LTE-Offensive könnte 5G vorantreiben

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Andreas Donner

Mit Beamforming böten bestehende Mastabstände genug Potential für 5G-Verbindungen mit mehreren hundert Mbit/s.
Mit Beamforming böten bestehende Mastabstände genug Potential für 5G-Verbindungen mit mehreren hundert Mbit/s. (Bild: Vdoafone)

Die drei deutschen Mobilfunkbetreiber strotzen dieser Tage nur vor so Tatendrang. Allein im laufenden Jahr sollen Tausende neuer Mobilfunkstandorte entstehen. Eine Größenordnung, die folgender Artikel in eine technische und politische Relation zu setzen versucht.

In Sachen Mobilfunkausbau wollen sich Deutsche Telekom, Telefónica und Vodafone derzeit anscheinend gegenseitig übertrumpfen. Anfang des Jahres kündigte die Telekom an, 2.000 neue Standorte zu planen. Telefónicas O2-Netz wuchs im ersten Quartal stündlich um einen neuen LTE-Sender – das entspricht 2.200 neuen oder erweiterten Standorten. Vodafone spricht von 4.000 LTE-Bauvorhaben für dieses Jahr, darunter 2.800 neue LTE-Stationen in Gebieten, die bislang noch nicht mit LTE versorgt sind.

Das wirft zwei Fragen auf. Erstens: Wie beeindruckend sind die publizierten Zahlen tatsächlich im Verhältnis zur Größe der Netze. Und zweitens: Warum bemühen sich Netzbetreiber aktuell so sehr um die Erweiterung ihrer Infrastrukturen?

Die Standortzahlen laut Bundesnetzagentur

Punkt eins lässt sich vergleichsweise leicht beantworten. Laut Bundesnetzagentur existierten Anfang 2018 bundesweit 74.280 Standorte mit Mobilfunk – also kommerziell betriebenen GSM-, UMTS und LTE-Netzen. Interessant allerdings dabei: Ein halbes Jahr zuvor listete die Statistik mit 74.337 noch einige Standorte mehr.

Vodafone gibt derweil an, in den erste neun Jahren seit der Erlangung einer LTE-Lizenz rund 17.500 entsprechende Stationen in Betrieb genommen zu haben. Das bedeutete einen Zuwachs von knapp 2.000 Stationen im Jahr. Vor diesem Hintergrund wären 2.800 neue LTE-Stationen tatsächlich überdurchschnittlich viel.

LTE bei O2: Von 85 auf 100 in einem Jahr

Zu den Gründen befragt gibt sich der Anbieter jedoch eher vage. Trotz guter bis sehr guter Netzversorgung und Netzqualität gebe es keinen Anlass, sich auszuruhen – heißt es da. Ziel sei es eine nahezu flächendeckende Mobilfunkversorgung der Bevölkerung herbeizuführen. Derzeit erreiche man lediglich 93,5 Prozent der Bevölkerung mit schnellem LTE-Internet. Mitbewerber Telefónica nennt übrigens eine noch niedrigere Zahl: Mit dem eigenen LTE-Netz erreiche man aktuell mehr als 85 Prozent der deutschen Bevölkerung (Stand September 2018) – wolle den eigenen Kunden LTE aber bis Ende 2019 „nahezu flächendeckend“ anbieten.

Ein wesentlicher Treiber beim Netzausbau ist womöglich eine Versorgungsauflage aus der Versteigerung der LTE-Frequenzen. Gemäß den Vorgaben der 2015 durchgeführten Frequenzversteigerung für mobiles Breitband sollten erfolgreiche Bieter innerhalb von drei Jahren nach Zuteilung der Frequenzen 98 Prozent der Haushalte bundesweit versorgen. Und das mit mindestens 50 Mbit pro Antennensektor.

Wie ernst diese Vorgabe bislang kontrolliert wurde ist umstritten. So ergab eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Margit Stumpp von den Grünen an die Bundesregierung noch 2018: Grundlage der Überwachung sind Angaben der Mobilfunknetzbetreiber, die Bundesnetzagentur überprüfe diese „mittels umfangreicher Stichprobenmessungen“.

Für den Parlamentarischen Staatssekretär Steffen Bilger (CDU) ermöglichten diese eine hinreichende Einschätzung. Stumpp kritisiert das Vorgehen derweil als „Scheinanalyse“ und hinterfragt zugleich den zusätzlichen Nutzen der von der Bundesnetzagentur bereitgestellten App zur Breitbandmessung; diese wurde nach einem Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) so erweitert, dass Bürger Lücken in der Mobilfunkabdeckung melden können.

Verhandlungsmasse für 5G-Versteigerung

In der gemeinsamen Erklärung zum Mobilfunkgipfel am 12. Juli 2018 (PDF) hatten die Mobilfunkbetreiber zudem zugesagt, bis Ende 2020 99 Prozent der Haushalte mit mindestens 4G und 50 Mbit/s pro Abstrahlleistung am Mast zu versorgen. Als Teil der Ausbauoffensive sollen die Netzbetreiber bis 2021 mindestens 1.000 neue 4G-Standorte in den weißen Flecken aufbauen respektive aufrüsten. Jenseits dieser Regionen müssen 10.000 4G-Standorte neu entstehen oder erweitert werden.

Den zusätzlichen Prozentpunkt aus der Zusage der Netzbetreiber kritisiert die Grünenpolitikerin Stumpp als mögliche Verhandlungsmasse, welche die Mobilfunkbetreiber bei der aktuell laufenden 5G-Lizenzvergabe einsetzen könnten.

In diesem Sinne ließe sich auch von Hannes Ametsreiter, CEO Vodafone Deutschland, verfasster Blogbeitrag lesen, der Anfang März veröffentlicht wurde. Darin fordert Ametsreiter etwa klare Spielregeln von der Politik und plädiert für eine Ausbau-Allianz der drei etablierten Netzbetreiber. Ein nationales „Roaming, wo drei Spieler geben und ein vierter sich ins gemachte Netz setzt“ sei hingegen unfair. Ein klarer Angriff gegen die Drillisch Netz AG, die sich bei der Auktion um 5G-Frequenzen beteiligt.

Basen für 5G

Wenngleich bereits seit über einem Jahr erste Testnetze für 5G funken, wird der eigentliche Aufbau von kommerziellen Netzen erst nach Vergabe der nötigen Lizenzen und Frequenzen starten. Die im Rahmen des LTE-Ausbaus installierten Basen könnten hierfür eine solide Grundlage für einen Überbau bieten – und das Rollout somit beschleunigen. Auch wirtschaftlich erscheint ein Überbau sinnvoll: Laut Branchenexperten sind Erschließung und Bau von Sendemasten nämlich sechsmal so teuer wie die eigentliche Systemtechnik.

Mit Beamforming und Advanced Antenna Units wären mit nachträglich aufgerüsteten Mobilfunkmasten auch zu LTE vergleichbare Reichweiten abbildbar – zumindest in Frequenzbereichen bis zu zwei GHz. Experten zufolge seien somit auch über Distanzen bis 600 Meter noch mehrere hundert Mbit/s machbar. Die Antennentechnik vereint bis zu 128 speziell angeordnete winzige Antennen auf kleinstem Raum. Über wechselnde Strahlungsprofile sollen sich so zeitgleich zahlreiche Kunden zuverlässig und gezielt mit hohen Bandbreiten versorgen lassen.

Eine flächendeckende 5G-Versorgung dürfte so schnell dennoch kaum zu realisieren sein. Denn hierfür bedarf es auch einer entsprechend leistungsfähigen Glasfaseranbindung der Mobilfunkbasen. Nicht zu vernachlässigen ist überdies die Energieversorgung der zuvor genannten Beam-Forming-Antennen. Statt rund 1.000 Watt klassischer Systeme benötigen diese pro Stück etwa 350 Watt mehr. Und wenn man per Millimeterbereich Datenraten bis zu 20 Gbit/s bereitstellen wolle, sinke die sinnvolle Reichweite der Luftschnittstelle ohnehin auf 100 bis 200 Meter.

5G geknackt: Anfällige Authentifizierung und Angst vor dem „Kill-Switch“

5G geknackt: Anfällige Authentifizierung und Angst vor dem „Kill-Switch“

18.02.19 - Kaum sind erste 5G-Testnetze installiert, warnen Experten vor Schwachstellen. Und zwar ausgerechnet in dem Protokoll, das die Kommunikation absichern soll. Davon könnten nicht nur kriminelle Hacker profitieren, sondern auch die Polizei und Geheimdienste. Die sehen aber noch ganz andere Gefahren. lesen

5G-mmWave-Funk zehnmal schneller als bisherige Richtfunktechnik

5G-mmWave-Funk zehnmal schneller als bisherige Richtfunktechnik

14.05.19 - 100 GBit/s Datendurchsatz per 5G: Mit einer im Mikrowellenlängenbereich zwischen 70 und 80 GHz arbeitenden 5G-Richtfunkstrecke haben Ericsson und Deutsche Telekom einen neuen Temporekord aufgestellt. Eignet sich die Technik als Glasfaser-Ersatz? lesen

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Ip-insider.de.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45937767 / 5G Mobilfunk)