Kriselnde Industrie-Ikone: Schafft General Electric die Wende?

| Autor / Redakteur: Hannes Breustedt, dpa / Sebastian Gerstl

John Flannery, Vorstandsvorsitzender von General Electric. Der 125 Jahre alte Traditionskonzern durchläuft abermals ein scharzes Jahr. Radikale Maßnahmen sollen nun das Ruder herumreißen und General Electric noch einmal aus der Krise retten.
John Flannery, Vorstandsvorsitzender von General Electric. Der 125 Jahre alte Traditionskonzern durchläuft abermals ein scharzes Jahr. Radikale Maßnahmen sollen nun das Ruder herumreißen und General Electric noch einmal aus der Krise retten. (Bild: dpa - Bildfunk)

General Electric hat 2017 nichts zu lachen: Maue Gewinne, größter Verlierer an der Börse, die Kreditnote wackelt. Unter neuer Führung will der Industrie-Riese zu alter Stärke zurück. Nun verkündet der Konzern schmerzhafte Einschnitte.

Einst Aushängeschild, heute Sorgenkind: General Electric (GE) hat sich vom Innovationsführer zum trägen Dino der US-Wirtschaft und Prügelknaben der Wall Street entwickelt. Der 125 Jahre alte Großkonzern, dessen Wurzeln auf den Glühbirnen-Erfinder Thomas Edison zurückgehen, erlebt ein schwarzes Jahr. Nun will der neue GE-Chef John Flannery das Ruder herumreißen.

Der Top-Manager übernahm den Spitzenposten im August von Jeff Immelt, der stark in der Kritik stand. Doch Flannerys wichtigster Auftritt folgte am Montag, als er verkündete, wie GE wieder in die Spur kommen soll. Nach der 16-jährigen Immelt-Ära soll der Siemens-Konkurrent gründlich umgekrempelt werden. Künftig soll das Geschäft kleiner und einfacher werden, das Beste auf dem Markt bieten und wichtig für das moderne Leben sein, erklärte Flannery. Auch die Aktionäre müssen bluten.

Der Druck auf den Konzern ist groß. Im US-Leitindex Dow Jones Industrial Average ist GE mit Kursverlusten von rund 37 Prozent der mit Abstand größte Verlierer im bisherigen Jahresverlauf. Wenn es ganz bitter kommt, droht dem Unternehmen der erste Abstieg aus dem Börsenbarometer seit 110 Jahren. Damit würde Finanzgeschichte geschrieben: GE zählte zu den Gründungsmitgliedern, als der Dow 1896 an den Start ging, und ist seit 1907 ununterbrochen dabei.

Anzeichen für den Niedergang gibt es viele. Die Ratingagenturen Fitch und Standard & Poor's (S&P) drohten jüngst mit Abstufungen der Kreditnote, die GE mit höheren Finanzierungskosten bezahlen könnte. Früher war der Konzern eines von wenigen Unternehmen mit Top-Bonität, mittlerweile ist die Bewertung bei S&P auf die vierthöchste Stufe «AA-» gesunken. Was hat die Industrie-Ikone so ramponiert?

Anders als in vorherigen Schieflagen - etwa während der Großen Depression der 1930er Jahre oder der Finanzkrise 2008 - kann diesmal kein Börsen-Crash oder Wirtschaftskollaps verantwortlich gemacht werden. Analysten halten die Probleme größtenteils für hausgemacht. Zum Symbol für Verschwendung und Missmanagement wurde kürzlich ein leeres Ersatzflugzeug, das Ex-Chef Immelt dem «Wall Street Journal» zufolge zusätzlich zum Firmenjet zu Geschäftsreisen mitnahm.

Die Praxis - vom Konzern kleinlaut mit dem Hinweis, es habe sich nur um Einzelfälle gehandelt, eingeräumt - ist nur eine Randnotiz. Der maßvolle Einsatz der Firmenjets soll eine von Flannerys ersten Sparmaßnahmen sein. Andere Fehlentscheidungen zu korrigieren und die Kosten wirklich nennenswert zu reduzieren, dürfte deutlich schwieriger werden. Denn die Geschäfte laufen schlecht, obwohl in den letzten Jahren bereits ein enormer Konzernumbau stattfand.

Nach schlechten Erfahrungen in der Finanzkrise hatte Immelt eine Rückbesinnung auf das industrielle Kerngeschäft durchgesetzt. Die Tochter GE Capital, deren Finanzdienstleistungen einst mehr als die Hälfte zum Umsatz beisteuerten, wurde fast vollständig eingestampft. Stattdessen setzte man aufs Energiegeschäft - mit schlechtem Timing. GE machte sich mit dem Kauf der Energiesparte des Rivalen Alstom 2015 noch abhängiger von Öl- und Gas - just, als die Preise einbrachen.

Nun sollen radikale Entscheidungen den Riesenkonzern mit rund 295 000 Mitarbeitern wieder auf Kurs bringen. GE solle sich auf Luftfahrt, Energie und Gesundheitstechnik konzentrieren, kündigte Flannery an. Er bekräftigte den Plan, sich binnen ein bis zwei Jahren von Sparten oder Vermögenswerten im Umfang von 20 Milliarden Dollar (17,1 Mrd Euro) zu trennen. Auf dem Prüfstand stehen das Zuggeschäft, Industrielösungen, die Lichtsparte und zehn weitere Bereiche.

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Eine «Option» sieht Flannery zudem bei der Beteiligung am Ölfeld-Ausrüster Baker Hughes. Auch in der Führungsetage soll der Rotstift regieren: Der Verwaltungsrat soll von 18 auf 12 Mitglieder schrumpfen. Davon sollen nur 9 aus der bisherigen Besetzung des Gremiums stammen.

Auch um schmerzhafte Einschnitte für die Aktionäre kommt GE nicht herum. Erst zum zweiten Mal nach der großen Wirtschaftskrise in den Dreißigerjahren sinkt die Dividende. Sie wird auf 48 Cent pro Jahr halbiert. So bleibt mehr Geld im Unternehmen. Die Entscheidung sei nicht leicht gefallen, sagte Flannery. Eine Dividendenkürzung schien lange als undenkbar - dies gab es zuletzt in der globalen Finanzkrise 2009. Nun ist wieder der Härtefall eingetreten.

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posted am 14.11.2017 um 19:15 von Unregistriert

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