Forschen statt Kommerz Künstliche Intelligenz: China verliert führende KI-Köpfe

Autor / Redakteur: Henrik Bork* / Michael Eckstein

Brain Drain an Chinas KI-Unternehmen: Ein Spitzenforscher nach dem anderen nimmt seinen Hut. Sie wollen lieber forschen als unter hohem Erwartungsdruck kommerzielle Produkte auf den Markt pressen.

Firmen zum Thema

Reale und künstliche Intelligenz: Immer mehr chinesiche KI-Spitzenforscher folgen dem Ruf meist amerikanischer Unis und Unternehmen.
Reale und künstliche Intelligenz: Immer mehr chinesiche KI-Spitzenforscher folgen dem Ruf meist amerikanischer Unis und Unternehmen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Li Lei, einer der führenden Köpfe für künstliche Intelligenz in China, freut sich auf Santa Barbara in Kalifornien. Bis vor kurzem war er Direktor des KI-Labs des chinesischen Tech-Konzerns ByteDance. Jetzt hat er eine Stelle als Professor an der University of California angenommen.

Und weil er nicht der erste KI-Forscher ist, der freiwillig zurück in den Elfenbeinturm akademischer KI-Forschung zurückkehrt, weil es da vielmehr einen veritablen „Brain Drain“ gibt in China, hat sein Jobwechsel nun eine heftige Debatte über die Schwächen der chinesischen KI-Forschung ausgelöst.

Die KI-Forschung in China sei zu kommerziell ausgerichtet, die wichtige Grundlagenforschung werde eher vernachlässigt, sagen die Kritiker. Was die wahre Situation der chinesischen KI-Forschung sei, verglichen mit führenden Labors im Ausland wie Deepmind, FAIR oder Google Research, fragt die chinesische Diskussionsplattform Zhihu, das chinesische Äquivalent von Quora. Die Antwort lasse sich in einem Satz zusammenfassen: “Sie existiere nur dem Namen nach,“ resümiert die chinesische Finanz-Zeitung Huaerjie Jianwen.

Vater der Tik-Tok-Algorithmen wird Professor in Kalifornien

Der Fall Li Lei, sein Weggang ins schöne Santa Barbara, erregt die Gemüter auch deshalb besonders stark, weil er weltweit als einer der führenden Köpfe im Bereich KI gilt. Nach seinem Abschluss von der renommierten Jiatong-Universität in Shanghai hatte er 2011 an der Carnegie Mellon University im Fach Computerwissenschaften promoviert. Anschliessend war er Forscher bei UC Berkeley, lernte als Praktikant bei Google, IBM und Microsoft und arbeitete für Chinas Internet-Suchmaschinen-Konzern Baidu.

Bei ByteDance hatte Li Lei an den Algorithmen gefeilt, die dem Konzern große, internationale Geschäftserfolge wie die Kurzvideo-Plattform Tik Tok, deren chinesische Schwester-Plattform Douyin und den Nachrichtendienst Jinri Toutiao beschert hatten. Persönliche Empfehlungen von Content, stetig verbessert, haben ein Milliardengeschäft begründet, und Spitzenforscher wie Li Lei haben wesentlich dazu beigetragen. (Dass seither weltweit Millionen von Eltern mit dem Problem kämpfen, wie sie mit der Sucht ihrer Kinder nach Tik Tok umgehen sollen, steht auf einem anderen Blatt.)

Lieber an der Uni forschen als für „BAT“ arbeiten

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Top-Forscher wie Li Lei gegen die in China boomende Internet-Industrie und für einen Job als Professor entscheidet. Zuvor hatte Andrew Ng das Forschungslabor des chinesischen Suchmaschinen-Riesen Baidu verlassen. Der Vater des „Brain-Projektes“ bei Google, internationale bekannt, arbeitete lieber für das Startup Woebot.

Eine ganze Reihe prominenter KI-Forscher in China hat „BAT“ inzwischen den Rücken gekehrt, wie das bis vor kurzem als beinahe unschlagbar geltende Unternehmens-Trio aus Baidu (B), Alibaba (A) und Tencent (T) genannt wird. Und auch den neuen Erfolgskonzernen im Olymp des chinesischen E-Commerce ergeht es nicht besser.

Ma Weiying hatte drei Jahre lang das AI-Lab von ByteDance geführt, wechselte dann aber vergangenes Jahr an die Tsinghua-Universität in Peking. Auch die bekannte chinesische Forscherin Fei-fei Li ging aus China zurück an die Stanford-Universität.

„Entscheidungsträger ohne Vision“

„Zu sehr auf Business ausgerichtet“, Laboratorien, die „auf internes Algorithmen-Outsourcing reduziert“ worden sind, und Entscheidungsträger „ohne Vision“ sieht Huaerjie Jianwen in China. Die KI stehe in China unter dem ständigen Druck, möglichst schnell kommerzielle Erfolge liefern zu müssen. Chinas Unternehmen hätten eben den Punkt erreicht, wo sie unbedingt „Geld machen müssen“, kommentiert das Fachportal Ji Qi Zhi Neng. Diesem wachsenden Druck entzögen sich die führenden KI-Köpfe und gingen lieber zurück an die Uni, heißt es in mehreren Analysen in chinesischen Medien.

Das Thema hat seit dem Technologie-und Handelskrieg zwischen Washington und Peking, in dem es explizit um die Technologieführerschaft im Bereich High-Tech geht, an zusätzlicher Brisanz gewonnen. Chinas kommunistische Führung hat erkannt, wie wichtig KI für ihre Ambitionen ist, den USA bei KI-Chips, dem autonomen Fahren, Robotik oder auf anderen Zukunftsfeldern Konkurrenz zu machen und autarker zu werden.

Den KI-Forschern des Landes hat sie schon 2017 in einem ehrgeizigen Plan die Aufgabe erteilt, „bis 2025 fundamentale Durchbrüche” zu machen. Bis 2030 will China dann schon „das führende Innovations-Zentrum der Welt“ sein.

Überleben „irgendwo zwischen Forschung und Kommerz“

Allerdings finden die wirklichen Durchbrüche im Bereich der KI derzeit immer noch eher in den USA statt. Die Fortschritte von Google AlphaFold 2 bei der KI-gestützten Erforschung von Protein-Strukturen zum Beispiel. In China, so kritisieren mehrere Experten den Status Quo, beschränke man sich gleichzeitig auf lobenswerte Anwendungs-Szenarios wie KI für die Olympischen Winterspiele in Peking oder KI für die Bekämpfung der Corona-Epidemie.

Der hohe Erwartungsdruck seitens der Regierung wird als ein Grund für den schleichenden „Brain Drain“, also die stetige Abwanderung führender Köpfe aus China genannt, die „unklare Positionierung der KI-Forschungslabs in China“ als ein anderer. KI-Forschung in China versuche irgendwo zwischen wissenschaftlicher Forschung und Kommerz zu überleben, heißt es. Klar ist nur, dass es schwierig werden dürfte mit dem von der Kommunistischen Partei angestrebten Sieg im KI-Wettrennen mit den USA, sollte es so weitergehen.

Peking reagiert auf die Herausforderung, wie in letzter Zeit in vielen Bereichen, indem es den staatlichen Sektor stärkt. An der „Beijing Academy of Artificial Intelligence“ oder BAAI werden Forscher mit riesigen Regierungs-Budgets verwöhnt, wenn sie an neuen Sprach-Algorithmen arbeiten. Man wolle GPT-3 Konkurrenz machen, dem auto-regressiven Sprachmodell von OpenAI in San Francisco, berichtet ein Reporter des Magazins „Wired“ nach einem Besuch bei BAAI im „Pekinger Silicon Valley“ Zhongguan Cun.

Chinas Stärke wird zur Hürde

Doch bevor solche Initiativen möglicherweise Früchte tragen, kämpft China im KI-Wettrennen mit den USA mit einer Hürde, die paradoxerweise in anderen Bereichen immer seine Stärke war: Die pragmatische Weiterentwicklung von Erfindungen und ihre schnelle Umsetzung in kommerzielle Anwendungen ist es, was Chinas Wirtschaft so stark wachsen lässt. Für echte Durchbrüche im Bereich Künstliche Intelligenz aber müsste man Forschern wohl mehr Freiheit lassen, ohne kommerziellen Druck zu arbeiten.

Chinas KI-Forschung könne momentan „weder den Zenith erreichen, noch wirklich den Boden berühren“ urteilt Li Guojie, ein Akademiker an der „Chinese Academy of Engineering“ in einem Aufsatz im Wissenschafts-Portal Kexue Wang. „Der Unterschied zwischen uns und Forschern Erster Klasse ist, dass wir nicht genug Begeisterung dafür aufbringen, wesentliche wissenschaftliche Themen anzugehen,“ kommentiert der chinesische KI-Experte.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

(ID:47580446)