Materialwirtschaft Lagerhaltungskosten reduzieren mit System

Redakteur: Johann Wiesböck

Gerade für Baugruppenproduzenten steht eine Verringerung der Lagerhaltungskosten – also jener Kosten für Lagerräume, gebundenes Kapital, Personal sowie für die Versicherung von Vorräten und Räumen – ganz oben auf der Wunschliste. Nach entsprechenden Einsparmöglichkeiten sucht man hier vor allem bei den Lagerbeständen. Um den Vorrat an passiven und elektromechanischen Bauteilen zu organisieren, hat TTI ein elektronisches Logistiksystem entwickelt, das Bestellungen bereits für über 35 000 Artikelnummern verwaltet. Beim EMS-Provider EN kommt das System zum Einsatz.

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Im Lager von TTI wird die benötigte Ware für die jeweils nächsten Produktionswochen des Kunden vom Logistiksystem reserviert und bei Bedarf direkt in einer gebündelten Lieferung verschickt
Im Lager von TTI wird die benötigte Ware für die jeweils nächsten Produktionswochen des Kunden vom Logistiksystem reserviert und bei Bedarf direkt in einer gebündelten Lieferung verschickt
( Archiv: Vogel Business Media )

Der europäische Electronic Manufacturing Service-Provider EN ElectronicNetwork AG stand vor der Herausforderung, seine sieben deutschen Produktionsstandorte über verschiedene PPS-Softwaresysteme miteinander zu verbinden, um den Einkauf der benötigten Elektronikkomponenten zu verwalten. Die Analyse bei EN machte hohe Lagerbestände mit einem insgesamt recht aufwändigen Einkauf sichtbar. Markus Dillmann, Prokurist für Materialwirtschaft bei der EN ElectronicNetwork Gruppe, wertete diesen Umstand als Chance, den Einkauf des Unternehmens neu zu organisieren: „Wir mussten etwas unternehmen, um vor allem unsere Kosten zu senken.“ Eine Lösung, um die Lagerbestände und das darin gebundene Kapital schnell zu reduzieren, fand der Manager beim Spezialdistributor TTI.

Weil sich TTI auf die Distribution von passiven Bauteilen, Steckverbindern und elektromechanischen Komponenten spezialisiert hat, kann sich das Unternehmen eigenen Angaben zufolge besser auf die Besonderheiten dieser Produkte konzentrieren. Mit dem Logistiksystem Advanced Inventory Reservation System (AIRS) hat der Distributor ein elektronisches Bestandsmanagement- und Reservierungssystem entwickelt, das auf die Besonderheiten und Logistikherausforderungen von passiven und elektromechanischen Bauteilen zugeschnitten ist.

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Optimierte Gebindemengen bei passiven Bauteilen

Bei diesen Bauteilen werden in der Regel große Mengen zu geringen Stückpreisen geordert. „Es ist daher sinnvoll, optimierte Gebindemengen mit den Kunden abzustimmen und mit einem intelligenten Logistiksystem die Bauteilkontinuität zu sichern“, sagt Frank Fleck, Strategic Program Manager bei TTI in Maisach-Gernlinden bei München, „damit wird auch direkt positiver Einfluss auf die Rüstkosten in der Produktion genommen.“ So würden die Kunden bei passiven und elektromechanischen Komponenten Fleck zufolge aufgrund der geringen Einzelwerte dieser Bauteile üblicherweise keinen übermäßig hohen Verwaltungs- und Bearbeitungsaufwand haben. Bei typischen C-Teilen empfehle es sich daher, Disposition und Bestellung zu automatisieren, Lieferungen zu bündeln und die Informationsprozesse im Hinblick auf plötzliche Planabweichungen zu optimieren.

Bei EN ElectronicNetwork wurde das elektronische Bestandsmanagement- und Reservierungssystem AIRS zuerst am Produktionsstandort Heiligenhaus in Nordrhein-Westfalen in einem Feldversuch eingesetzt. Es sollte dessen Funktionsweise getestet werden, um festzustellen, ob das System sich für den EMS-Bestücker in der Praxis bewähren und die gewünschten Einsparungen im Bereich der Lagerbestände und des gebundenen Kapitals bringen würde. Zunächst wurden 300 „Highrunner“-Bauteile des Unternehmens in das Logistiksystem eingepflegt und automatisch bewirtschaftet.

Kosteneinsparungen von 25% im ersten Jahr

„Wir waren begeistert. Bereits im ersten Jahr konnten wir mit dem elektronischen Logistiksystem 25% der Lagerhaltungskosten in Heiligenhaus einsparen“, sagt Thomas Schubert, Coach Einkauf und Logistik bei EN ElectronicNetwork in Heiligenhaus. Bald darauf wurde das Logistiksystem auf einen großen Anteil des passiven Einkaufsvolumens ausgedehnt, um inzwischen über 2600 Artikel in allen sieben deutschen Produktionsstandorten zu verwalten. „Der Roll-out des Logistiksystems lief reibungslos; TTI überzeugt uns immer wieder mit viel Know-how, hoher Zuverlässigkeit und hervorragender Lieferleistung“, unterstreicht Dillmann.

Das elektronische Logistiksystem arbeitet mit Bedarfs-Forecasts, die die Kunden entweder per Electronic Data Interchange (EDI) oder via E-Mail in unterschiedlichen Datenformaten in regelmäßigen Intervallen an TTI senden. Basierend auf diesen Forecasts, berechnet das System die benötigten Stückzahlen der jeweiligen Komponenten voraus und disponiert die Ware vor. Im Einkauf des Distributors werden diese Forecast-Daten kontrolliert und die Bestellungen elektronisch an den Hersteller weiter gereicht. Ziel ist es, sich ein Bild über die Bedarfsentwicklung zu machen.

Via Internet sehen, welche Ware reserviert ist

Im Lager des Distributors reserviert das System die benötigte Ware für die jeweils nächsten Produktionswochen des Kunden und versendet die Ware im Bedarfsfall direkt an den Kunden in einer gebündelten Lieferung. „Wir können via Internet-Zugriff verfolgen, welche Ware für uns reserviert ist, und außerdem sehen, welche Mengen der einzelnen Artikel im Lager von TTI noch frei verfügbar sind“, erläutert Schubert. Falls kurzfristig von einem Artikel eine größere Menge benötigt würde als es laut Planung vorgesehen sei, könne EN sofort sehen, ob der Distributor die benötigte Menge zusätzlich liefern könne.

Darüber hinaus harmonisiere der EMS in enger Zusammenarbeit mit dem Distributor die Menge der Bauteile über alle Standorte hinweg. Und Fleck ergänzt: „Weil wir über dieses interne System verfolgen können, an welchem Standort welche Mengen eines bestimmten Artikels im Bestand vorhanden sind, ist auch der einfache Austausch der Ware zwischen den verschiedenen Standorten möglich. Dies bedeutet für uns mehr Flexibilität in der Lagerhaltung. Die Sicherheitsbestände werden dadurch reduziert und die Kapitalkosten sinken.“

Materiallieferungen, die pro Standort einmal in der Woche gebündelt die komplette Menge an Bauteilen beinhalten, die in der jeweiligen Produktionswoche benötigt werden, kann die Warenannahme des Bestückers in den jeweiligen Standorten effizient und einfach bearbeiten. „Dadurch entfällt für uns nicht nur die Materialdisposition, sondern wir brauchen auch viel weniger Lagerfläche, weil wir kaum noch Sicherheitsbestände halten“, fügt Dillmann hinzu.

Einkaufsprozesse optimtiert und Cash-Flow erhöht

Einen der großen Pluspunkte des elektronischen Logistiksystems benennt TTI in der Tatsache, dass Kunden wie der EMS-Provider die Routinearbeiten, die im Einkauf von Standardbauteilen anfallen, abgenommen werden könnten. So müsse lediglich noch der Forecast für die benötigte Ware an den Distributor übermittelt werden. Alles andere erledige das System automatisch. Selbst die Beschaffung von kundenspezifischen Bauteilen würde vereinfacht und das Bauteilrisiko entsprechend transparent und minimiert.

Im Einsatz bei EN ElectronicNetwork zeigt das elektronische Logistiksystem, wie Distributoren die Einkaufsprozesse ihrer Kunden erfolgreich optimieren können und wie eine Zusammenarbeit im Supply Chain Management für produzierende Unternehmen und Distributoren beidseitig entsprechende Vorteile bieten kann. So lassen sich die Lagerhaltungskosten bei den Kunden reduzieren, was zu einer Erhöhung des Cash-Flow führt. Die Distributoren ihrerseits können besser und effektiver disponieren, weil die Routinearbeiten von Disposition und Bestellung vom Logistiksystem erledigt werden. Das elektronische Logistiksystem AIRS bewältigt in Europa bereits Bestellungen im Wert von über einem Drittel des Gesamtumsatzes von TTI Europe und verwaltet über alle Kunden hinweg insgesamt Bestellungen für über 35.000 Artikelnummern.

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