VDE Positionspapier Hidden Electronics III Last Call: VDE fordert europäischen Mikroelektronik-Masterplan

Redakteur: Michael Eckstein

Chip- und Materialmangel halten die Wirtschaft im Würgegriff, zudem fehlen immer mehr qualifizierte Fachkräfte: In seinem neuen, auf dem MST Kongress 2021 vorgestellten Positionspapier Hidden Electronics III unterstreicht der VDE erneut, wie wichtig ein europäischer Masterplan für Mikroelektronik ist – und fordert den Abbau von Investitionshürden sowie die Optimierung von Fördermöglichkeiten.

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Unscheinbar, aber essenziell: Ohne die oft winzigen Halbleiterchips geht heute in den meisten und wichtigsten Branchen nichts mehr. Daher brauche es dringend einen Plan, wie man die Versorgungssicherheit mit den strategischen Komponenten langfristg sicherstellen kann.
Unscheinbar, aber essenziell: Ohne die oft winzigen Halbleiterchips geht heute in den meisten und wichtigsten Branchen nichts mehr. Daher brauche es dringend einen Plan, wie man die Versorgungssicherheit mit den strategischen Komponenten langfristg sicherstellen kann.
(Bild: Bosch / Agentur Focus)

Ein europäischer Masterplan für die Mikroelektronik ist eines der Kernthemen auf dem 9. MST Kongress. Wesentliche Ziele müssten der Abbau von Investitionshürden und der Aufbau einer international konkurrenzfähigen Förderung sein, unterstrich Professor Christoph Kutter, VDE Präsidiumsmitglied, stellvertretender Verbundsprecher Mikroelektronik im Fraunhofer-Verband und Co-Autor des VDE Positionspapiers Hidden Electronics III, zum Auftakt der Veranstaltung: „Ein neues IPCEI für Mikroelektronik steht an, Firmen wie Intel und TSCM wollen in Europa investieren – die EU muss jetzt handeln, um Innovationskraft und gesellschaftlichen Wohlstand in Deutschland und Europa für die Zukunft zu sichern.“

Das Positionspapier Hidden Electronics III, das im Rahmen des MST-Kongresses 2021 in Ludwigsburg bei Stuttgart erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde, skizziert unter anderem wesentliche Punkte eines europäischen Mikroelektronik-Masterplans.

Mikroelektronik als Basis für Technologiesouveränität begreifen

Während die USA und Staaten in Asien zweistellige Milliardensummen investieren, um ihre führende Rolle in der Mikroelektronik weiter auszubauen, stagniert der Marktanteil Europa am Halbleitermarkt statt bei angestrebten 20 Prozent aktuell bei lediglich sieben Prozent. Daher sieht der VDE dringenden Handlungsbedarf: Wenn die EU technologisch souverän bleiben wolle, sei das Erhalten der Kompetenz in der Mikroelektronik von elementarer Bedeutung – schließlich betreffe sie sämtliche Branchen von Klimaschutz und Mobilität bis zur nachhaltigen Energieversorgung.

„Wir zielen darauf ab, dass diese Tatsache in die Breite der Gesellschaft hinein kommuniziert und verstanden wird – Mikroelektronik ist nahezu unsichtbar, hält aber in vielen Bereichen den Laden am Laufen“, erklärte Professor Robert Weigel, Inhaber des Lehrstuhls für Technische Elektronik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und ebenfalls Co-Autor des Positionspapiers Hidden Electronics III auf dem MST Kongress.

Investitionshürden abbauen, Förderung international benchmarkfähig machen

Die Lage ist in verschiedenen Technologiebereichen unterschiedlich: Die Nachfrage im Bereich Advanced CMOS-Logik ist in Europa derzeit noch niedrig, was sich voraussichtlich mit Edge Computing und Automotive-Anwendungen ändern wird. Die derzeit von Intel und TSMC im europäischen Raum geplanten Fertigungsstandorte haben diesen zukünftigen Bedarf im Blick.

Bei den More-than-Moore-Technologien – darunter fallen zum Beispiel Sensorik, Leistungshalbleiter und Optoelektronik – haben Deutschland und Europa aktuell eine starke Stellung. Vor allem in der Automobilbranche und in der Industrie ist die Nachfrage hoch. Doch auch in diesen Bereich investieren andere Länder intensiv und befinden sich somit auf Aufholjagd.

„Um die Situation generell zu kippen und Wettbewerbsorteile zu schaffen, müssen Hürden für Investitionen abgebaut werden – von überbordender Bürokratie über restriktive Kartellpolitik bis zu Unschärfen im Steuersystem“, ist Professor Weigel überzeugt. Gleichzeitig gelte es nach wie vor, ein international benchmarkfähiges Fördersystem zu etablieren, das regional, national und europaweit schnell Entscheidungen trifft und umsetzt.

„Wir brauchen die klügsten Köpfe“: Qualifikationssystem modernisieren, Start-ups pushen

Neben der mangelnden Verfügbarkeit an Bauteilen und Rohstoffen stellt der zunehmende Mangel an qualifiziertem Fachpersonal Industrie und Gesellschaft vor große Probleme. „Wir müssen die Qualität in der MINT-Ausbildung erhöhen, Qualifikationsmöglichkeiten moderner gestalten und an den Bedarf anpassen – denn wir brauchen die klügsten Köpfe, um am Weltmarkt zu bestehen“, erklärt Dr. Udo-Martin Gómez, Senior Vice President Engineering Sensors & Business Line Sensors bei der Robert Bosch GmbH und weiterer Autor des Positionspapiers Hidden Electronics III.

Im Fokus eines lebendigen Ökosystems aus Forschung und Entwicklung in Universitäten und KMUs stehe auch die aktive Förderung junger Unternehmen und Start-ups, um in Segmenten wie Consumer Electronics, IKT, IoT oder Big Data Kompetenz-Cluster aufzubauen.

Über den MikroSystemTechnik Kongress 2021

Der MST Kongress ist eine Veranstaltung für den Austausch von Experten aus Wissenschaft, Forschung und Industrie. Der vom VDE und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung getragene Kongress findet im zwei jährigen Rhythmus statt, 2021 bereits zum neunten Mal. Im Mittelpunkt steht wieder ein intensiver Austausch zwischen Wissenschaftlern und Ingenieuren aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen in der Mikroelektronik/Mikrosystemtechnik in Deutschland sowie Vertretern der involvierten Ministerien des Bundes und des Landes. 2019 fand der MST Kongress in Berlin statt, wo über 1.000 Expertinnen und Experten aus Deutschland und Europa in Austausch traten – damit ist der Kongress eine der größten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland.

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