet dann auch für einen Konzern wie Magna-Steyr Einschnitte, weniger Einnahmen, wenn weniger Autos verkauft werden?

Genau. Dann müssen wir eben die Kapazitäten anpassen, die Kosten anpassen, weniger produzieren.

Das klingt jetzt sehr pragmatisch, aber Sie sind ja auch den Aktionären verpflichtet, und die wollen Gewinne sehen?

Natürlich, dann gibt es eben absolut weniger. Auch in diesem Jahr gehen wir von verschiedenen Szenarien aus, dass weniger Autos verkauft werden. Das bedeutet weniger Ergebnis. Aber und das ist wichtig, wenn ich weiß, dass Alternativen gebraucht und auch angeboten werden, zum Beispiel "people mover" in den Innenstädten, die die Menschen von A nach B bringen, weil Autos nicht mehr hinein dürfen, dann muss ich mich genau auf diese neuen Produkte konzentrieren. Und das passiert auch gerade in unseren Strategieabteilungen und im Prototypenbau.

Bedeutet das in Summe auch weniger Arbeitsplätze, die dadurch verloren gehen?

Das ist klar. Wenn ich weniger Autos baue, dann habe ich weniger Jobs. Wenn ich aber alternative Produkte baue, dann kann ich diese Jobs wieder durch neue kompensieren.

Aber nicht 1:1 oder kann man in solch einem großen Transformationsprozess auch durch die Digitalisierung jeden Arbeitsplatz durch einen neuen, anderen bzw. durch Umschulungen sichern?

Ich vermeide das Wort "Sicherung" von Arbeitsplätzen. Man kann sicherlich sagen, früher gab es mehr manuelle Jobs, und jetzt macht das der Roboter oder die Fertigungsanlage, aber die muss eben auch von jemandem gebaut, programmiert und bedient werden. Der Tipping Point ist, die Politik ist jetzt gefragt. Wenn wir Mobilität aufgrund der Emissionen anders, alternativer wollen, dann muss jetzt die Politik hergehen und entscheiden. Dann muss der Bürgermeister auch in einer westlichen Demokratie Verordnungen erlassen, dass in der Innenstadt weniger emissionsausstoßende Fahrzeuge fahren dürfen und dafür Alternativen anbieten, die die Leute transportieren. Diese Produkte müssen entwickelt und gebaut werden, und genau das schafft Arbeitsplätze.

Da wird Ihnen jeder zustimmen. Aber mein Eindruck ist in der derzeitigen Corona-Krise und der nach wie vor existierenden Klimakrise ein ganz anderer - zumindest, wenn wir nach Deutschland schauen. Dort fordert die Automobilbranche Kaufprämien vom Staat, um zu überleben.

Ja, aber schauen wir nach Singapur, ein Vorreiterland, wo ich vor der Corona-Krise gemeinsam mit einer österreichischen Wirtschaftsdelegation zum Essen bei Premierminister Lee Hsien Long eingeladen war und der uns erzählt hat, wie sie es gemacht haben. Da braucht es gestandene Politiker, die Entscheidungen treffen. Die Industrie ist vorbereitet. All diese Konzerne können alternative Verkehrsmittel produzieren. Man muss nur endlich einmal politische Grundlagenentscheidungen treffen, damit man planen kann, wie viele dieser neuen Verkehrsmittel wir in den nächsten sieben bis acht Jahren brauchen.

Demnach klingt der "Exodus aus dem Vertrauten" nicht so schlimm, wenn man gut darauf vorbereitet ist?

Richtig. Unser Konzernsatz lautet "Walk the Talk". Nicht nur sprechen, sondern machen, umsetzen.

Kommen wir noch einmal zur Frage des uns Vertrauten. Im Bezug auf Mobilität ist es auch ein Wohlstandsversprechen, selbstbestimmt mit dem Auto wann und wohin auch immer zu fahren. Entkoppelt von der Frage klimaschädlicher Emissionen, ist diese mobile Freiheit eine Errungenschaft für den Großteil der Gesellschaft, die vor Jahrzehnten nur wenigen vorbehalten war. Somit ist der Klimawandel auch eine soziale Frage.

Diese Frage muss sich jeder selbst stellen, ob er mit dem Auto, Zug, Fahrrad fährt oder zu Fuß geht. Aber klar ist, dass man in ländlichen, dünn besiedelten Gebieten den öffentlichen Verkehr weder praktisch noch wirtschaftlich rentabel so ausbauen kann, um all diese Bedürfnisse zu stillen. Da geht es wiederum um die Balance in einer demokratischen Gesellschaft und die Frage, welche Einschränkungen ist die Gesellschaft bereit hinzunehmen.

Wie soll die Klimawende dann gelingen? Derzeit sind E-Autos für viele schlichtweg nicht leistbar und technisch auch noch nicht so leistungsfähig wie diesel- oder benzinbetriebene Fahrzeuge?

Der Entwicklungszyklus eines Fahrzeuges beträgt sieben Jahre. Das heißt, die Fahrzeuge, die 2023 bis 2025 auf den Markt kommen, sind fertig entwickelt. Wir produzieren jetzt in Graz ein Elektrofahrzeug. In zehn Jahren nur mehr so unterwegs zu sein, wird derzeit vom Kunden aber nicht nachgefragt, weil es physikalisch derzeit einfach noch nicht möglich ist. Und die Preisfrage stellt sich deswegen, weil die Batterie so teuer ist. Das ist ein kleines chemisches Kraftwerk, das in alle Einzelteile zerlegt werden muss, bevor diese recycelt werden können.

Was wäre dann ein Zeithorizont, bis nur mehr emissionsfreie Fahrzeuge unterwegs sind?

Frühestens ab 2035, aber selbst dann muss die Gesellschaft gewisse Einschränkungen hinnehmen.

Bedeuten die Entwicklungsschritte bis dahin eine Revolution oder mehr Evolution im Bereich der Mobilität?

Innovationen sind großteils immer Evolutionen. Nehmen wir die Entwicklung vom Festnetztelefon zum Handy. Die Frage, die sich jetzt stellt ist: Nimmt diese Dynamik weiterhin zu oder bremst sie sich ein? Und jetzt komme ich wieder zur Entschleunigung. Das würde uns allen guttun und auch für eine besser planbare und konstantere Wirtschaftsleistung sorgen.

Sie wünschen sich Entschleunigung, aber geht es angesichts der derzeitigen Krise(n) nicht vielmehr um Angst? Angst um die Gesundheit, den Arbeitsplatz, den Lebensstandard?

Ja, das ist ein wesentlicher Punkt. Jetzt muss die Angst unbedingt raus aus der Kommunikation und in Zuversicht umgewandelt werden.

Mit und durch Zuversicht aus der Krise, wie kann das gelingen?

Das fängt mit der Headline unseres Interviews an, was sie daraus machen (lacht). Und damit sind wir wieder am Beginn unseres Gesprächs. Es geht um die Sicht der Dinge. Sehe ich das Glas halbvoll oder halbleer. Nur mit Zuversicht kommen wir aus dieser aktuellen Krise und der Erkenntnis, einiges anders und besser zu machen.

*Das Interview führte ORF-Report-Moderatorin Susanne Schnabl-Wunderlich im Vorfeld der Europäischen Toleranzgespräche 2020, die vom 27. bis 30. Mai im Kärntner Bergdorf Fresach stattfanden.

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