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Krypto-Mining – Ein Goldrausch wie im Wilden Westen

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Tesla hat neulich unerwünschten Besuch bekommen: Hackern ist es gelungen, in den Cloud-Dienst des Autobauers einzubrechen. Doch anstatt sich mit Kundendaten aus dem Staub zu machen, hatten es die Angreifer auf die Rechenleistung der Server abgesehen: Sie installierten ein Protokoll, dass die Rechner dazu zwang, im Hintergrund Bitcoins für die Hacker zu schürfen.

Sebastian Gerstl, Redakteur ELEKTRONIKPRAXIS: „Wenn die Blockchain nicht vom Krypto-Mining-Hype loskommt, bleiben vom Goldrausch nur Geisterstädte.“
Sebastian Gerstl, Redakteur ELEKTRONIKPRAXIS: „Wenn die Blockchain nicht vom Krypto-Mining-Hype loskommt, bleiben vom Goldrausch nur Geisterstädte.“
(Bild: VBM)

Der spekulative Wert der Bitcoin eine regelrechte Achterbahnfahrt durchgemacht: Von knapp unter 1000 US-Dollar im Januar 2017 schoss der Kurs urplötzlich rasant auf knapp 20.000 US-Dollar im Dezember. Schneller Reichtum mit wenig Aufwand – Was folgte, muss sich wie der kalifornische Goldrausch von 1849 angefühlt haben. Weltweit wurden Menschen plötzlich zu Bitcoin-Schürfern. Wer kann, der leistet sich teure Spezial-Ausrüstung, für die TSMC oder Samsung sogar eigens Krypto-Mining-ASICs fabrizieren. Wer sich das nicht leisten kann, versucht, mit alten Rechnern oder billigen Single-Board-Computern in Mining-Kooperationen noch ein paar Goldkrumen abzustauben.

Und wie beim Goldrausch sind auch die Gesetzlosen nicht fern: Claimjumper, die sich fremdes Eigentum – wie die Tesla-Cloud – unter den Nagel reißen, um von dort aus Gold zu gewinnen. Bank- und Postkutschenräuber, die gezielt Tauschbörsen wie das japanische Coincheck überfallen, wo kürzlich knapp 530 Millionen US-Dollar an Kryptowährung verschwanden. Wer sich auf die falsche Webseite begibt, dem kann es passieren, dass er überfallen wird – plötzlich arbeitet der Webbrowser oder das Smartphone im Hintergrund für jemand anderen Bitcoins ab. Auch zwielichtige Spekulanten, die mit dubiosen Anzeigen für den Kauf der Kryptowährung werben, sind nicht fern.

Der Hype macht erfinderisch, wenn es um den Wunsch geht, mit dem Krypto-Hype Geld zu machen. Davon bleiben auch Celebrities oder gar Regierungskreise nicht verschont. Ein kurioses Beispiel ist B-Movie-Actionstar Steven Seagal, der derzeit für Investitionen in eine Kryptowährung namens „Bitcoiin“ wirbt – man beachte das zweite i im Namen. Wie schon im Wilden Westen an jeder mutmaßlichen Goldfundsstelle in Weindeseile Städte und Camps aus dem Boden schossen, scheinen derzeit an allen möglichen und unmöglichen Stellen neue Kryptowährungen zu entstehen. Sogar die Regierung von Venezuela versucht nun, mit einer eigenen staatlichen Bitcoin-Variante namens „Petro“ die klammen Staatskassen zu sanieren.

Angesichts all dessen wollen allerdings andere Regierungen nun Schluss machen mit der Wild-West-Mentalität. In einigen Nationen wurde bereits damit begonnen, das ungezügelte Krypto-Mining zu regulieren: Russland, China, Japan und Südkorea haben Kryptowährungs-Tauschbörsen auf verschiedene Art nun unter staatliche Aufsicht gestellt. Teilweise existieren sogar Pläne, das Kryptomining selbst zu regulieren. Inzwischen ist der Bitcoin-Kurs binnen weniger als 10 Wochen vom 20.000-Dollar-Höchststand wieder auf knapp unter 9000 Dollar abgesackt – die ersten Spekulations-Verlierer bleiben bereits auf der Strecke.

Wüste Spekulanten, unerfahrene Schürfer, kaltblütige Banditen und Unternehmer, die sich am Verkauf von Ausrüstung und der naiven Gier der Hoffnungsvollen bereichern. Der Geist von 1849 lebt derzeit in Bitcoin und Konsorten weiter. Wohin läuft es mit dem neuen Goldrausch? Die Idee hinter der Blockchain – eine transparente, dezentralisierte Datenbank für fälschungssicheren Datentausch – ist gerade im Zeitalter der Digitalisierung vielversprechend. Wenn es gut geht, führt sie uns zu neuen technologischen Hochburgen, die Reichtum und Lebensqualität bringen. Wenn die Blockchain aber nicht von dem Kryptowährungs-Hype loskommt, bleiben davon wohl nur verwüstete Landschaften, verwaiste Geisterstädte und ruinierte Träume.

Ich besitze keine Bitcoin. Aber ich hoffe noch darauf, dass jemand aus der Idee etwas Vernünftiges erschafft, was von Dauer ist.

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