Künstliche Intelligenz: Wie Deutschland China und den USA Paroli bieten will

| Redakteur: Michael Eckstein

Computer mit Köpfchen: Mit einer neuen KI-Strategie der Bundesregierung soll Deutschland im Rennen um die wichtige Zukunftstechnologie Boden gut machen.
Computer mit Köpfchen: Mit einer neuen KI-Strategie der Bundesregierung soll Deutschland im Rennen um die wichtige Zukunftstechnologie Boden gut machen. (Bild: Clipdealer)

Künstliche Intelligenz gilt als das „nächste große Ding“. China hat zwar den Start verpasst, holt aber mächtig auf und will in wenigen Jahren alle anderen überholen. Kann Deutschland mit einem eigenen KI-Masterplan gegenhalten?

Längst hat China die Bedeutung von Halbleitern für praktisch alle weltweiten Märkte erkannt. In wenigen Jahren will das Reich der Mitte daher zum Global Player für Chip-Design und -Fertigung aufsteigen und sich unabhängiger von ausländischen Technologien machen.

Dazu verfolgt das Land einen ehrgeizigen Masterplan, der unter anderem massive Investitionen in aktuelle und zukünftige Schlüsseltechnologien einschließt. Wie unter anderem das Wall Street Journal berichtete, will die Staatsregierung das bereits vorhandene Finanzierungspaket „Big Fund“ um einen zusätzlichen Investitionsfonds mit 47 Mrd. Dollar Volumen ergänzen. Damit stünden bis zu knapp 80 Mrd. Dollar Kapital für Investitionen in Hochtechnologien zur Verfügung.

Hightech aus China: Von Imitation zu Innovation

So gerüstet, nimmt China verstärkt den Markt für Künstliche Intelligenz (KI) beziehungsweise maschinelles Lernen ins Visier. Bislang haben amerikanische Unternehmen beim Thema KI die Nase vorn. Doch die Claims sind längst noch nicht abgesteckt: Neben etablierten Unternehmen wie IBM, Intel und Nvidia entwickeln etliche Startups und universitäre Einrichtungen weltweit KI-Lösungen.

Dank massiver staatlicher Förderung verschieben sich die Marktverhältnisse schnell. China drückt aufs Gaspedal (oder besser: Fahrpedal – denn beim Thema Elektromobilität besetzt China bereits die Pole-Position). Im Westen Pekings soll für umgerechnet 1,76 Mrd. Euro ein riesiger Gewerbepark entstehen. Wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinghua berichtet, sollen sich hier hunderte hungrige KI-Startups ansiedeln, die sich mit zukunftsträchtigen Technologien wie Big Data, Deep Learning, Cloud Computing und biometrischer Erkennung befassen.

„In China gibt es kein ernsthaftes Gesetz, das Daten schützt.“

Die massiven Investitionen der Volksrepublik entfalten auch auf ausländische Unternehmen eine Sogwirkung: So hat etwa Google angekündigt, ebenfalls in Peking ein eigenes KI-Forschungszentrum aufbauen zu wollen – obwohl China Googles Suchmaschine und E-Mail-Dienst aussperrt. Einen möglichen Grund dafür nannte Dong Tao, Manager der Credit Suisse in Asien, laut dem Finanzsender CNBC während einer Investorenkonferenz in Hongkong: „In China gibt es kein ernsthaftes Gesetz, das Daten schützt.“ Firmen haben dadurch mehr Freiheitsgrade für das Entwickeln ihrer Technologien.

Eric Schmidt, der langjährige Chef des Tech-Riesen Google und Vorsitzende des Innovationsbeirats des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, warnte bereits im letzten Herbst, dass Amerika vielleicht noch fünf Jahre tonangebend im Bereich KI sein werde, bevor China auf Augenhöhe sei – wenn die USA nicht massiv in diese Zukunftstechnologie investieren. China selbst will in Sachen KI bis 2025 zur internationalen Spitze gehören, der Wert der heimischen KI-Branche soll dann nach dem Willen des mächtigen Staatsrats voraussichtlich umgerechnet etwa 51 Mrd. Euro betragen.

KI in China: Eigenes Volk als Versuchskaninchen

China hat im Rennen um die KI-Krone einen gewichtigen „Vorteil“: Die Volksrepublik ist de facto ein absolutistischer Staat. Daher bestimmt die Zentralregierung, was wie umgesetzt wird. Das eigene Volk dient häufig als Versuchskaninchen – ob es will oder nicht. Schon heute ist KI in der Gesellschaft omnipräsent. Ganze Städte werden als KI-Cities ausgelegt, inklusive Bewertungssystem für die Einwohner.

Wohin die Reise geht, hat die Kommunistische Partei in ihrem Regierungsplan klar kommuniziert: Demnach könne „die öffentliche Sicherheit dank intelligenter Überwachungs-, Frühwarn- und Kontrollsysteme so lückenlos wie nie zuvor werden“. George Orwell lässt grüßen.

Europa muss agieren – und tut es

Doch egal, ob KI-Technologie aus USA oder China kommen – aus europäischer Sicht sind beide Varianten beunruhigend. Damit Europa auf lange Sicht technologisch nicht unter die Räder kommt, benötigen auch hiesige Unternehmen und Forschungseinrichtungen Unterstützung. Die EU hat bereits breit angelegte Förderprogramme auf den Weg gebracht. Horizon 2020 beispielsweise umfasst ein Volumen von insgesamt rund 77 Mrd. Euro, von denen ein Großteil in Hochtechnologieprojekte fließt.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier warb zuletzt in Paris dafür, das Thema KI auf europäischer Ebene anzugehen: „Wir müssen in enger Zusammenarbeit mit den bestehenden Akteuren, insbesondere den Autoherstellern, einen neuen Akteur bei der künstlichen Intelligenz schaffen, wie wir es mit Airbus gemacht haben“, sagte er der französischen Zeitung „Le Figaro“. Wenig überraschend: Im Fokus sollen Lösungen für selbstfahrende Autos stehen.

Auch auf Bundesebene tut sich etwas: Die Bundesregierung hat „Eckpunkte einer Strategie für Künstliche Intelligenz“ festgezurrt, wie Bundesforschungsministerin Anja Karliczek twitterte. Im Dezember 2018 soll das bislang unter „Masterplan Künstliche Intelligenz“ firmierende Strategiepapier fertig sein. Es soll helfen, Deutschland zu einem führenden Standort für die Zukunftstechnologie zu machen. Viel gewonnen wäre bereits, wenn Deutschland dadurch seinen massiven Rückstand gegenüber Ländern wie eben den USA oder China verringern könnte.

Was ist KI aus Sicht der Regierung? Und was nicht?

Doch das Aufsetzen von Förderprogrammen ist nur eine Seite der Medaille. Wichtig ist, dass geeignete Empfänger die vorgesehenen Mittel auch möglichst schnell und unbürokratisch erhalten. Zweifel daran sind angebracht, wenn man Reaktionen wie die von Johann Ebert, Director & Chief Data Scientist von QBitCRC Solutions, auf die KI-Offensive von Karliczek liest: „Wir haben – als deutsches Unternehmen – schon seit über einem Jahr ein erfolgreiches Produkt am Markt. Förderungen, Darlehen? Fehlanzeige! KEINE Förderstelle begreift überhaupt, was das ist.“

Tatsächlich lässt auch das neue Eckpunktepapier offen, was die Bundesregierung unter dem Begriff „Künstliche Intelligenz“ überhaupt versteht. Und vor allem: was nicht. Letzteres ist aber wichtig, damit nicht Trittbrettfahrer unberechtigt Fördermittel abgreifen und so das anvisierte Momentum für eine beschleunigte Entwicklung von KI-Technologien ausbremsen.

Das Datenschutz-Dilemma

Damit die „Sprunginnovation“ (Zitat aus dem Eckpunkte-Papier) an die internationale Pole-Position für KI gelingt, müsste die Regierung zudem den bestehenden Rechtsrahmen lockern und Unternehmen den Zugriff auf Daten erleichtern. Schließlich bilden große Datenmengen die Basis für KI-Technologien. Ein Dilemma. Denn gleichzeitig setzt die EU beispielsweise mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGOV) im internationalen Vergleich besonders hohe Datenschutzstandards.

Insgesamt ist das von Karliczek vorgestellte Strategiepapier ein Schritt in die richtige Richtung, bleibt aber wolkig und wenig konkret. An vielen Stellen kondensiert Wunschdenken in Vorschläge für den künftigen Einsatz von KI, ohne mögliche Wege dorthin aufzuzeigen. So sollen etwa transparente, nachvollziehbare Verfahren für Vertrauen in KI-Technologien sorgen. Dabei ist Intransparenz eine grundlegende Eigenschaft von neuronalen Netzen.

Es bleibt nicht mehr viel Zeit für konkrete Maßnahmen

Das Papier setzt eine Priorität auf die „Gewinnung und Haltung von KI-Expertinnen und Experten in Deutschland“. Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, sollen neue KI-Lehrstühle gefördert und die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen für junge Wissenschaftler attraktiver gestaltet werden. Das ist dringend nötig, denn mittlerweile wetteifern Konzerne weltweit um KI-Experten, der Talentmarkt ist leergefegt. „Auf dem heutigen Markt ist es sehr schwierig, gute Talente für maschinelles Lernen einzustellen“, weiß beispielsweise Kevin Krewell, Analyst bei Tirias Research.

Auch Fragen der IT-Sicherheit im Zusammenspiel mit KI-Anwendungen bleiben unbeantwortet. Und mit keinem Wort geht das Papier darauf ein, wie zivile KI-Forschung für militärische Zwecke genutzt werden könnte. Dabei versichert die Bundesregierung, dass sie in einen Dialog mit allen Beteiligten treten will, der auch ethische Fragen nicht ausklammert. Bedarf besteht: Erst vor kurzem haben protestierende Google-Mitarbeiter ihren Arbeitgeber dazu gebracht, sich aus der militärischen KI-Forschung zurückzuziehen.

Klar: Die Regierung hat mit den Themen Digitalisierung und speziell KI dicke Bretter zu bohren. Gleichzeitig drängt jedoch die Zeit: Jeder Tag, der bis zur Vorstellung umsetzbarer Ergebnisse verstreicht, ist ein Tag, an dem die Digitalriesen aus China und den USA Fakten schaffen und ihre Dominanz ausbauen.

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